Lächelnder junger Mann
Jugendliche aus der Ukraine erholen sich am Barleber See. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Barleber See Ferien vom Krieg: Jugendliche aus der Ukraine besuchen Magdeburg

28. Juli 2023, 05:00 Uhr

Acht Jugendliche aus der Stadt Saporischschja in der Ukraine verbringen auf Einladung ihrer Partnerstadt Magdeburg zwei Wochen ihrer Ferien am Barleber See. Sport, Spiel und Ausflüge warten auf sie, vor allem aber eine lange vermisste Normalität.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Die kleinen Flugzeuge, die mit monotonem Motorengebrumm friedlich ihre Runden am Himmel überm Barleber See ziehen, sind Olena Usata sofort aufgefallen. Die Deutschlehrerin aus Saporischschja fragt, ob es hier in der Nähe einen Flugplatz gibt. In der Ukraine gibt es keinen Flugverkehr mehr.

Die Jugendlichen und ihre Betreuerin im Gespräch
Olena Usata mit ihrer Gruppe. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Wenn Flugzeuge unterwegs sind, dann sind sie viel lauter. Ihr Brummen ist ein anderes, ein bedrohliches, dumpfes. 50 Kilometer von der Front in der Südostukraine entfernt ist die Bedrohung allgegenwärtig. Immer wieder heulen dort die Sirenen, schlagen Geschosse ein. Manchmal detonieren auch erst die Granaten, dann heulen die Sirenen.

Krieg immer präsent

Normaler Unterricht ist unter diesen Bedingungen nicht möglich. "Unsere Stadt liegt leider nur 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Seit zwei Jahren führen wir unseren Unterricht nur noch übers Internet durch", erzählt Olena Usata. "Einige von meinen Schülern leben jetzt in Deutschland." Schüler, Schülerinnen und Lehrerin schalten sich per Videoschalte zusammen, um ihre Lektionen durchzuarbeiten.

Diese Form des Unterrichts sorgt dafür, dass die Schülerinnen und Schüler nicht mehr im Klassenraum zusammen büffeln, nicht mehr auf dem Schulhof spielen, sich nicht mehr im sportlichen Wettkampf messen. Sie sind allein. Die Kontakte zu Gleichaltrigen fehlen. "Und die Gefahr ist immer da", ergänzt Olena. Eine Gefahr, die schnell zum Alltag geworden ist.

Unsere Stadt liegt leider nur 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Seit zwei Jahren führen wir unseren Unterricht nur noch übers Internet durch.

Olena Usata Deutschlehrerin aus der Ukraine

Erholung vom Krieg: Endlich Ruhe

Am Barleber See herrscht Ruhe. Neben dem Camp sind nur ein paar Bungalows, ein Stück weiter der Strand. Hier verbringen viele Magdeburger ihre Freizeit, hier herrscht Ruhe. Ab und zu summt ein Rasenmäher, Vögel zwitschern, eine Amsel pickt im Rasen nach Würmern.

Eine Gruppe Jugendliche am Strand.
Am Barleber See herrscht endlich Ruhe. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solís

Die Ruhe nehmen die 9- bis 14-Jährigen aus der Ukraine ganz anders wahr als ihre Altersgenossen hier in Deutschland. Die Betten seien gemütlich, berichten sie, das Essen lecker und reichhaltig. "Am ersten Tag haben wir hier gefühlt nur gegessen und geschlafen", lacht Daniel Arabadshui. Einzig die Sonne könnte ein bisschen mehr scheinen.

Am ersten Tag haben wir gefühlt nur gegessen und geschlafen.

Daniel Arabadshui Feriengast aus Saporischschja

Und auch der neunjährige Nikita Kudin spart nicht mit Lob für seine Gastgeber: Alles sei toll hier, die Unterkunft, die Gegend, der See, der Direktor und seine Mitarbeiter. Es gebe viele Möglichkeiten zum Spielen, Sporttreiben und Spazierengehen. Alles Tätigkeiten, die sie im neuen Alltag, im Krieg, nicht mehr so regelmäßig ausführen. Vorher hätten sie zu Hause getanzt und Basketball gespielt. Einer der Jungen zeigt einen Film auf seinem Handy, auf dem er einen ukrainischen Kampfsport demonstriert.

Jugendliche aus der Ukraine am Barleber See.
Die Jugendlichen sind begeistert. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Einladung von Magdeburgs Oberbürgermeisterin Borris

Magdeburg ist die Partnerstadt von Saporischschja. Seit 2008 verbindet die beiden Städte im Osten Deutschlands und im Südosten der Ukraine dieses Band. Als die Anfrage aus der Ukraine in der Börde einging, ob man nicht ein paar Kindern einige schöne Ferientage bereiten könne, war Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) sofort dabei. Die Stadt führt ohnehin jedes Jahr ein Sommercamp für Jugendliche durch.

