Ungleiches Verhältnis Warum der Männerüberschuss bei jungen Menschen im Osten so groß ist

Manuel Mohr
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Was in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen in den vergangenen 30 Jahren passiert ist, ist laut Wissenschaft in dieser Form einmalig: Mehrheitlich junge und gut ausgebildete Frauen verließen auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen in großer Zahl ihre Heimatregionen. Die Folge ist ein in Europa nahezu einmaliger Überschuss an Männern.

Einsamer junger Mann steht an Seeufer und blickt in die Ferne.
In manchen Regionen leben bis zu 25 Prozent mehr junge Männer als gleichaltrige Frauen. Bildrechte: MDR/Unsplash/Lukas Rychvalsky

Junge Frauen verließen – und verlassen immer noch – ihre Heimat in Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Thüringen, um eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Junge Männer taten und tun dies ebenfalls, allerdings nicht im gleichen Ausmaß. Die Folge dieses einseitigen Wanderungsprozesses: In bestimmten Altersgruppen gibt es deutlich mehr Männer als Frauen – in der Wissenschaft wird das als "Männerüberschuss" bezeichnet. Besonders betroffen davon sind genau die Altersgruppen, in denen sich normalerweise feste Partnerschaften bilden und Kinder geboren werden.

Das damalige Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr in Sachsen-Anhalt beschrieb diese Entwicklung bereits im Jahr 2011 in einer Studie wie folgt:

Durch selektive Abwanderung junger Frauen entstand ein Männerüberschuss von bis zu 25 Prozent. Fachleute sehen dieses Übergewicht nicht nur als ein komplexes Maß für die Entwicklungsprobleme ländlicher Räume an. Sie problematisieren zudem, dass hier eine Generation junger Männer heranwächst, die mangels Frauen keine Chance haben, ein bürgerliches Familienkonzept zu realisieren.

Sachsen-Anhalt REGIONAL, 2011

Wie stark sich das Geschlechterverhältnis seit der Wiedervereinigung verändert hat, wird beim Vergleich der Jahre 1990 und 2020 am Beispiel von Sachsen-Anhalt überaus deutlich. Betrachtet man die Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen im Jahr der Wiedervereinigung 1990, so kamen umgerechnet auf 100 Frauen etwa 100 bis 106 Männer. Dieses Verhältnis entspricht ziemlich genau dem Geschlechterverhältnis bei der Geburt, das seit den 1950er-Jahren in Deutschland bei rund 106 Jungen je 100 Mädchen liegt.

Im Jahr 2020 hingegen wird der Überhang an Männern deutlich, der im Alter von etwa 18 Jahren beginnt und erst ungefähr im Alter von 40 wieder kleiner wird. Diese Entwicklung ist nicht nur in Sachsen-Anhalt zu beobachten, sondern nahezu identisch auch in Sachsen und Thüringen. Dabei sind jeweils genau die Altersgruppen am stärksten betroffen, die sich hauptsächlich in der Lebensphase befinden, in der die meisten Familien gegründet werden. Denn Frauen in Deutschland werden nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Alter von etwa 30 Jahren das erste Mal Mutter, Männer im Alter von rund 33 Jahren das erste Mal Vater.

Höchster Männerüberschuss in Sachsen-Anhalt und Thüringen

Im Vergleich zu den anderen Bundesländern und sogar zu Europa ist das Phänomen Männerüberschuss in nahezu allen neuen Bundesländern überdurchschnittlich stark und in Sachsen-Anhalt und Thüringen besonders prägnant ausgebildet. So kommen beispielsweise bei den 20- bis 29-Jährigen in Sachsen-Anhalt rein rechnerisch 115 Männer auf 100 Frauen. In Berlin und Hamburg hingegen liegen die Werte knapp unter 100.

Bei den 30- bis 39-Jährigen sind die Werte zwar nicht mehr ganz so weit auseinander, jedoch sind die Werte hierzulande weiterhin die höchsten.

