Auf Tour mit "Pornofilmy" Punk gegen Putin

Nach einer Verfassungsreform könnte Wladimir Putin sich seine Macht lebenslang sichern. Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wurde die Abstimmung noch einmal verschoben. Nur die wenigsten Menschen in Russland trauen sich gegen den autoritären Präsidenten zu kämpfen – nicht aber die Punk-Band "Pornofilmy". Sie gilt als regierungskritischste in ganz Russland. Reporter Roman Schell hat die Musiker aus einer Kleinstadt bei Moskau auf ihrer 6.000 Kilometer langen Tour begleitet.

Die russische Punkband "Pornofilmy"
"Pornofilmy"-Sänger Wladimir Kotlarow singt gegen den Kreml an – für mehr Gerechtigkeit und Freiheit in Russland. Bildrechte: Roman Schell

Ein blauer Tourbus rumpelt über die Landstraßen der russischen Provinz. Drinnen spielt Sänger Wladimir Kotlarow Gitarre und komponiert. Das macht er gerne im Bus, während der wochenlangen Tour durch Russland. Tausende Kilometer überwindet die Kreml-kritische Band "Pornofilmy". Die meisten Konzerte in Dutzenden von Städten sind ausverkauft. Aber die Behörden versuchen die Auftritte der fünf jungen Männer um die 30 zu verhindern, erzählt Wladimir Kotlarow, schlanker, blonde Sänger im blauen Pulli.

"Es ist schade, dass die Fans uns in einigen Städten nicht live erleben können. Denn in manchen Orten traut sich kein einziger Club, uns spielen zu lassen. Zum Beispiel in der Stadt Wladimir oder in Wolgograd."

Behörden wollen Konzerte verhindern

Auch in Tscheboksary 700 Kilometer östlich von Moskau muss die Band um ihr Konzert bangen. Die Punkrocker wollen dort in einem Nachtclub auftreten. 

Drei Stunden vor dem Konzert machen sie einen Soundcheck. Die Musiker sind sichtlich nervös, weil sie befürchten, dass der Besitzer jeden Moment die Veranstaltung absagen könnte. Der Mann habe Drohanrufe bekommen, sagt Gitarrist Alexander Russakow.

Polizei und Staatsanwaltschaft haben ihn telefonisch kontaktiert und gefordert, dass er unseren Auftritt absagt. Dabei legen die Behörden keine offiziellen Briefe vor. Sie wollen einfach unsere Konzerte verhindern.

Alexander Russakow, Gitarrist der Band "Pornofilmy"

Der Auftritt in Tscheboksary findet letztlich statt. Einige Hundert Leute sind gekommen. Auch Polizisten – in Zivil. Sie hören mit: Lieder über die Willkür der Justiz, Zensur, Propaganda und manipulierte Wahlen im Riesenland. Lieder voller Kritik am Hauptverantwortlichen im Kreml.  

Angst vor dem repressiven Machtapparat

Die russische Punkband "Pornofilmy"
Bildrechte: Roman Schell

"Fühle und denke so, wie man das von Dir will. Das ist Russland - ein Land der traurigen Menschen.  Hier gibt es keine Wahlen und keine Veränderungen." Das überwiegend junge Publikum singt mit.

"Diese Texte sind brandaktuell in Russland", sagt ein Konzertbesucher. Jedes gesungene Wort stimme. "Es herrscht eine totale Ungerechtigkeit. Junge Leute werden grundlos eingesperrt", klagt er.

Ein weiterer beklagt die immer neuen leeren Versprechungen der Politik und den zunehmend repressiven Machtapparat im Kreml. Eine Konzertbesucherin möchte gar nicht mit der Presse sprechen: "Es ist gefährlich! Gefährlich! Gefährlich! Ich habe Angst, zu antworten!"

Dieser Angst begegnen die Musiker auf ihrer gesamten Reise quer durch Russland. Sänger und Songwriter Wladimir Kotlarow versucht die junge Generation in der tiefen Provinz trotzdem wachzurütteln oder zumindest aufzuklären. "Die Verfassung wird bei uns gerade geändert. Und die Leute in den Regionen begreifen nicht, dass es dabei ausschließlich um den Machterhalt geht."

