"Rüstungsschmiede Mitteldeutschland" | Teil 3 Aufstieg und Fall der Magdeburger Polte-Werke

Ohne die mitteldeutsche Rüstungsindustrie wäre die Wehrmacht schon früher am Ende gewesen. Zu den bedeutenden "NS-Musterbetrieben" zählten damals die Polte-Werke in Magdeburg. Der größte Fabrikant von Munition beschäftigte mit Kriegsbeginn eine große Zahl Zwangsarbeiter, ab 1943 zunehmend auch KZ-Häftlinge. Heute ist der Name "Polte" stark in Vergessenheit geraten.

Er begann, wie so viele, mit friedlichen Absichten. 1885 kauft der Ingenieur Eugen Polte eine kleine Metallgießerei in Magdeburg. Sie stellen Wasserhähne, Ventile und Feuerwehr-Zubehör her. Aber dann kam der erste Großauftrag für Patronenhülsen vom Preußischen Kriegsministerium.

Katja Hartmann, Historikerin am Militärhistorischen Museum Dresden erzählt: "Hier zeichnet sich Eugen Polte als Problemlöser aus, der unter Druck neue Fertigungswege und auch komplette Fertigungsstraßen zustande bringt, um wirklich unter schwierigen Bedienungen eine Lieferung zu bringen." So habe Polte gesehen, dass es einen Markt und die Nachfrage gibt.

Bekannt für die "Polte-Patrone"

Nach seinem Tod 1911 übernehmen seine Erben die Polte-Werke. Mit dem Ersten Weltkrieg wird eine neue Fabrik gebaut. Und selbst zu Zeiten der Weimarer Republik stellt Polte mit einer Sondergenehmigung der Siegermächte weiterhin begrenzt Munition her.

Polte ist schon vor der Zeit des Nationalsozialismus und europaweit wirklich ein Global Player.

Katja Hartmann, Historikerin

In den 1930er- und 1940er-Jahren steigt die Magdeburger Firma dann zum wichtigsten Munitionsproduzenten des Deutschen Reiches auf. 90 Prozent des Gewinns macht nunmehr die Herstellung von Geschützhülsen und Patronen aus – insbesondere für die Luftwaffe und Artillerie, mit Kalibergrößen von bis zu 37 Millimetern, in Millionenauflage. Die "Polte-Patrone", vor allem genutzt für die Volkssturm-Gewehre, wird zum festen Begriff.

Das ganz dunkle Kapitel

In Hitlers Kriegsmaschinerie unterhält Polte ein Netzwerk mit Zweig- und Tochtergesellschaften. Für die Magdeburger ist er ein wichtiger Arbeitgeber. An die 12.000 Beschäftigte arbeiten hier zu Spitzenzeiten, viele von ihnen sind Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Wir haben gegen Ende des Krieges in einigen Werken eine Zwangsarbeiter-Anzahl von 50 Prozent der Belegschaft. Also ohne den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern, von KZ-Häftlingen hätte die Produktion in den Umfängen nicht aufrechterhalten werden können.

Katja Hartmann, Historikerin

Ein Werk völlig zerstört, das andere  in die UdSSR abtransportiert

Die Kapitulation Deutschlands bedeutet auch das Aus für Polte. Im Zuge der Reparationsleistungen an die Sowjetunion (UdSSR) werden die Werke enteignet und vollständig demontiert.

Gerhardt Jordan hat das damals miterlebt. In einem Zeitzeugen-Gespräch erzählte der ehemalige Polte-Arbeiter 1995 im MDR: "Der Abnahmeoffizier der Russen hat sehr darauf geachtet, dass nicht irgendwelcher Schaden angerichtet wird, irgendwelche Sabotage begangen wird."

Firmengeschichte soll aufgearbeitet werden

Nach dem Zweiten Weltkrieg gerät der Traditionsname "Polte" in Vergessenheit. Selbst im Magdeburger Technikmuseum erinnere nichts an den Rüstungsgiganten, bedauert der heutige Leiter Hajo Neumann. "Das ganze Thema Rüstung im Ersten und Zweiten Weltkrieg spielt hier bei uns in der Ausstellung überhaupt keine Rolle. Wir haben keine Objekte dazu und die vorherigen Ausstellungsmacher haben es auch nicht in Angriff genommen."

Statt Polte-Patronen zeigt das Museum Polte-Armaturen. Auch, weil man den unbequemen Teil der Firmengeschichte umgehen wollte. Neumann betont noch einmal: Polte sei vor allem Munitionshersteller gewesen. Er sei damit auch dafür verantwortlich gewesen, dass Magdeburg so stark getroffen wurde von den alliierten Luftangriffen. "Und gerade für den Zweiten Weltkrieg kommt noch ein sehr düsteres Kapitel dazu, nämlich der großflächige Einsatz von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern", sagt Neumann.

In Zukunft will das Magdeburger Technikmuseum die gesamte Firmen-Geschichte aufarbeiten und ausstellen – Polte in seiner Licht- und Schattenseite.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Mai 2020 | 05:00 Uhr

3 Kommentare

kpmdr2019 am 07.05.2020

Polte;.. Munitionshersteller ganz genau so wie andere Hersteller in den USA Munition war ein Auftrag der hiesigen Regierung und was die Regierung befehlt wird ausgefuehrt, Zwangsarbeiter sind eine andere Frage die man an die Regierung stellen muss und nicht an den Hersteller!

Emil Kaminsky am 07.05.2020

Der Grund für die Bombardierung waren nicht die Polte Werke, sondern der Terror der anglo-amerikanischen Luftterroristen, die soviel Deutsche wie möglich töten wollten. Beweise gibt es dafür genug.

kleinerfrontkaempfer am 06.05.2020

"Neumann betont noch einmal: Polte sei vor allem Munitionshersteller gewesen ......."

"Polte in seiner Licht- und Schattenseite. "
Was war er und seine Familie denn nun?

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