Peter Eibich, stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe "Demografie der Arbeit" am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, sieht für dieses ungleiche Geschlechterverhältnis vor allem zwei wesentliche Gründe, wie er dem MDR sagte:

Ein Grund ist, dass der Bildungsgrad bei den Frauen höher ist als bei den Männern – also mehr Mädchen als Jungen das Abitur machen. Von denen wiederum ziehen mehr in andere Regionen für ein Studium oder für eine Ausbildung, die sich an Gymnasiasten richtet.

Peter Eibich Max-Planck-Institut für demographische Forschung

Das spiegelt sich auch in Daten des Statistischen Bundesamts wider. In den vergangenen 25 Jahren waren unter allen Schülern in Deutschland etwas mehr Jungen (51 Prozent) als Mädchen (49 Prozent), diese wiederum erlangten jedoch deutlicher häufiger das Abitur und Fachabitur. Männliche Jugendliche verließen die Schule hingegen deutlich öfter mit einem Hauptschul- oder gar keinem Abschluss.

Den zweiten Hauptgrund für den Männerüberhang in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sieht Demograf Eibich darin, dass viele der – mehrheitlich weiblichen – Weggezogenen nicht mehr zurück in ihre Heimatregionen kommen, weil sie aufgrund ihrer Qualifikationen das vorhandene Arbeitsplatzangebot gerade in ländlichen Gebieten nicht wieder in die Heimat locken würde.

So ist die Lage in Ihrer Region

Hinter den jeweils landesweiten Zahlen zum Männerüberschuss in einer Altersgruppe stecken regional betrachtet enorme Unterschiede, die laut Wissenschaftlern ab einem bestimmten Punkt problematisch werden können:

Frauen sind als positive Impulsgeber in zwischenmenschlichen Beziehungen, als sozialer Puffer und Kulturträger eindeutig identifiziert. Bei über 20 Prozent Männerüberschuss verändern sich Werte, Normen und Leitbilder; greift eine ungesunde Lebensführung um sich, kommt es zur Radikalisierung im Sozialverhalten und zur politischen Polarisierung bis hin zur Entwicklung von Gruppen mit extremistischen Orientierungen.

Sozialökonomische Effekte des demographischen Wandels in ländlichen Räumen Sachsen-Anhalts Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa, Halle

Ein Männerüberschuss von mehr als 20 Prozent – also mehr als 120 Männer je 100 Frauen – ist in der Altersgruppe 20 bis 29 in einer Vielzahl der Städte und Landkreise in Sachsen-Anhalt, Sachsen und insbesondere in Thüringen zu beobachten. Am höchsten ist dort das Frauendefizit im Ilm-Kreis (140 Männer je 100 Frauen) sowie in Suhl (138). Im Gegensatz dazu leben nur in Erfurt, Weimar, Halle und Leipzig mehr junge Frauen als junge Männer.

Diese Verteilung bestätigt einerseits die wissenschaftlichen Beobachtungen hinsichtlich der ungleichen Wanderungsbewegungen nach dem Schulabschluss. Dazu kommt auch, dass die Ausrichtung von Hochschulen ausschlaggebend für das Geschlechterverhältnis in der Region sein kann. Denn während an der Technischen Universität in Ilmenau (Ilm-Kreis) mehr als 70 Prozent der Studierenden männlich sind, sind beispielsweise an der Uni Erfurt rund 70 Prozent der Studierenden weiblich.

Bei den 30- bis 39-Jährigen ist der regionale Männerüberschuss in der Spitze zwar nicht mehr so extrem, dafür flächendeckend ausgeprägt. Besonders stechen hier die Städte Jena und Chemnitz hervor. Aber auch in Städten wie Leipzig, Halle und Erfurt – die in der jüngeren Altersgruppe noch einen Frauenüberschuss vorweisen konnten – ist der Männeranteil nun deutlich höher. Viele der Frauen, die also für ein Studium oder eine Ausbildung in die Stadt gezogen sind, haben diese im Alter von 30 bereits wieder verlassen.

Einzelne kleinere Orte und Städte weisen auf den ersten Blick ebenfalls einen deutlichen Überhang an Männern im Alter zwischen 20 und 39 vor. Allerdings beeinflussen dort oftmals Kasernen oder Geflüchtetenunterkünfte die offiziellen Daten.

