Investition Wie der Kohleausstieg die Müllverbrennung in Magdeburg ankurbelt

06. Februar 2022, 11:01 Uhr

Verbrennungsmotoren sehen viele inzwischen als veraltete Technologie. Ganz anders Müllverbrennung, denn die gilt als zukunftsweisend. Eine Müllverbrennungsanlage im Norden Magdeburgs soll jetzt sogar erweitert werden – wegen des Klimawandels, wegen der Umweltauflagen und wegen der Energiekosten. Auch der Kohleausstieg spielt eine Rolle.

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Als die Himmelsscheibe von Nebra ihren Zweck erfüllt hatte, wurde sie offenbar vergraben. Man könnte sagen: eine frühe Form der Abfallentsorgung. Im antiken Rom hingegen hätte die Himmelscheibe kaum die Zeiten überstanden, denn dort wurden bereits Glas und Metall gesammelt, um sie wieder aufzubereiten. Kreislaufwirtschaft ist also keine neue Idee.

Doch was tun mit dem, was wirklich so nutzlos ist, dass man es als Müll bezeichnen kann?

Das ist die große Frage, vor allem seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. In Deponien über oder unter Tage zu vergraben ist inzwischen ebenso verboten, wie den Müll zu exportieren, damit er anderswo vergammelt.

Müll als "Ersatzbrennstoff"

Aber auch der Restmüll, mag er stinken wie er will, hat noch einen Nutzen. Denn in ihm steckt noch ein Rest Energie und diesen Rest zu nutzen, ist die Idee der Müllheizkraftwerke. Im Prinzip funktioniert das wie ein traditionelles Osterfeuer: Was rumliegt, wird auf einen großen Haufen geworfen und dann angezündet. Klar: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn was im Müllofen landet, wurde vorher aussortiert. "Auch wenn das immer wieder mal behauptet wird, bei uns wird der Müll nicht wieder zusammengekippt und dann verbrannt" sagt Rolf Oesterhoff, kaufmännischer Geschäftsführer des Müllheizkraftwerks Rothensee (MHKW) in Magdeburg.

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Fachleute sprechen auch nicht von Müll, der hier verbrannt wird, sondern von Ersatzbrennstoffen. Der Müll wird also solange sortiert, geschreddert, gemischt und gepresst, bis er hinreichend brennbar ist, um dann verfeuert zu werden. Von Umweltschützern wird das durchaus kritisch gesehen, denn sie mahnen an, dass so wertvolle Stoffe verbrannt werden, statt sie weiter zu nutzen. Rolf Osterhoff kennt die Debatte. Allerdings würden tatsächlich nur solche Reststoffe verfeuert, die niemand mehr weiterverarbeiten könne, sagt er.

Grüner Strom aus Müllverbrennung?

Wer von den Magdeburger Stadtwerken (SWM) grünen Strom bezieht, kauft damit auch Strom vom Müllheizkraftwerk. Was nach einem Taschenspielertrick klingt, habe aber einen reellen Hintergrund, so Rolf Oesterhoff. Denn rund die Hälfte des Abfalls, der da verbrannt wird, seien nachwachsende Materialien. Das CO2, das so freigesetzt wird, sei vorher also aus der Atmosphäre entnommen worden. Damit gilt die Hälfte des Stroms als klimaneutral.

Es handele sich dabei jedoch nicht um Schätzwerte, sondern um geprüfte Angaben, versichert Oesterhoff: "Da gibt es ein Gutachten, und in dem Zusammenhang bekommen wir dann auch Herkunftsnachweise, die belegen, dass diese Abfälle nachwachsend sind. Und das können wir entsprechend weiterverkaufen."

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Schlacken und Asche bleiben übrig

Rückstandslos verschwindet allerdings kaum etwas von diesem Erdball und das gilt natürlich auch für den Müll. Was da verbrennt, hinterlässt Rückstande, zum einen im Ofen, zum anderen in den Filtern der Schornsteine. Die Schlacke im Ofen ist durchaus noch wertvoll, denn hier finden sich vor allem noch Metalle, die wiederverwertet werden, Aluminium, Kupfer oder Eisen zum Beispiel. Was dann noch übrig bleibt, wird im Straßenbau verwendet, und was auch dafür nicht mehr in Frage kommt, wird deponiert.

Schwieriger hingegen ist es mit den Stäuben, die aus dem Rauch der Anlage gefiltert werden, räumt Oesterhoff ein: "Wir haben in der Rauchgasreinigung Restprodukte, die dort entstehen, wo die giftigen Konzentrate zustande kommen. Die werden dann in Bergwerken unter Tage gelagert. So werden dann die Hohlräume verfüllt, zum Beispiel im Kalibergbau, damit es keine Probleme dort gibt. Zum Glück sind wir in einer Region, in der wir viele Möglichkeiten haben, das auch nutzen können." Allerdings enthalten auch die Kraftwerksaschen noch Rückstände, die man ebenfalls noch recyceln könnte, doch die Forschung zu diesem Thema hat erst begonnen.

Ende der Braunkohle – Ausbau der Müllverbrennung

Zahlreiche Braunkohlekraftwerke verfeuern in ihren Öfen nicht nur Braunkohle, sondern zusätzlich auch Müll. Mit dem Kohleausstieg spätestens im Jahr 2038 ist diese Form der Abfallentsorgung allerdings nicht mehr möglich. Das MHKW in Magdeburg bereitet sich auf diese Entwicklung vor und wird in den nächsten zwei Jahren eine dritte Anlage errichten, für rund 200 Millionen Euro. Damit entstünden rund 40 hochwertige Industriearbeitsplätze, versichert MHKW-Chef Oesterhoff.

