Podcast "Digital leben" Frei und besser: Open-Source-Software in Sachsen-Anhalt

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Ohne Freie Software würde die Welt heute nicht mehr existieren. Davon sind Open-Source-Fans überzeugt. Und davon gibt es auch in Sachsen-Anhalt genug: in der IT-Abteilung eines Landkreises, in Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Was sie umtreibt, welche Ideen sie haben und warum sie Open Source auch in Sachsen-Anhalt für die bessere Software halten.

Ein winkender Teddybär. Wenn Martina Müller über Open Source spricht und Anwendungen vorführt, dann bringt sie per Knopfdruck schon einmal einen Teddybären zum Winken. Müller leitet das fünfköpfige Team, das für die IT-Ausstattung der Schulen des Landkreises Harz zuständig ist.

Und Müller ist ein großer Fan von so genannten Open-Source-Lösungen: "Denn dabei kann jeder Interessierte die Funktionsweise der Software einsehen und an seine eigenen Bedürfnisse anpassen", sagt Müller. Und weil man die Software anpassen kann, muss sich niemand an einen Software-Hersteller binden. Sie setzt in ihrer IT-Abteilung für die Schulen im Landkreis Harz zum Beispiel auf das Open-Source-Betriebssystem Linux. An drei Schulen werde es "erfolgreich erprobt", wie Müller sagt. Auch für den Pandemiestab des Landkreises hat Müller im März 2020 innerhalb von kürzester Zeit eine Open-Source-Lösung aufgebaut: für Videokonferenz, Messengerdienst und Cloudspeicher.

Ziel: 12.000 Geräte an den weiterführenden Schulen im Landkreis Harz

Mit ihren fünf Kollegen ist sie für die IT an 36 weiterführenden Schulen in 50 Gebäuden im Landkreis Harz zuständig. Eine Mammutaufgabe, vor allem wenn man sie so ernst nimmt wie Martina Müller: "Unser Ziel ist, dass wir 11.000 Schülerinnen und Schüler und 1.000 Lehrerinnen und Lehrer mit Geräten ausstatten." Und wer 12.000 Geräte verwalten will, braucht dafür einen durchdachten Plan und muss auch die einzelnen Nutzer ermächtigen. Das gehe mit Open Source am besten, davon ist Martina Müller überzeugt.

Was ist Open Source

Open Source – oft auch freie Software genannt – ist Software mit offenem Quellcode. Oft ist sie das Produkt einer Community. Der Quellcode ist die für Menschen lesbare Form des Computerprogramms. Open Source grenzt sich von geschlossener Software, so genannter kommerzieller oder proprietärer Software, ab. Bei ihr ist der Quellcode nicht einsehbar und die Software-Hersteller vergeben oft eng gefasste Lizenzen für die Nutzung. Bei Open-Source-Software darf jeder Nutzer den Quellcode sehen, verändern und sogar weiterverbreiten. Auch bei Open Source gibt es unterschiedliche Lizenzen für die Nutzung des sogenannten Objektcodes (d.h. die nicht menschenlesbare Form eines Computerprogramms). Zum Beispiel wird stets der Name des Programmierers genannt und er kann bestimmen, dass seine Software verändert werden darf und die daraus entstandene neue Software auch als Open Source zur Verfügung gestellt werden muss. Auch bei Open Source gibt es unterschiedliche Lizenzen für die Nutzung. Zum Beispiel fordern einige Lizenzen den Namen des Programmierers zu nennen. Er kann auch bestimmen, unter welchen Bedingungen seine Software verändert werden darf und wie und ob die daraus entstandene neue Software auch als Open Source zur Verfügung gestellt werden muss. Wie der Open-Source-Gedanke entstanden ist und welche unterschiedlichen Lizenzmodelle es gibt, fasst das Buch "Freie Software – Zwischen Privat- und Gemeineigentum" zusammen, das es bei der Bundeszentrale für politische Bildung als kostenlosen Download gibt.

