Letzte Generation Klima-Aktivistin im Gespräch: Ziviler Widerstand für den Klimaschutz

Die Straßenblockade von Klimaschützern in Magdeburg am Montag sorgt weiter für Diskussionen. MDR SACHSEN-ANHALT hat ein Mitglied der Letzten Generation getroffen. Die Frau geht auf die heftige Kritik ein und erklärt, wie die Proteste weitergehen sollen.

Eine Klimaaktivistin der 'Letzten Generation' sitzt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf der Fahrbahn, auf die sie sich mit einer Hand festgeklebt hatte.
Klima-Aktivistin Lina Schinköthe hat sich bei einem Protest in Magdeburg auf die Straße geklebt. Bildrechte: dpa

Lina Schinköthe (21) ist eine der Aktivistinnen und Aktivisten, die sich am Montag auf eine Kreuzung der B1 in Magdeburg festgeklebt haben. Die Aktion der Letzten Generation wird derzeit vor allem in den Sozialen Medien heftig diskutiert. In den Kommentaren unter einem MDR-SACHSEN-ANHALT-Beitrag zum Geschehen ist der Ton mehrheitlich kritisch. Viele User sehen in der Straßenblockade einen Straftatbestand und zweifeln an der Notwendigkeit der Protestform.

Zivile Widerstand zum Schutz der Welt

Für Schinköthe und die Aktivisten der Letzten Generation ist das jedoch kein Grund, um mit dem Kleben aufzuhören. Auch die direkten Anfeindungen schon während der Straßenblockade schrecken sie nicht ab. Da gab es starke Beschimpfungen von wütenden Autofahrern, die kein Verständnis für die Aktivisten und ihr Begehren nach einer gerechteren Klimapolitik zeigten. "In großen moralischen Krisen gilt der zivile Widerstand als einziges legitimes Mittel, das wir als Letzte Generation wählen müssen, um unsere Welt zu schützen", sagt Schinköthe.

Innenministerin: Aktivisten sind Straftäter

Sachsen-Anhalts Innenministerin Tamara Zieschang (CDU) hat wenig Verständnis für die Aktivisten. "Wer Straßen blockiert und dadurch andere Verkehrsteilnehmer gefährdet oder nötigt, ist ein Straftäter. Kein politisches Ziel rechtfertigt es, Straftaten zu begehen", sagte Zieschang.

Letzte Generation: Neue Form der Radikalität?

Schon vor Beginn der Straßenblockade trifft sich MDR SACHSEN-ANHALT mit Lina Schinköthe zum Gespräch. Immer wieder betont die ehemalige Philosophiestudentin, dass die Mehrheit der Bundesbürger die Forderungen der Letzten Generation unterstützen würde. "Friedlicher ziviler Widerstand kann funktionieren. Es war der nächste Schritt, den wir ausprobieren mussten. Wir haben Petitionen unterschrieben. Wir haben als Klimabewegung Demonstrationen veranstaltet. Wir haben Kunstprojekte gemacht. Und nichts hat sich geändert."

Forderungen der Aktivisten Zur Erinnerung: Die bundesweiten Proteste der Klima-Bewegung fußen derzeit auf zwei zentralen Punkten. Die Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets und die Umsetzung eines Tempolimits von 100 km/h auf deutschen Autobahnen. 

Beide Forderungen werden tatsächlich in mehreren repräsentativen Umfragen von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. So erhielt das Tempolimit von 130 km/h im ARD-Deutschlandtrend vom Oktober 2021 eine deutliche Zustimmung von 60 Prozent.

Im Juni 2022 sprachen sich laut dem Meinungsforschungsinstitut Insa 70 Prozent der Befragten für eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets aus.

Die Letzte Generation findet ihren Ursprung in der Klimabewegung von "Fridays for Future". Was als "Hungerstreik der Letzten Generation" im Sommer 2021 in Berlin anfing, entwickelte sich zu einer bundesweiten Protestbewegung.

Unterstützung von der Linken

Zustimmung für diese neue Stufe des Protest gibt es auch von Nicole Anger, Abgeordnete der Linken im Landtag. "Ziviler Ungehorsam ist wichtig und legitim in unserer demokratischen Gesellschaft, auch im Kampf gegen die Klimakrise. Die Frage ist: Was ist schlimmer, die wachsenden Klimakatastrophen oder die Behinderung des Berufsverkehrs als Protestmittel gegen das Wegsehen der Bundes- und Landesregierungen beim Klimawandel?"

Beobachtet vom Verfassungsschutz?

Demokratiegefährdend oder extremistisch ist die Letzte Generation trotz allen Vorwürfen nicht, bestätigt das Innenministerium auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Ob die Letzte Generation jedoch von der Verfassungsschutzbehörde des Landes Sachsen-Anhalt beobachtet wird, möchte die Pressestelle nicht näher erörtern. 

Die Proteste gehen weiter

Ob also das Begehen einer Straftat oder das Stören des Pendlerverkehrs der richtige Weg ist, um das Klima zu retten, bleibt diskutabel. Fest steht: Die Letzte Generation wird weitermachen und ihr Protest weitergehen. Kurz nach Beendigung der Straßenblockade leitete das Polizeirevier Magdeburg gegen mehrere an der Aktion beteiligte Personen ein Strafverfahren wegen Nötigung im Straßenverkehr sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ein.

Mehr zu den Protesten der Klimaaktivisten

MDR (Gianluca Siska)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. November 2022 | 08:00 Uhr

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