Wir wissen aus den beiden Blöcken, die wir schon betreiben, dass für jeden Arbeitsplatz, den wir direkt hier bei uns geschaffen haben, zwei weitere dazukommen, im Bereich der Zulieferer, der Instandhaltung und so weiter. Wir sind ja ein großer Auftraggeber für Unternehmen der Region, die uns helfen, bei Revision der Kessel oder bei Maßnahmen in der Elektronik und Steuerung.

Rolf Oesterhoff Kaufmännischer Geschäftsführer Müllheizkraftwerk Rothensee

Klärschlamm in der Verbrennung

Mit der Erweiterung um einen dritten Block dürfte der Standort im Norden Magdeburgs zu den größten Müllverbrennungsanlagen in Europa zählen, zudem hier auch Klärschlamm verbrannt werden soll. Bislang wurde der auf die Äcker aufgebracht, zu Düngung, doch dies ist inzwischen verboten. Denn außer dem nützlichen Phosphor, der in den Rückständen enthalten ist, finden sich hier Schadstoffe wie Dioxine und Furane sowie Arzneimittelrückstände, die möglichst nicht auf die Äcker gelangen sollten.

Deshalb wird der Klärschlamm verbrannt und der wertvolle Phosphor aus der Restasche zurückgewonnen. In der neuen Anlage solle es dann auch möglich sein, das anfallende CO2 aus dem Rauchgas aufzufangen und abzuleiten. Noch allerdings ist unklar, was dann mit dem klimaschädlichen Gas geschehen soll.

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Rolf Osterhoff von der Müllverbrennungsanlage im Norden Magdeburgs gibt Antworten.

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Chinesischer Großinvestor

Lange Zeit wurden die Deutschen wegen ihrer Mülltrennungsmanie von Ausland ein wenig belächelt, doch inzwischen gelten Recycling und Müllentsorgung als ein Zukunftsthema weltweit. Immer mehr Länder in Asien und Afrika verbieten den Import von Müll und setzen nun selbst auf Strategien moderner Entsorgung. Das zeigt sich nun auch in der Gesellschafterstruktur des MHKW. Zum einen sind die Städtischen Werke SWM an dem Unternehmen beteiligt, zum anderen der Konzern energy from waste (EEW), der zahlreiche Müllverbrennungsanlagen europaweit betreibt.

Aus einem ehemaligen Kohlekonzern hervorgegangen, gehört die EEW nach mehreren Eigentümerwechseln nun zu einem chinesischen Großkonzern. Müll aus China wird aber nicht in Norden Magdeburgs verfeuert, vielmehr gehe es um einen technologischen Austausch, so Oesterhoff: "Natürlich gibt es mal Besuch aus Fernost und natürlich spricht man über technische Entwicklungen. Denn auch die Chinesen haben wie wir eine Reihe von Anlagen auf höchstem technischen Niveau. Und da ist es ganz befruchtend, wenn man sich mal darüber unterhält, wie man solche Anlagen effizienter und besser betreiben kann."

Die Zukunft – Müll vermeiden

Obwohl die Technologien zur Müllentsorgung immer ausgefeilter werden, stellt sich inzwischen weltweit die Frage, wie mit dem Müllaufkommen umzugehen ist. Denn auch in weniger entwickelten Regionen zeigt sich zunehmend, dass die industrielle Lebensweise des Menschen Hinterlassenschaften produziert, die sich nicht von selbst beseitigen.

Auch wenn sich MHKW-Chef Oesterhoff aktuell mehr Umsatz durch mehr Müll erhofft, so sieht er doch eine wichtige Herausforderung jenseits der Müllöfen: "Ich glaube, das ist das Thema der Zukunft, dass die Abfälle erst gar nicht entstehen. Wenn wir Zuhause einen abfallfreien Tag einführen und einkaufen gehen, dann kommen wir schnell an unsere Grenzen. Das beginnt ja schon im Supermarkt." Von der Mülltrennung zur Müllvermeidung ist es aber wohl sicherlich noch ein weiter Weg.

MDR (Uli Wittstock)

10 Kommentare

Eulenspiegel am 07.02.2022

Also ich denke wir benötigen zu dem Ausstieg aus dem Kohlerestrom, Atomenergie und Erdölwirtschaft auch den Ausstieg aus der Müllproduktion.
In der Natur gibt es keinen Müll. Der Mensch muss noch viel lernen.

Eulenspiegel am 07.02.2022

Also ich denke nicht der Anstieg der Entsorgungsgebühren ist das Problem sondern die Müllberge, Denn da werden Unmengen an Plastik produziert, ein mal verwendet um dann Müll zu sein.

THOMAS H am 07.02.2022

Frau K.: Glas, Papier und Pappe kann doch separat entsorgt werden, es muß nur getan werden. Bei Papier gibt es in vielen Städten sogar die Möglichkeit dieses gegen Bezahlung abzugeben, ich mache dies schon seit 1999 und habe bis heute etwa 1,5 Tonnen weggeschafft. Auch viele Schulen haben einen Papiercontainer vor der Türe stehen, so daß das Papier auch dort entsorgt werden kann.
In Bezug Plastik müsste sich m. M. schon bei der Herstellung etwas ändern, so daß nicht 2-3 verschiedene Plastikarten verschweißt werden und dann nur noch die Verbrennung möglich ist.

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