Ehrenamtliche Hilfe ab Ende April Kostenlose Zahnbehandlung für die Bahnhofsmission Magdeburg

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Ab Ende April wollen Zahnärztinnen und Zahnärzte ehrenamtlich Behandlungen in der Bahnhofsmission Magdeburg anbieten. Das Angebot sei wichtig, besonders für Menschen, die aus verschiedenen Gründen keine regulären Arztbesuche wahrnehmen können, sagt Florian Sosnowski von der Bahnhofsmission.

Eine junge Frau und ein Mann stehen mit Masken vor einem alten Behandlungsstuhl für Zahnärzte.
Bei einem ersten Planungstreffen besprachen Mitarbeiter der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt und der Leiter der Bahnhofsmission ihre Pläne. Bildrechte: MDR/Niko Nowak

Jeder der schonmal Zahnschmerzen hatte, weiß, was das für eine Qual sein kann. Was aber, wenn man damit nicht wenige Tage später zum Zahnarzt gehen und sich Linderung verschaffen kann? Florian Sosnowski, Leiter der Bahnhofsmission Magdeburg, sagt, dass viele der Besucherinnen und Besucher von genau diesem Problem betroffen seien. Einige Menschen seien etwa durch Schicksalsschläge aus der Krankenversicherung gefallen oder könnten aus anderen Gründen reguläre Arzttermine nicht wahrnehmen. Staatsbürger anderer Länder seien teilweise gar nicht abgesichert. Nicht selten würden Menschen zudem bei Ärzten mit Ausreden abgewiesen, wenn sie zum Beispiel unangenehm röchen oder ungepflegt aussähen.

Die Menschen können dann nicht nur kein Brötchen mehr kauen, sondern hören auch auf zu lächeln.

Florian Sosnowski, Bahnhofsmission Magdeburg

Für die Menschen kann das zu einem großen Problem werden. Wenn die Zähne faulen und krank sind, kann das nicht nur physische Folgen wie große Schmerzen, Infektionen oder Probleme beim Kauen hervorrufen, sondern auch zu einem sozialen Ausschluss führen. Die Menschen trauten sich häufig nicht mehr zu lachen, äßen lieber abseits, würden weniger ernst genommen, erzählt Florian Sosnowski. Seit zwei Jahren bemüht er sich daher, ehrenamtliche Zahnbehandlung in der Bahnhofsmission zu organisieren.

Ehrenamtliche Hilfe ab Ende April

Nun sieht alles danach aus, als ob sich Florian Sosnowskis Wunsch erfüllen wird. Die Magdeburger Zahnärztin Nicole Primas, die auch im Vorstand der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt aktiv ist, wurde von einem Service-Club darüber informiert, dass die Bahnhofsmission ehrenamtliche Zahnbehandlung benötigt.

Da sie weiß, was für Probleme kranke Zähne machen können, war sie sofort motiviert. Als dann durch eine Praxisauflösung noch eine Spende mit Behandlungsutensilien zusammenkam, ergriff sie die Gelegenheit beim Schopf und begann mit der Organisation. Am Mittwoch fand ein Planungstreffen mit Florian Sosnowski statt und prompt wurde ein erster Termin für Zahnbehandlungen Ende April in der Bahnhofsmission vereinbart. Einmal pro Monat soll es dann einen Termin geben.

Ein Mann mit Mütze, blauem Hemd und Maske steht an einem Tisch und spricht Richtung Kamera.
Florian Sosnowski leitet die Bahnhofsmission Magdeburg. Er versucht schon lange, Zahnbehandlung zu organisieren. Bildrechte: MDR/Niko Nowak

Ein Schreibtischstuhl als Behandlungssitz

In der Bahnhofsmission selbst können erstmal nur Kontrollen und einfachere Behandlungen vorgenommen werden. Dazu wird für den Behandlungstag ein Raum provisorisch eingerichtet, mit Stirnlampen und einem Schreibtischstuhl. Weitere Utensilien bringen die Zahnärzte selber mit. Auch Aufklärungs- und Präventionsarbeit könne ein Teil des Programms werden, überlegt Dr. Primas. Für Bedarf an intensiveren Behandlungen plant sie, ehrenamtlich Termine in den Praxen zu organisieren.

Erstmal soll es aber darum gehen, überhaupt zu den Menschen zu kommen und in gewohnter Umgebung Vertrauen aufzubauen, Untersuchungen anzubieten und die erste Not zu lindern. Für viele sei die Hürde zu groß, direkt alleine in eine Praxis zu gehen, erklärt Florian Sosnowski. Das Angebot wird selbstverständlich freiwillig stattfinden, Mitarbeiter aus der Bahnhofsmission wollen bei der Verständigung und anderen Fragen unterstützen.

Eine Frau mit einem gelben Pullover und einer Maske steht an einem Tisch und erklärt etwas.
Zahnärztin Nicole Primas ist motiviert, Menschen ehrenamtlich zu unterstützen. Bildrechte: MDR/Niko Nowak

"Ein Zugewinn an Lebensqualität"

"Das Allergrößte wäre es, wenn wir den Menschen dadurch helfen, aus der sozialen Isolation rauszukommen", sagt Nicole Primas auf die Frage, was sie sich für die Zahnbehandlung als utopische Folge wünschen würde. Gesunde Zähne bedeuteten einen Zugewinn an Lebensqualität. Am schönsten sei für Sie persönlich das Lächeln nach einer Behandlung, wenn die Menschen wieder selbstbewusst mit heilen Zähnen statt mit dunklen Stummeln lachen könnten.

Auch Florian Sosnowski geht es darum, dass Menschen wahrgenommen werden, die sonst eher am Rande der Gesellschaft stehen. Und darum, dass diese auf Augenhöhe behandelt werden, statt auf Ablehnung zu stoßen. Er hofft, dass die Zahnbehandlung ein dauerhaftes Angebot wird, das über viele Jahre lang angeboten werden kann. "Das wäre doch der Oberhammer, wenn Ärzte dazu bereit wären, das ehrenamtlich anzubieten", sagt er. Zur Probe sind erstmal drei Monate angesetzt.

Ein Schild mit der Aufschrift "Bahnhofsmission hilft in existenziellen Notlagen" steht in einem Fenster.
Die ökumenische Bahnhofsmission ist eine Anlaufstelle für bedürftige Menschen in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Niko Nowak

Hoffnung auf ehrenamtliche Helfer und kostenfreie Prothesen

Wie genau die Zahnbehandlungen am Ende ablaufen und wie viele Menschen sich tatsächlich behandeln lassen möchten, das müsse während der Termine herausgefunden werden, sagt Florian Sosnowski. Nicole Primas hofft, dass sich viele, besonders junge Kolleginnen und Kollegen ebenso wie Zahnarthelferinnen und Helfer anschließen und für die ehrenamtlichen Schichten bereiterklären werden.

Alleine kann man das gar nicht stemmen.

Dr. Nicole Primas, Zahnärztin

Da einer der größten Kostenpunkte bei Zahnbehandlungen häufig Zahnersätze seien, versucht sie auch dafür Lösungen zu organisieren. "Wir können eventuell mit Hilfe von zahntechnischen Laboren einfache Prothesen zum Ersatz von fehlenden Zähnen anbieten." sagt sie. "Das wäre ein Traum", meint Sosnowski.

MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. März 2021 | 12:40 Uhr

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