
DDR und Wendezeit Vertragsarbeiter aus Mosambik: "Wir wurden von Deutschland betrogen"
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12. Oktober 2024, 10:52 Uhr
Von 1979 bis 1990 arbeiteten rund 17.000 Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR. Unter ihnen war auch David Macou. Was er und seine Kollegen nicht wussten: Ein Teil ihres Lohnes wurde einbehalten, um Mosambiks Schulden bei der DDR zu tilgen. Macou wurde in den rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda angegriffen und danach abgeschoben. Nun fordert er den einbehaltenen Lohn ein. In Hoyerswerda hat er Oberbürgermeister Ruban-Zeh getroffen.
- David Macou erlebte die Angriffe auf das Wohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße in Hoyerswerda mit.
- So wie tausenden anderen Vertragsarbeitern aus Mosambik wurde Macou ein Teil seines Lohnes vorenthalten.
- Hoyerwerdas Oberbürgermeister verspricht, Macou zu helfen.
David Macou steht vor dem Gebäude in der Clara-Zetkin-Straße in Hoyerswerda, in dem er elf Jahre lang gelebt hat. Das ehemalige Wohnheim für sogenannte Vertragsarbeiter ist renoviert und bunt angestrichen. "Da werden Erinnerungen wach", sagt Macou. "Schöne und schlechte".
Schön sei gewesen, zu lernen und zu arbeiten, auch wenn die Arbeit im Tagebau oft sehr hart gewesen sei. Macou lernte Schlosser und Schweißer und reparierte im Tagebau Welzow Maschinen.
Auch die Freundschaften mit Kollegen und Nachbarn sind ihm in guter Erinnerung geblieben. Schlecht sei vor allem der Rassismus gewesen. Der sei von Anfang an Alltag gewesen in Hoyerswerda, weshalb er und seine mosambikanischen Freunde nur in Gruppen von mindestens fünf Mann ausgegangen seien. Richtig schlimm sei es aber erst 1990 geworden.
Neonazis greifen Wohnheim an
Am 1. Mai 1990, am Tag der Arbeit, seien zum ersten Mal Neonazis zum Wohnheim in die Clara-Zetkin-Straße gekommen und hätten ihn und seine Kollegen mit Steinen beworfen. Die Mosambikaner sollten daraufhin umziehen in die Albert-Schweitzer-Straße, in ein größeres Wohnheim.
Dort begannen am 17. September 1991 rassistische Ausschreitungen. Neonazis warfen Steine und Molotow-Cocktails auf das Gebäude und dessen Bewohner. "Mehrere Kollegen wurden von Steinen getroffen und mussten ins Krankenhaus", berichtet Macou.
Angreifer rufen: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus"
Die Angreifer hätten gerufen: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!". Auch viele Anwohner feuerten die Neonazis an. Die Polizei griff nur sehr zögerlich ein.
Erst am 20. September wurde das Areal rund um die Unterkunft abgesperrt. Die Angreifer zogen weiter zu einem Asylbewerberheim, wo sie bis zum 23. September ihre Angriffe fortsetzten. Bis heute habe es keine offizielle Entschuldigung von der deutschen Regierung gegeben, sagt Macou. Am 20. Oktober seien er und die anderen mosambikanischen Bewohner des Wohnheims abgeschoben worden.
Um den Lohn betrogen
In Mosambik hätten David Macou und die anderen Rückkehrer eigentlich von der Regierung einen Teil des in der Deutschland verdienten Geldes ausgezahlt bekommen sollen. So war es ihnen versichert worden. Bis zu 60 Prozent des Lohnes oberhalb eines Sockelbetrags von 350 DDR-Mark hatte die DDR einbehalten.
Doch laut der SED-Opferbeauftragten im Bundestag, Evelyn Zupke, ist dies nicht geschehen. Stattdessen behielt die DDR das Geld zur Tilgung von Schulden Mosambiks ein - offenbar hatten sich beide Staaten darauf verständigt.
Ganz in der Nähe des ehemaligen Wohnheims in der Clara-Zetkin-Straße, schaut Macou in ein leeres Schaufenster und schüttelt den Kopf: "Ich verstehe nicht, warum das hier alles leer steht." Früher sei es hier besser gewesen: Eine "Kaufhalle" habe es gegeben und andere Geschäfte.