"Die Machthaber machen, was sie wollen"

Die Band erreicht Uljanowsk an der Wolga – eine Stadt 800 Kilometer östlich von Moskau. Hier müssen sie umplanen und in einem Restaurant auftreten. Wegen Drohungen der Stadtverwaltung hatte ein Clubbesitzer kurzfristig abgesagt. Aber auch im Restaurant taucht die Polizei auf und stellt den Inhaber zur Rede. Der Auftritt sei unerwünscht, heißt es, und die Musiker befürchten ein Konzertverbot. Aber die Polizisten verziehen sich, weil das Gebäude schon zu voll ist. 

"Die Machthaber sind der Meinung, dass sie per Anruf Konzerte zurückpfeifen können. Sie machen, was sie wollen", ärgert sich Gitarrist Alexander Russakow.

Doch die Einschüchterungen der Behörden sind für "Pornofilmy" ein Grund mehr, den autoritären Präsidenten Wladimir Putin offen herauszufordern. Sie spotten über einen gewissen Geheimdienstler "Onkel Wolodja": "Onkel Wolodja, ziehe die Daumenschrauben an! Lege die Daumenschrauben an, Onkel Wolodja!"

Lieder treffen den Nerv des jungen Publikums

"Pornofilmy" will einen Machtwechsel in Russland. Die provokanten Songs – manche mit Schimpfwörtern bestückt – treffen den Nerv des überwiegend jungen Publikums. Laut einer Umfrage will mehr als die Hälfte der jungen Russen ihre Heimat verlassen.

Gründe dafür haben sie viele: "Jedes Jahr kommen immer neue Einschränkungen. Und nach der Verfassungsreform werden wir das noch härter spüren", fürchtet ein Konzertbesucher. "Uns wird etwas aufgezwungen, was wir nicht wollen", sagt eine junge Frau. Was im Moment geschehe, sei falsch und unlogisch.

Ausverkauftes Konzert in St. Petersburg

In der freigeistigsten Stadt Russlands, St. Petersburg, erlebt die Band einen unglaublichen Erfolg. Noch vor einigen Jahren trat "Pornofilmy" hier in kleinen Bars in Kellern auf. Nun füllen sie den ausverkauften Eispalast - eine Konzertlocation mit mehreren Tausend Plätzen. 

"Hey, du bitterarmes Land, du gehst uns am Arsch vorbei. Wir versuchen zu überleben und können nur an den Lohn denken", singen sie. Wladimir Kotlarow spricht gerne unangenehme Wahrheiten aus – auch über das Rohstoffimperium Russland mit Dutzenden Millionen armer Menschen.

Das Land geht so schnell den Bach runter, dass wir die Probleme direkt ansprechen müssen. Es bleibt keine Zeit für Metaphern, die von Leuten erst später entziffert werden können. So direkt wie nur möglich – nur so könnte es funktionieren.

Wladimir Kotlarow, Sänger der Band "Pornofilmy"
Die russische Punkband "Pornofilmy"
Bildrechte: Roman Schell

"Pornofilmy" versucht der jungen Generation Mut und Hoffnung zu geben. Songwriter Wladimir Kotlarow trägt daher bei jedem Konzert seine lebensbejahenden Gedichte vor. Allerdings, fügt er hinzu, könne sich das Land nur nach einem Machtwechsel durch freie und faire Wahlen verändern. Das ist seine Botschaft. Wegen der Ausbreitung des Coronavirus auch in Russland mussten die jungen Musiker ihre Tour vorzeitig abbrechen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. März 2020 | 05:00 Uhr

8 Kommentare

Copper vor 25 Wochen

Merkel könnte ewig regieren, ist aber nicht so schlimm aber bei Putin schon. Die Doppelmoral ist langsam echt nervig. Als ob wir nicht selber genügend Probleme mit unserer Demokratie haben. Aber wir müssen immer noch mit den Finger auf andere zeigen. Wir wissen immer alles besser, vor allem was besser für andere Länder wäre und mischen uns aktiv mit ein. Kein Wunder also, dass so viele Bürger in anderen Ländern die Deutschen dadurch einfach nur noch hassen.

W.Merseburger vor 25 Wochen

Sascha,
genau so ist es. Die weltweit agierenden Großkonzerne und Kapitalgesellschaften haben den exklusiven Zutritt zu russischen Naturreichtümern nicht durchsetzen können wegen Putin.

Normalo vor 25 Wochen

Du lieber Gott, Ihnen gefallen Halbdiktatoren? Das lässt echt tief blicken. Wie wäre es denn mit einem Umzug? Vielleicht haben Sie noch Rubel aus alten Zeiten 😅