"Rüstungsschmiede Mitteldeutschland" | Teil I Wie das Dresdner Goehle-Werk zur Rüstungsschmiede wurde

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Auch die Fabriken standen still, die Rüstungsgüter für die Front hergestellt hatten: Panzer, Flugzeuge und Munition – vieles davon aus Mitteldeutschland. Einige Betriebe hatten schon Ende der 1930er-Jahre auf Kriegswirtschaft umgestellt, so auch das Goehle-Werk in Dresden: Erst liefen hier Nähmaschinen vom Band, dann Zeitzünder für Bomben.

Schwarzweiß Bild vom zerstörten Brabag-Werk in Zeitz
Viele mitteldeutsche Betriebe wurden erst ein Opfer der Kriegswirtschaft, dann des Krieges selbst: Das zerbombte Brabag-Hydrierwerk in Zeitz im April 1945. Bildrechte: imago/Leemage

Hinter den Gleisen der Bahnstation Dresden-Pieschen liegt ein graubrauner Gebäudekomplex, der mit seiner klotzigen Architektur ins Auge fällt: Zwei wuchtige Türme, Fenster wie Schießscharten, glatter Stahlbeton. Das Optikunternehmen Zeiss Ikon produzierte hier in den 1940er-Jahren Kriegsgerät für die NS-Marine.

Die waren fast pleite und hatten auf Kurzarbeit gesetzt. Mit der Umstellung auf Rüstungsproduktion arbeitete das Unternehmen innerhalb weniger Jahre wieder voll und machte große Gewinne.

Barbara Lubich, Historikerin

Die promovierte Historikerin und Filmemacherin Barbara Lubich kennt die Geschichte des ehemaligen Goehle-Werks sehr genau. Als Gründungsmitglied des Kulturkollektivs Zentralwerk haucht sie der lang leerstehenden Fabrik heute neues Leben ein.

Umbau für den Krieg schon ab 1938

Bis in die 1930er-Jahre hatte die Clemens Müller AG auf dem Areal ihre Näh- und Schreibmaschinen produziert. Doch ab 1938 wurde das Werk zur Rüstungsschmiede umgebaut. Der Auftrag kam direkt vom Oberkommando der Marine. In dafür neu errichteten Hallen sollte Zeiss Ikon hier Zeitzünder und Flakgeschosse herstellen.

Zu diesem Zeitpunkt war das noch eine Besonderheit, sagt Julius Scharnetzky von der Gedenkstätte Flossenbürg. Das KZ unterhielt im Goehle-Werk damals ein Außenlager: "In Sachsen schwenkt man erst in der zweiten Kriegshälfte auf Rüstungsproduktion um. Das hängt vor allem mit einer Verlagerung von Rüstungsfabrikation aus Gebieten zusammen, die schwer von Luftangriffen getroffen waren. Sachsen war lange Zeit für die alliierten Flieger nicht erreichbar, also ein sicherer Ort für die Rüstungsproduktion."

Doch nicht nur an den Fließbändern rüstete Deutschland massiv auf, auch die Architektur des neuen Goehle-Werks, erdacht von den Dresdner Professoren Georg Rüth und Emil Högg, sprach Bände. Der Militärhistoriker Jens Wehner erklärt, "dass Teile der Gebäude luftschutzsicher sind. Also man hat Luftangriffe von tschechischer Seite eingeplant. Das ist eine generelle Kriegsvorbereitung gewesen."

Nur wenige Unternehmer haderten mit dem Regime, sagt Wehner. "Man hatte die Weltwirtschaftskrise 1929, man hatte auch in weiten Teilen der Bevölkerung, und natürlich auch unter den Unternehmern, eine sehr nationale Gesinnung. Das öffnete der Rüstungskonjunktur natürlich Tür und Tor. Gleichwohl gab es Unternehmer, Stichwort ist für Mitteldeutschland Hugo Junkers, die versucht haben, sich dem zu verweigern. Aber das war eine Minderheit.

Häftlinge und Zwangsarbeiter an den Maschinen

So wie in Dresden stellten viele mitteldeutsche Firmen von Frieden auf Krieg um. Der HASAG-Konzern aus Leipzig etwa produzierte ursprünglich Lampen und Metallwaren, schwang sich in der NS-Zeit aber zum größten Munitionsfabrikanten in Sachsen auf – mit tausenden KZ-Häftlinge und jüdische Arbeiter an seinen Maschinen.

Das war im Goehle-Werk nicht anders. 1941 liefen hier über eine Million Zünder vom Band – viele von Zwangsarbeitern gefertigt, darunter die spätere Schriftstellerin Henny Brenner. Sie sagte 2012 in einem Interview:

Wir waren eine Gruppe von jungen Menschen, die diese Arbeit machten. Und wir saßen an so ganz kleinen Tischen, damit wir das Kinn fast auflegen konnten bei der Arbeit. Im Spaß nannte man uns den Kindergarten.

Henny Brenner, Zeitzeugin

Ein "Kindergarten", der unter schlimmsten Bedingungen kriegsentscheidende Teile liefern sollte. Denn in die Flugabwehr setzte die Wehrmacht große Hoffnungen, wenn auch vergebens. Am 13. Februar 1945 legten die Alliierten Dresden in Schutt und Asche – nur nicht das Goehle-Werk, sagt Barbara Lubich vom heutigen Zentralwerk: "Das ist die Ironie des Schicksals, dass das Goehle-Werk nicht bombardiert wurde, während das Zentrum der Stadt zerstört worden ist. Dort, wo es sich bewiesen hätte, dass Sachsen ein Rüstungsort war, da fielen keine Bomben."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Mai 2020 | 09:03 Uhr

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