"Vielleicht ist es so, weil die Ausländer, die hier gelebt haben, weg sind", überlegt er laut. "Wir waren Lohnsteuerzahler, genauso wie die deutschen Kollegen". Dass er Steuern und Rentenbeiträge gezahlt hat, betont der 65-Jährige immer wieder. Er habe in zwölf Jahren in Deutschland seine Pflichten erfüllt, jetzt fordert er seine Rechte ein.
Macou: "Wir wollen, was uns zusteht"
Er betont dabei: "Wir wollen nur, was uns zusteht." Damit meint er den vorenthaltenen Lohn und das Geld, das die Vertragsarbeiter in das Rentensystem der DDR gezahlt haben.
Die Bundesregierung sieht sich jedoch nicht mehr in der Pflicht. In den Neunziger Jahren hat die Bundesrepublik im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Zahlungen an Mosambik geleistet, laut tageschau.de 75 Millionen Mark, von denen ein Teil auch den ehemaligen Vertragsarbeitern zukommen sollte. Allerdings ist das Geld bei denen wohl nie angekommen. Wahrscheinlich sei es durch Korruption verloren gegangen, sagte Zupke.
Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte auf der Bundespressekonferenz Ende September, man habe alle vereinbarten Verpflichtungen erfüllt und verwies auf die Verantwortung der mosambikanischen Regierung. Man stehe mit dieser auch zu dieser Frage in Kontakt.
Macou: "Deutschland hat mich gelehrt, zu kämpfen"
David Macou will das nicht akzeptieren. Deutschland könne seine Verantwortung nicht einfach wegschieben, schließlich sei das Land an der Ausbeutung genauso beteiligt gewesen wie Mosambik. Denn eins habe ihn die "große Schule", die Deutschland für ihn gewesen sei, gelehrt: "Wenn es ein Problem gibt, muss man kämpfen, bis es eine Lösung gibt."
Er fordert deshalb Transparenz über alle Vereinbarungen, die es zwischen den beiden deutschen Staaten und Mosambik gegeben hat. Er will genau nachvollziehen können, welche Zahlungen wann an wen geleistet wurden. "Anscheinend waren wir in Deutschland als Sklaven vorgesehen", sagt er. Denn "wer die Schulden von einem anderen Land zahlt, ist ein Sklave". "Betrug" sei es, was die beiden Ländern mit ihm gemacht hätten.
Anscheinend waren wir in Deutschland als Sklaven vorgesehen.
Torsten Ruban-Zeh: "Sie wurden beschissen"
So sieht es auch Hoyerwerdas Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh (SPD): "Der David und seine Kollegen, die hier waren, wurden auf gut Deutsch gesagt beschissen von uns, aber genauso von ihrer eigenen Regierung", sagt er. Die Initiative Zivilcourage Hoyerswerda hat ihn und David Macou zu einem Gespräch im Bürgerzentrum Hoyerswerda geladen.
Der David und seine Kollegen, die hier waren, wurden auf gut Deutsch gesagt beschissen von uns, aber genauso von ihrer eigenen Regierung.
Die beiden kennen sich bereits. Zum 30-jährigen Gedenken an die Ausschreitungen hat Ruban-Zeh die Opfer der Gewalt im Namen der Stadt 2021 um Verzeihung gebeten. Macou war damals angereist und hatte die Entschuldigung entgegengenommen.
Ruban-Zeh sieht die deutsche Regierung ebenso in der Verantwortung wie die mosambikanische, denn die Vertragsarbeiter "wurden von beiden übers Ohr gehauen."
Hoyerswerda will Vertragsarbeitern helfen
Die Stadt wolle deshalb den damaligen Vertragsarbeitern helfen, "dass sie zu ihrem Recht kommen." Man werde es an die entsprechenden Stellen bringen, denkbar sei zum Beispiel eine Petition im Bundestag. Macou hofft auf baldige Ergebnisse: In Mosambik lebe er in Armut und schlage sich als selbstständiger Schweißer mit einem Schweißgerät aus der DDR durch.