Natürlich sei es den Schulen freigestellt, auch andere Betriebssystem zu nutzen: "Berufsschulen zum Beispiel benötigen mitunter sehr spezielle Programme, die eben nur auf Apple- oder Windowsgeräten laufen." Aber eigentlich geht Müller davon aus, dass sich die alltägliche Computerarbeit an Schulen mit Open-Source-Werkzeugen erledigen lässt. "Wir gucken immer, welche Anwendungen die Schulen nutzen und sehen dann zum Beispiel den VLC-Mediaplayer oder das Grafikprogramm GIMP.  Und das ist ja schon klassische Open-Source-Software." Mit dieser Erkenntnis würden viele Schulverantwortliche die Scheu davor verlieren, auch als Betribssystem eine Open-Source-Software einzusetzen.

Auf einem Laptop steht 'Software'
Software ist nicht gleich Software: Opern-Source-Software hat schon längst viele Nutzer und Entwickler in Sachsen-Anhalt überzeugt. (Symbolbild) Bildrechte: imago/STPP

Eigenkompetenz statt Produktschulung

Martina Müller argumentiert auch pädagogisch: Sie wolle mit Schülern keine Produktschulung machen, damit diese wüssten, wo sie in Microsoft Word klicken müssten, um etwas kursiv zu machen. "All das kann beim nächsten Update schon wieder anders aussehen. Wir finden es besser, die Kompetenz zu vermitteln, wie man Softwareanwendungen benutzt."

Argumentieren, erklären und Geräte einrichten. Das sei schon anstrengend und mit Überstunden verbunden. "Man muss das schon lieben, was man tut", sagt Müller. Und damit hat sie auch ihren Chef überzeugt – auf seine Unterstützung konnte Martina Müller immer zählen, sagt sie. "Der ist sehr jung und traut sich, etwas zu verändern." Schulträger in anderen Landkreisen in Sachsen-Anhalt sähen das anders, da kämen die IT-Leiter oft aus der Microsoft-Welt. "Und der Benutzer ist ja auf die Gunst des IT-Leiters angewiesen."

Beispiele für Open Source Software

Beispiele für Open-Source-Software sind die Bürosoftware LibreOffice mit Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, der Browser Firefox, das Mailprogramm Thunderbird, den Mediaplayer VLC oder das Grafikprogramm GIMP. Eines der bekanntesten Open-Source-Betriebssysteme für PCs und Laptops ist Linux. Für Smartphones gibt es zum Beispiel LinageOS, das im Kern auch auf Linux basiert.

Selbst die Europäische Flugsicherung nutzt Open-Source-Software. Auch in Android-Smartphone steckt sie drin, genauso wie in Samsung-Fernsehern, WLAN-Routern oder auf den Servern von Cloud-Anbietern wie Dropbox, Googledrive oder Amazons AWS. Weil Open-Source-Software bei diesen Beispielen aber nur einen Teil ausmacht, ist die Gesamt-Software nicht mehr Open Source.

Und Martina Müller hat noch ein sehr schlagkräftiges Argument: die Kosten. "Das ist zwar nie mein erstes Argument, aber bei geschlossenen Systemen werden Lizenzgebühren für jedes einzelne Gerät fällig. Bis zu 4000 Euro pro Jahr pro Schule. Bei Open-Source-Produkten fällt das weg." Trotzdem ist Open Source nicht kostenlos. "Für Wartung und Betrieb entstehen natürlich ähnliche Kosten wie bei geschlossenen Systemen."

Geld verdienen mit Open Source

Und mit der Konzeption, Entwicklung, Einrichtung, Wartung und dem Betrieb von Open-Source-Systemen verdient Dr. Frederik Kramer aus Magdeburg sein Geld. Mit seiner Firma initOS plant er quasi die "IT-Landschaft" für mittelständische Unternehmen, richtet sie ein und wartet sie. "Wir machen das für Start-Ups und verschiedene Handelsunternehmen zum Beispiel mit Software für die Buchhaltung, den Einkauf, den Verkauf, die Versandabwicklung, die Serviceanfrage und so weiter." Für all das gebe es Standard Open-Source-Lösungen, die Kramer und sein Team auf die genauen Wünsche ihrer Kunden anpassten. "Der Wettbewerbsvorteil für unsere Kunden ist: Es fallen keine Lizenzgebühren für die Nutzung von Software an und die Flesxibilität ist gewissermaßen eingebaut."