Simone Borris
Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris hat dem Sommercamp sofort zugestimmt. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance/dpa

Schnell war die Idee geboren, einfach ein paar Gäste mehr einzuladen. Finanziert wird der Aufenthalt durch Spenden. Gefördert werden sollen damit interkulturelle Kontakte zwischen Jugendlichen beider Länder – gerade in der für die Ukrainer schwierigen Situation. Eine Einladung ins Rathaus und eine Stadtrundfahrt stehen auch auf dem Programm.

Anreise aus der Ukraine dauerte zwei Tage

Als Daniel Arabadshui vor zwei Wochen gefragt wurde, ob er Lust auf die Reise nach Magdeburg hat, musste er nicht lange überlegen. "Ich habe sofort 'Ja' gesagt", erzählt er. Nach 48-stündiger Anreise sind die Feriengäste aus der Ukraine am Montagabend in Magdeburg angekommen. Den ersten Teil der Strecke fuhren sie mit dem Zug, mussten 10 Stunden an der Grenze zu Polen warten, bis es dann mit dem Bus weiterging.

Jugendliche aus der Ukraine spielen Volleyball am Ufer des Barleber Sees
Sport und Spaß mit anderen Jugendlichen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Nachdem sie sich von den Strapazen der langen Reise erholt hatten, konnten die Feriengäste ein erstes Bad im Barleber See nehmen und Gleichaltrige bei einer Disco kennenlernen. Mit ihnen verständigen sie sich auf Englisch, das in der Ukraine ab der ersten Klasse unterrichtet wird.

Dauerhafte Kontakte erwünscht

In den nächsten zwei Wochen können sich die Jugendlichen aus Saporischschja ohne Sirenenalarm und Luftschutzbunker erholen. Ihre Betreuerinnen hoffen, dass sie hier Kontakte zu einer Schule knüpfen kann. Daraus sollen idealerweise dauerhafte Kontakte entstehen. "Ich stelle mir Kontakte zu einer Schule mit einem Schwerpunkt auf Sprachen vor", wünscht sich Olena Usata.

Eine Betreuerin von ukrainischen Jugendlichen.
Olena Utsasa hofft auf dauerhafte Kontakte. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Die zweite Betreuerin betreut einen Technikclub. Dort gibt es mehrere Arbeitsgemeinschaften mit technischem Inhalt. Auch hierüber würden sich die Jugendlichen aus der Ukraine gern dauerhaft mit Gleichaltrigen in Deutschland austauschen. Per E-Mail oder Schalten übers Internet ist das heutzutage auch über große Distanzen kein Problem mehr.

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MDR (Annette Schneider-Solís)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. Juli 2023 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Janes vor 43 Wochen

Verschiedene Militärexperten gehen davon aus (etwa der Chef des Kiewer Geheimdienst laut Merkur online aus einer Meldung im Mai), dass Russland bis zu 400000 Soldaten in der Ukraine hat. Dabei gehen verschiedene Quellen von bis zu 245000 Toten(35-45k)/Desertierten/Gefangenen/Verletzten russischen Soldaten aus (Pentagon schätzt 190-230k).

Das RND spricht davon, dass am Beginn des Krieges den 120000 Invasoren 260000 ukrainische Soldaten gegenüber standen und heute um die 900.000 Soldaten in der ukrainischen Armee stehen. Das Pentagon schätzt, dass die Ukraine etwa 15000-17000 Tote Soldaten und Gesamtausfälle von 125000-130000 Soldaten hat.

Ja-das Krieg kann und muss gewonnen werden. Sonst macht der Kriegsverbrecher Putin weiter.

dk86 vor 43 Wochen

Es wurde doch von einem längerfristigen Austausch geredet, den die ukrainische Lehrerin anstrebt. Das Wort zynisch passt hier gar nicht. Ist ihre Alternative, solchen Austausch nicht zu organisieren? Vielleicht gibt es Ihnen Impulse.

DanielSBK vor 43 Wochen

Muss ja extrem deprimierend sein, nach 2 Wochen "Sommercamp" und gute Laune, gehts wieder ins Kriegsgebiet zurück...

Entschuldigung: aber zynischer gehts echt nicht mehr, Frau Borris!

Und die Ukraine hat nach den letzten Zahlen die ich lesen konnte mind. 400.000 Tote zu beklagen. Ob der Krieg gegen die Atommacht Russland überhaupt gewonnen werden kann?! Russland hat ca. 830.000 Soldaten an der Front, das Verhältnis ist 4:1 ....

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