Andreas Steiner, Schulleiter der Fichtenberg-Oberschule im Berliner Steglitz, schreibt 2019 an der Tafel das Wort "Demokratie".
Offizielle Statistiken zu rechtsextremen Vorfällen an sächsischen Schulen sind rar gesät und spiegeln kaum die Realität wieder. Experten sehen trotz einer positiven Entwicklung noch viel Nachholbedarf. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Bildung Rechtsextremismus an Schulen: "Die meisten plappern viel nach"

21. Mai 2023, 07:00 Uhr

Rechtsextreme Vorfälle an Schulen werden seit einem Brandbrief an einer Brandenburger Grund- und Oberschule wieder intensiv diskutiert. Auch an sächsischen Bildungseinrichtungen gibt es Hitlergrüße und Hakenkreuz-Schmierereien. Obwohl offizielle Statistiken und Umfragen eher auf Ausnahmen hindeuten, können Experten keine Entwarnung aussprechen. Schulverbände und Projekt-Koordinatoren wünschen sich bei der politischen Bildung und Erziehung mehr Freiraum.

Ein Papierflieger im Physikunterricht mit der Aufschrift "Der Feind des Deutschen Volkes der Jud!", aufgemalte Hakenkreuze auf dem Schulhof und ein Instagram-Profil mit dem Namen "HlTLERFANBOY": Solche und ähnliche Fälle listet eine Übersicht des sächsischen Landesamtes für Schule und Bildung (LaSuB) über sogenannte besondere Vorkommnisse auf. Das geht aus einer älteren Anfrage der Linkspartei im Sächsischen Landtag hervor.

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Insgesamt 48 Meldungen mit rechtsextremem Hintergrund sind im vergangenen Jahr bei der LaSuB eingegangen. Bei über 430.000 sächsischen Schülerinnen und Schülern scheint die Zahl zunächst verschwindet gering auszufallen.

Zusätzlich zeichnete die jüngste Umfrage des repräsentativen Sachsen-Monitors ein deutlich toleranteres Bild des Freistaates als noch vor ein paar Jahren. "Ressentiments und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit haben in der sächsischen Bevölkerung im Vergleich zu 2018 deutlich abgenommen", heißt es dort.

Sensibilisierung gestiegen, Gesellschaft bleibt anfällig

Sind Verhältnisse wie an einer Schule in der Gemeinde Burg in Südbrandenburg, wo sich Lehrkräfte aufgrund rechtsextremer Umtriebe hilferufend an die Öffentlichkeit wandten, in Sachsen also kein Thema? Die paar bekannten Vorfälle kaum der Rede wert? "Aus meiner Perspektive kann ich schon sagen, dass die Sensibilisierung für diese Problematik gestiegen ist", sagt Marlene Jakob.

Sie ist die sächsische Landeskoordinatorin für das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC), die Projekttage zu Rechtsextremismus und Demokratie an Schulen veranstalten. Trotz der positiven Entwicklung warnt Jakob davor, die vielen Ausprägungen von diskriminierendem Gedankengut kleinzureden. "Wir sind als Gesellschaft nach wie vor sehr anfällig und müssen aktiv bleiben".  

Starke Schwankungen bei Schulmeldungen

So gilt zu beachten, dass die Schulen bei den 48 rechtsextremen Meldungen im vergangenen Jahr viel Ermessensspielraum besitzen, was sie weiterleiten und was nicht. Eigentlich sollen sie alle Vorfälle melden, die den Schulbetrieb im erheblichen Maße beeinträchtigen. In der Praxis weichen die Meldungen unter den Schulen in Qualität und Quantität aber stark voneinander ab, erklärt das Kultusministerium auf Anfrage von MDR SACHSEN.

Schulen hadern womöglich damit, ob sie jedes Vorkommnis sofort öffentlich zur Anzeige bringen wollen. Nicht überall herrsche Konsens darüber, wann bei einem diskriminierenden Spruch eines Schülers eingegriffen werden soll, ergänzt Jakob. "Jede Aussage, die man als Lehrkraft unkommentiert lässt oder die man beschwichtigt, trägt dazu bei, dass menschenverachtende Inhalte und Aussagen an der Schule zur Norm werden."

Laut Sachsen-Monitor hegt knapp ein Drittel der Bevölkerung homophobe oder sexistische Ressentiments. Die Zustimmungswerte sanken zwar im Vergleich zu 2018, dennoch sind menschenfeindliche Einstellungen querfeldein in der Gesellschaft zu finden.

26 Prozent der 18- bis 29-Jährigen stimmen beispielsweise der Aussage zu, dass Deutschland durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet sei. Der Verfassungsschutz benennt Rechtsextremismus zudem als größte Gefahr in Sachsen.

18 Stunden Bildschirmzeit

Schon Sprüche, die sich nicht sofort einer extremistischen Denkweise zuordnen lassen, können Hinweise darauf sein, dass sich eine solche Kultur etabliert.

Das beobachtet auch Johannes Pursche, Referent der gemeinnützigen Organisation "Social Web macht Schule" aus Dresden. Sie klärt Bildungseinrichtungen in Sachsen und Brandenburg über Themen wie Medienkompetenz, Fake News und Cybermobbing auf.