Ein Mann steht vor einer grauen Wand.
Dr. Frederik Kramer leitet die Magdeburger Firma initOS, ein IT-Dienstleister für mittelständische Firmen, die ausschließlich Open-Source-Software einsetzt. Bildrechte: Frederik Kramer

Das Geschäft von Herstellern wie Microsoft sei immer noch vor allem ein Geschäft mit Produkten bzw. Lizenzen und nicht mit einer Dienstleistung: "Sie können dann eine Software wie Microsoft Office unendlich oft verkaufen, aber mussten sie nur einmal entwickeln." Wenn Kramer bei initOS eine Open-Source-Software für einen Kunden verändert, stellt er die Änderungen in der Regel auch anderen Kunden und praktisch der ganzen Welt zur Verfügung. "Das ist auch der Open-Source-Gedanke schlechthin: dass alle von Verbesserungen profitieren und auch überprüfen können, was in der Software steckt."

Open Source: die bessere Software

Warum Unternehmer wie Kramer bereit sind, ihre Mitarbeiter ein Gemeingut entwickeln zu lassen, hat noch einen weiteren Grund: "Wenn andere Leute das Produkt sehen können, dann etabliert man viel schneller Standards und es entsteht solide, reife Software." Oft hätte die erste Version jeder Software noch Fehler, aber durch den Community-Ansatz käme das Wissen einer Art Schwarmintelligenz hinzu. "Es gibt für Open Source oft weltweite Communities und es ist ein Märchen, dass Open Source ausschließlich von Freizeit-Programmierern und vollkommen ohne Bezahlung entwickelt wird. Etwa zwei Drittel sind ganz normale Arbeitnehmer, die einen Lohn bekommen!"

Und damit lässt sich eben auch Geld verdienen, sagt Kramer und begründet es mit einem Beispiel aus einer anderen Branche: "Das Witzige ist ja: Theoretisch kann jeder ein Auto selbst zu Hause bauen. Aber natürlich entscheiden sich praktisch alle dafür, jemanden professionell das Auto bauen zu lassen." So sei es auch mit Software: Jeder könnte sie theoretisch selbst programmieren, aber es gibt eben Profis dafür und die können damit Geld verdienen und Unternehmen gründen.

Digital Leben Sachsen-Anhalter und ihre Open-Source-Anwendungen

Ein Mann, Mitte 40 mit dunklen Haaren, vor einem Regal Zuhause im Homeoffice
Tobias Thiel nutzt an der Evangelischen Akademie in Wittenberg das Open-Source-Programm Minetest, eine Open-Source-Variante des Videospiels Minecraft. Dabei können die Nutzer ihre eigenen Welten erschaffen und mit anderen Nutzern in Kontakt treten. Thiel nutzt Minetest in der Bildung und Medienpädagogik. "Mit Kindern und Jugendlichen erstellen wir virtuelle Welten und kommen übers Spielen ins Gespräch zu Zukunftsfragen und anderen gesellschaftlichen Themen." Bildrechte: Tobias Thiel
Ein Mann, Mitte 40 mit dunklen Haaren, vor einem Regal Zuhause im Homeoffice
Tobias Thiel nutzt an der Evangelischen Akademie in Wittenberg das Open-Source-Programm Minetest, eine Open-Source-Variante des Videospiels Minecraft. Dabei können die Nutzer ihre eigenen Welten erschaffen und mit anderen Nutzern in Kontakt treten. Thiel nutzt Minetest in der Bildung und Medienpädagogik. "Mit Kindern und Jugendlichen erstellen wir virtuelle Welten und kommen übers Spielen ins Gespräch zu Zukunftsfragen und anderen gesellschaftlichen Themen." Bildrechte: Tobias Thiel
An einem Schultisch stehen ein rothaariger Mann in grauem Hemd und eine blonde Fraumit Brille am Computer.
Immo Kramer ist Martina Müllers Chef und leitet die Schulverwaltung im Landkreis Harz. Er sagt Open-Source Geräte sind die besseren Geräte für die Schulen: "Bei einer Beschaffung durch die Schulträger selbst können die richtigen Geräte ausgesucht werden. Und weil Open-Source-Systeme günstiger sind, könnten mehr Geräte bereit gestellt werden." Bildrechte: Martina Müller
Ein Mann steht vor einer grauen Wand.
Frederik Kramer ist Chef der Magdeburger Firma initOS, die Open-Source-Lösungen für mittelständische Unternehmen anbietet. Er ist ein großer Open-Source-Fan und glaubt, dass der Open-Source-Gedanke auch das Arbeiten verändern: "Weltweit organisieren sich Open-Source-Communities, um ein Produkt zu entwickeln. Wie das von statten geht: davon können alle Organisationen lernen." Bildrechte: Frederik Kramer
Ein Mann mit Brille steht vor einem Fluss. Im Hintergrund sind Berge.
Till ist Student in Magdeburg und sagt, dass Open Source durch Offenheit Vertrauen schafft. "Durch freie Software haben Menschen die Möglichkeit nachzuvollziehen, was die Software macht und Dinge zu ändern, die ihn nicht gefallen." Zusammen mit einem Freund betreibt er das soziale Netzwerk machteburch.social – eine Open Source Alternative für den US-amerikanischen Kurznachrichtendienst Twitter. magdeburg.social basiert auf der freien Software Mastodon, die von einem Programmierer in Jena entwickelt wurde und weltweit schon fast vier Millionen Nutzer hat. Bildrechte: Till
Ein Mann im blauen Hemd lehnt gegen eine Tür.
Dr. Frank Heckel leitet die Software-Entwicklung von Dataport in Sachsen-Anhalt, es ist eine Gründung von vier Bundesländern und der offizielle IT-Dienstleister des Landes Sachsen-Anhalt. "Im Betrieb unseres Rechenzentrums setzen wir schon lange Open Source Software ein. Und mittlerweile hat auch Open Source Anwendungssoftware einen solchen Reifegrad und eine Qualität erreicht, um sie als Alternative in der Verwaltung einzusetzen." So könne sich die öffentliche Verwaltung Bildrechte: Dataport AöR
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Und Frederik Kramer sagt sogar, dass Open-Source-Software einer geschlossener Software gegenüber durchaus überlegen sein kann, wenn Nutzer nicht damit zurecht kommen oder Fragen haben. Jedes prominente Open-Source-Projekt hätte normalerweise eine große Community, die auf Internetseiten oder per Mailinglisten helfen würde. "Das ist viel besser, schneller und oft effektiver als bei einer Service-Hotline, bei der man am Ende einer Warteschleife dann einen Support-Mitarbeiter antrifft, der keine Ahnung hat", sagt Kramer.

