Opposition in Belarus Belarus: Der Preis der Sichtbarkeit

Die Opposition in Belarus wurde von Frauen angeführt – mittlerweile kann keine mehr im Land öffentlich auftreten.

Veronika Tsepkalo, Frau des früheren Präsidentschaftskandidaten Valery Tsepkalo, Präsidentschaftskandidatin Svetlana Tikhanovskaya und Maria Kolesnikova, eine Repräsentantin von Viktor Babarikos Wahlkampfbüro, nehmen an einer Unterstützungskampagne für Präsidentschaftskandidatin Svetlana Tikhanovskaya am 30. Juli 2020 in Minsk, Belarus teil.
Veronika Zepkalo (l.) und Maria Kolesnikowa (r.) nehmen an einer Unterstützungskampagne für Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja am 30. Juli 2020 in Minsk teil. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Drei Frauen waren es, die zum Symbol der Opposition wurden: Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja bildete gemeinsam mit Veronika Zepkalo und Maria Kolesnikowa das Dreigestirn, das Machthaber Alexander Lukaschenko um seine Macht fürchten ließ. Alle drei sind in die Politik gegangen, weil ein ihnen nahestehender Mann daran gehindert wurde, es zu tun – und sie haben einen hohen Preis dafür gezahlt. Inzwischen sind zwei von ihnen ins Exil gegangen, die Dritte, Maria Kolesnikowa, wurde auf offener Straße verschleppt. Wir stellen die drei Frauen vor:

Swetlana Tichanowskaja

… ist eine Politikerin wider Willen. Sie ist bei der Präsidentschaftswahl gegen Lukaschenko angetreten – allerdings nur, wie sie betont, weil ihr Mann, der prominente Videoblogger Sergej Tichanowski nicht zugelassen und verhaftet wurde. Tichanowskaja  wurde von Machthaber Lukaschenko nicht ernstgenommen. Er nannte die studierte Pädagogin und Dolmetscherin ein "armes Ding" und ließ ihre Kandidatur zu. Wie sich zeigte, war das ein Fehler, denn so hatte die Opposition eine Kandidatin und eine Kampagne, und die wurde derart erfolgreich, dass viele Menschen die offiziell verkündeten Wahlergebnisse für unplausibel hielten und Fälschungsvorwürfen die Runde machten.

Swetlana Tichanowskaja
Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja Bildrechte: dpa

Die 37-Jährige hatte bereits im Wahlkampf angekündigt, als Präsidentin Neuwahlen auszurufen. "Ich habe und hatte keine Illusionen in Bezug auf meine politische Karriere", so Tsichanouskaja. Inzwischen hat sie Belarus aus Angst um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder verlassen und hält sich in Litauen auf. In einer Videobotschaft aus dem Exil ließ sie wissen, dass sie durchaus bereit sei, "als nationale Anführerin zu handeln" um die Situation in Belarus zu beruhigen und neue Wahlen zu ermöglichen. Ginge es aber nach ihr, würde sie viel lieber für ihre Familie Frikadellen braten – als Hausfrau und Mutter, wie sie eine war, bevor sie für ihren Mann einspringen musste.

Maria Kolesnikowa

… war Musikerin und lebte lange in Deutschland, bevor es sie in die Politik zog. Sie hat in Minsk Querflöte und Dirigieren studiert, danach hat sie die Musikhochschule in Stuttgart besucht – und blieb, um Kunstprojekte zu organisieren. Dabei lernte sie den Bankier Wiktor Babariko kennen, der in Belarus als Kultursponsor auftritt. Er war es auch, der sie im vergangenen Jahr überzeugte, in ihre Heimat zurückzukehren um in Minsk das Kulturzentrum OK-16 zu leiten. Barbariko selbst ließ seine Karriere hinter sich, um für das Amt des Präsidenten zu kandidieren – und machte Maria Kolesnikowa zu seiner Kampagnenleiterin. Doch die Kanditatur des Ex-Bankers war von kurzer Dauer. Lukaschenko ließ ihn vor der Wahl verhaften – wohl unter einem Vorwand:  Die Vorwürfe lauten auf Geldwäsche und Steuerhinterziehung, Amnesty International stuft ihn als politischen Gefangenen ein.

Maria Kolesnikowa formt während eines Protestmarsches ein Herz mit ihren Händen.
Maria Kolesnikowa Bildrechte: dpa

Seine Kampagnenchefin schloss sich der Oppositionskampagne von Swetlana Tichanowskaja an und wurde zu einem der bekanntesten Gesichter der belarusischen Opposition. Letzten Montag hat sie angekündigt, eine neue Partei gründen zu wollen: Die soll "Wmestje" (dt. "Zusammen") heißen und eng mit dem Oppositionsrat zusammen arbeiten. Damit soll die Arbeit der Demokratischen Bewegung eine Struktur bekommen und verstetigt werden. Sie war die letzte der drei Oppositionsführerinnen, die trotz massiver Risiken in Belarus ausgehalten hat. Am Montag wurde sie Augenzeugenberichten zufolge im Zentrum von Minsk von schwarzgekleideten Männern verschleppt.

Veronika Tsepkalo, Frau des früheren Präsidentschaftskandidaten Valery Tsepkalo, spricht im Rahmen einer Unterstützungskampagne für Präsidentschaftskandidatin Svetlana Tikhanovskaya am 30. Juli 2020 in Minsk, Belarus.
Veronika Zepkalo am 30. Juni in Minsk Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Veronika Zepkalo

… ist die Ehefrau des ehemaligen Botschafters, Unternehmers und Oppositionspolitikers Valeri Zepkalo. Der hatte ebenfalls bei der Präsidentschaftswahl seinen Hut in den Ring geworfen, aber auch seine Kandidatur scheiterte an den Belarusischen Behörden. Die Zentrale Wahlkommission hatte über die Hälfte der Unterschriften, die er zur Unterstützung seiner Kandidatur eigereicht hatte, für ungültig erklärt und die Kandidatur selbst folglich nicht zugelassen. Wenige Wochen vor der Wahl floh der Politiker mit seinen Kindern nach Moskau, weil er Angst um seine und die Sicherheit seiner Kinder hatte – zudem habe es Hinweise darauf gegeben, dass die belarussischen Behörden versuchen würden, ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Seine Frau Veronika, die Internationale Beziehungen und Wirtschaft studiert hat, und eigentlich als Managerin für Microsoft arbeitet, blieb in Belarus um die Stellung zu halten, und schloss sich ebenfalls der Kampagne von Swetlana Tichanowskaja an. Kurz vor der Wahl musste auch sie sich in Sicherheit bringen und floh zu ihrem Mann nach Moskau. Inzwischen lebt die Familie in Polen.  

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 07. September 2020 | 12:00 Uhr