Im Podcast "Was bleibt" berichtet Manuel Mohr ausführlich von seiner Recherche.

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Abwanderung vorerst gestoppt

Betrachtet man den gesamten Zeitraum seit 1990 bis heute, so hat sich bei den 20- bis 29-Jährigen der Überhang an Männern bis etwas zur Jahrtausendwende immer weiter zugespitzt und seither wieder etwas entspannt. Auf diese Entwicklung hatte die vor allem im Jahr 2015 stark erhöhte Zahl der Asylsuchenden in Deutschland nur einen temporären Einfluss.

Bei den 30- bis 39-Jährigen ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, allerdings zeitlich um einige Jahre versetzt. So stieg in dieser Altersgruppe der Männerüberschuss noch bis etwa zum Jahr 2010 an, seither sind die Werte leicht rückläufig.

Ein maßgeblicher Grund für diese Entwicklungen: Mittlerweile ist das sogenannte Wanderungssaldo von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder positiv. Das bedeutet, dass mehr Menschen her- als wegziehen.

Deutlich wird das am Beispiel von Sachsen-Anhalt: Nach der Wiedervereinigung verließen in der Altersgruppe 18 bis 24 viele junge Menschen das Land, mehrheitlich Frauen. Dieser Prozess nahm mit der Zeit ab, doch noch im Jahr 2010 war das Wanderungssaldo negativ, es verließen also mehr junge Menschen das Land als herzogen. Im Jahr 2020 hingegen überwiegt der Zuzug.

Betrachtet man die Bundesländer Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen als Ganzes, hat der Stopp der jahrelangen Abwanderung – insbesondere der jungen Frauen – dazu geführt, dass sich der Männerüberschuss aktuell nicht weiter verschärft. Regional betrachtet sind die Unterschiede jedoch weiter immens. Für den Demografen Peter Eibich lässt sich das teils starke Geschlechterverhältnis nur über Veränderungen am Arbeitsmarkt und dem Arbeitsplatzangebot regulieren.

Das ist aber natürlich nicht so ganz einfach. Denn wenn die strukturschwächeren Regionen in Ostdeutschland wüssten, wie sie mehr Arbeitsplätze bei sich vor Ort schaffen könnten, dann hätten sie das vermutlich schon lange getan. Eben das wäre aber der Schlüssel dafür, dass gerade die gut ausgebildeten Frauen vielleicht wieder in die Regionen zurückkehren, aus denen sie ursprünglich stammen.

Peter Eibich Max-Planck-Institut für demographische Forschung

Über die Daten

Grundlage der Recherchen sind umfangreiche Bevölkerungsdaten der Statistischen Landesämter in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Diese liegen MDR Data vor und wurden für den Zeitraum 1990 bis 2020 jeweils zum Stichtag 31.12. aufgeschlüsselt nach Region und Altersgruppe analysiert.

So konnten für jede Region (Bundesland, Landkreis bzw. kreisfreie Stadt, Gemeinde) und 17 verschiedene Alterskohorten das jeweilige Geschlechterverhältnis zu einem bestimmten Stichtag errechnet werden.

Manuel Mohr
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Über den Autor Manuel Mohr arbeitet seit 2017 als Datenjournalist beim MDR in Magdeburg. Sein Aufgabenschwerpunkt liegt in der Recherche und Analyse von Daten, aus denen Geschichten für Online, Radio und Fernsehen entstehen. Vor der Rückkehr in seine Heimatstadt war Manuel Mohr für mehrere Jahre beim Bayerischen Rundfunk in München.

Während der Corona-Pandemie informierte er regelmäßig über Fallzahl-Statistiken, Studien und Analysen und ordnet diese Daten ein.

MDR (Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. Mai 2022 | 06:00 Uhr

1 Kommentar

Matthi vor 13 Wochen

Der Artikel ist gut geschrieben weil auch die Auslöser von der Problematik genannt werden. Es ist ja heutzutage noch so, wenn man Karriere machen will entscheidet unter anderem wo man Studiert, Arbeitet und welchem Netzwerk man angehört.

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