"Das ist dann Hilfe zur Selbsthilfe", ergänzt Martina Müller und kommt damit ihrem pädagogischen Gedanke wieder näher: Open-Source-Software ermächtigt ihre Nutzer. Und das ist dann nicht nur pädagogisch sondern vermutlich auch politisch.

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Podcast: Digital Leben Folge 26: Open Data

Folge 26: Open Data

Offene Daten sollen für jeden zugänglich sein und vieles können. eGouvernante Sabine Griebsch aus Bitterfeld-Wolfen und Open-Knowledge-Lab-Gründer Jens Winter aus Magdeburg sagen: Es kann gar nicht genug Open Data geben.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 18.02.2020 08:30Uhr 46:59 min

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Quelle: MDR/mar

2 Kommentare

clubber1 vor 36 Wochen

Lieber @Altlehrer diese Argumente habe ich persönlich sehr oft gehört. Selten trafen Sie bei genauer Recherche jedoch zu. Erstens bedeutet der Einsatz von Open Source eben nicht zwangsläufig dass man ganz auf windowsbasierte Anwendungen auf dem Linux Desktop verzichten müsste und im Übrigen gibt es meiner Überzeugung nach einen erheblichen BIAS der durch Marketing und Werbung von proprietären Softwareanbietern entsteht bzw. entstanden ist. Ich kenne nicht sehr viele Bereiche von Software wo es nicht mindestens ein wettbewerbsfähiges Open Source Produkt gäbe. Deshalb geben Sie gerne einmal ein paar Beispiele für solche Software.

Altlehrer vor 36 Wochen

"Aber eigentlich geht Müller davon aus, dass sich die alltägliche Computerarbeit an Schulen mit Open-Source-Werkzeugen erledigen lässt." Genau da liegt das Problem! Es gibt eben gut durchdachte fachspezifische und methodisch wertvolle Software für den Unterricht nur in der Fenster- und einiges in der Apfel-Welt. In der Pinguin-Welt ( Linux ) gibs da fast nix. Natürlich bieten auch Android-Apps vieles, sind aber nicht so komplex ausdifferenziert und tief strukturiert wie windowsbasierte Software für z.Bsp. Mathematik, Physik, Technik, Informatik oder Chemie.

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