Ein Porträtfoto eines jungen Mannes in einem schwarzen T-Shirt.
Johannes Pursche von "Social Web macht Schule" sieht neben den Lehrkräften gerade die Eltern in der Verantwortung, die Mediennutzung ihrer Kinder im Blick zu behalten, um Gefahren frühzeitig zu erkennen. "Wir als Organisation können nur einen Werkzeugkasten an die Hand geben, die Kinder zum Reflektieren bringen", sagt er. Bildrechte: Johannes Pursche

Offensichtlichen Rechtsextremismus bemerke er bei seinen Seminaren mit Kindern und Jugendlichen zwar eher selten, dennoch beobachte er viel "Nachgeplapper", das aus dem Elternhaus oder dem Internet zu stammen scheint.

"Das fängt schon an, wenn Memes wiederholt werden oder Ausschnitte aus TikTok, darunter besonders Vorurteile gegen queere Menschen", sagt Pursche und berichtet von einem teils extrem hohen Medienkonsum. "18 Stunden Bildschirmzeit war bisher mein Rekord bei einer Schülerin, davon 16 Stunden auf TikTok."

Empathie beibringen

Pursche sieht hier die Gefahr, dass die Kinder auf den Plattformen auf Aussagen und Ideologien treffen, die sie noch gar nicht einordnen können. Einige Lehrkräfte würden sich zudem vom digitalen Wandel überfordert fühlen und hätten kaum Zugang zum Mediennutzungsverhalten ihrer Klassen.      

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Maik Fielitz von der Bundesarbeitsgemeinschaft "Gegen Hass im Netz" spricht im Interview über die politische Bedeutung von Memes. Bildrechte: DAS NETTZ | Jörg Farys
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Fallen nun diskriminierende Aussagen, ist es wichtig, den Heranwachsenden Empathie näherzubringen, erklärt Pursche weiter. "Das ist für einige Kinder und Jugendliche super schwierig. Empathie ist nichts, was man einfach hat, sondern viele Kinder müssen erst lernen, sich in eine andere Person hineinzuversetzen."

Lehrer: "Man muss versuchen, das Gespräch zu suchen"

Eine wichtige Rolle kommt dabei zweifelsohne den Lehrkräften zu. Für den stellvertretenden Landesvorsitzenden des sächsischen Lehrerverbandes (SLV), René Michel, ist klar, dass eine gute Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern die Grundlage ist, um sowohl Wissen als auch demokratische Werte zu vermitteln. "Man muss versuchen, das Gespräch zu suchen und diskriminierende Sichtweisen zu hinterfragen", sagt er.

Michel unterrichtet an einer Oberschule in Radeberg. Vor einigen Jahren versuchte die NPD, CDs vor dem Schulhofgelände zu verteilen, erzählt er. Eine alte Masche. Die Polizei sei schnell da gewesen und hätte die Angelegenheit geklärt.

Wenn sich das rechte Gedankengut aber bei den Kindern und Jugendlichen verfestigt habe oder kaum im Alltag zu Tage trete, sei ein sofortiges Eingreifen nicht ohne Weiteres möglich.

Bei Klassen mit einer Klassenstärke von im Schnitt über 20 Personen kommen Lehrkräfte schnell an ihre Grenzen. "Wenn man eine so große Masse an Kindern hat, ist es schwierig, auf den Einzelfall einzugehen", sagt Michel. Gerade wenn Strukturen sowie Perspektiven fehlen, wittern Demokratiefeinde ihre Chance.

Demokratieprojekt mit gemischtem Fazit

2018 endete das Modelprojekt "Starke Lehrer – Starke Schüler" an sächsischen Berufsschulen, das Lehrkräfte besser auf den Umgang mit Rechtsextremismus vorbereiten sollte. Das Fazit der leitenden Robert-Bosch-Stiftung fiel damals gemischt aus.

Die Entwicklung einer "reflexiven Schulkultur" sei nur bedingt möglich gewesen und bei den Lehrkräften hätte sich teilweise Politikverdrossenheit breitgemacht, was ein Werben für die Demokratie erschweren würde. 

Mittlerweile ist das Projekt als reguläres Programm bei der LaSuB verankert und richtet sich an alle Schulen in Sachsen. In diesem und nächstem Jahr will das Kultusministerium über 1,9 Millionen Euro in die politische Bildung, Demokratiebildung und Extremismusprävention investieren. 2022 waren es 1,8 Millionen Euro.

Forderungen: Mehr Schulsozialarbeiter und mehr Freiraum

Alle Gesprächspartner bestätigen MDR SACHSEN, dass sie einen Hilferuf wie in Brandenburg auch in Sachsen nicht überraschen würde. Es gebe zwar viele Schulen, die sich engagieren und einsetzen. Andere wiederum beschwichtigten und ignorierten Vorfälle noch zu sehr. Kinder und Jugendlichen müssten zudem mehr involviert werden in die Schulpolitik.

Lilly Härtig
Die Vorsitzende des Landesschülerrats Sachsen, Lilly Härtig, fordert von Schulen, dass sie Schüler und Schülerinnen stärker demokratisch in den Schulalltag integrieren. "In jeder Schule, in der nicht aktiv politische Bildung vermittelt und Demokratie gelebt wird, ist es möglich, dass sich Lehrkräfte zusammenschließen, um einen solchen Brief wie in Brandenburg zu verfassen", sagt sie. Bildrechte: MDR / Martin Dietrich

"Politische Bildung soll an Schulen gelebt und nicht nur gelernt werden", fordert daher Lilly Härtig, Vorsitzende des Landesschülerrats Sachsen. Schulsozialarbeit, Schulassistenz und Schulpsychologie müssen laut Härtig ausgebaut werden, um Lehrkräfte zu entlasten. "Es kann nicht sein, dass nur eine Schulsozialarbeiterin auf mehrere hundert oder tausend Schüler kommt."

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