Studie Studie: Zehn von zehn dunkelhäutigen Kindern erleben Rassismus

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Bahn und eine fremde Person greift Ihnen in die Haare: "Wollte ich immer schon wissen, wie sich das anfühlt". Oder Sie kaufen ein Ticket, und der Mensch am Schalter sagt: "Du sprichst aber gut deutsch." Für viele Menschen ist das nicht absurd, sondern Alltag. Eine Forschungsgruppe um die Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götze hat die rassistischen Alltagserfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund untersucht.

Klassenfoto mit Kindern und einer Lehrerin
Welches dieser Kinder hat schon Alltagsrassismus erlebt? Bildrechte: imago images/Shotshop

Achtung, Triggerwarnung. Diese Passage enthält konkrete Erlebnisse eines jungen Leipzigers.

"Du bist schon braun, du kriegst keine Schokolade", sagt die Leipziger Erzieherin fröhlich zu einem Vierjährigen. Als er 13 ist, feixt sein bester Freund: "Ich weiß, warum du braun bist: Du bist eine Arschgeburt!"

Rassismuserfahrungen sind in Deutschland Alltag für Kinder mit dunklem Teint. Sie sind Teil ihres Lebens, egal, ob sie morgens aus dem Haus gehen, nachmittags zum Sportverein oder zum Chor, früh die Bäckerei betreten, nachmittags das Busticket kaufen. Die Orte, an denen sie quasi jederzeit mit Anfeindungen, Beschimpfungen, Vorfällen aller Art rechnen können: Momente, in denen nicht-dunkle Menschen dunkle Menschen definieren: Als nicht-weiß. Eine Art ungeschriebener Freifahrtschein zur Stereotypisierung und Einordnung eines anderen Menschen. Echt jetzt?! werden Sie jetzt vielleicht denken, wenn sich Sie selbst zu den Hellhäutigen zählen. Und sich dann vielleicht unangenehm berührt fühlen, weil Sie hier gerade über Ihren Hautton definiert werden. Das machen Sie sonst sicher nicht, genauso wenig wie Ihre Kinder.

Dr. Maya Götz hat genau dieses Thema untersucht: Rassismuserfahrungen in Deutschland. Dafür wurden 1.461 Heranwachsende zwischen sechs und 19 Jahren zu ihren Rassismus-Erfahrungen im Alltag befragt, in Interviews und in Fragebögen. 491 der Befragten haben eine Zuwanderungsgeschichte, das heißt, sie selbst oder ihre Eltern wurden in einem anderen Land als Deutschland geboren. Außerdem wurden 22 Fallstudien in Form von Interviews mit Kindern bis 12 Jahren gemacht.

"Wo kommst du her? Du sprichst aber gut Deutsch!"

In den Untersuchungen wurden 14 Phänomene von Alltagsrassismus erfragt: Fragen nach der Herkunft. Witze über das Aussehen, Griffe in die Haare, Lob für die Deutschkenntnisse. Ergebnis der Befragung: Je älter das Kind, umso mehr Alltagsrassismus wird erlebt. Schon im Grundschulalter wird demnach jedes dritte Kind mit Zuwanderungsgeschichte danach gefragt, wo es denn "wirklich" herkomme. Neun von zehn Heranwachsenden (94 Prozent) mit dunkler Hautfarbe gaben an, als "fremd", "ausländisch" oder "anders" wahrgenommen zu werden. Für Kinder und Jugendliche, die sich als dunkel oder dunkler identifizieren, ist die Hautfarbe das zentrale Merkmal, warum sie sich ausgegrenzt fühlen. Die Frage "Wohnst Du schon immer in Deutschland?" empfinden neun von zehn Kindern und Jugendlichen mit dunkler Hautfarbe als unangenehm. Ebenso ergeht es den befragten Kindern und Jugendlichen, die sich selbst als muslimisch beschreiben.

Wie sich das anfühlt, zeigen die "Datteltäter" in ihrem Youtube-Kanal. Achtung, Satire!

Zehn von zehn Kindern mit dunklem Teint erleben Rassismus

Zu den häufigsten Erfahrungen zählen der Studie zufolge außerdem Beschimpfungen wegen der Herkunft und des Aussehens, Witze über das Herkunftsland, sowie körperliche Bedrohungen und Angriffe. "Sieben von zehn Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte haben Alltagsrassismus erlebt. Zehn von zehn Kindern mit dunklerer oder dunkler Hautfarbe wurden mit Alltagsrassismus konfrontiert", heißt es weiter in der Veröffentlichung. Und: "Knapp sieben von zehn Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte und dunklerer Hautfarbe wurde schon mal gesagt, sie sollten in das Land zurückgehen, aus dem sie gekommen sind."

Haben diese Ergebnisse Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götz überrascht? "Ja! Theoretisch war es mir klar, dass die Kinder und Jugendlichen mit sichtbarer Zuwanderungsgeschichte solche Dinge erfahren. Aber es war für mich erschreckend, das in solchen Dimensionen zu sehen, in dieser scharfen Ausprägung," sagt die Wissenschaftlerin im Gespräch mit MDR Wissen.

Wo kommst du her? Darf ich mal deine Haare anfassen?

"Wohnst du schon immer in Deutschland?" Eine Frage, die neun von zehn befragten Jugendlichen als unangenehm empfanden, ähnlich wie das Lob: "Du sprichst aber gut deutsch". Die Frage "Darf ich mal deine Haare anfassen" fanden alle Kinder mit dunkler und dunklerer Hautfarbe als unangenehm.

Eine Hand auf einem Kopf
Schon mal jemand ungefragt in die Haare gegriffen? Bildrechte: Liane Watzel

Wobei den Schilderungen in den Interviews zufolge Kindern oft direkt in die Haare gegriffen wird. Falls sich jemand fragt, was daran unangebracht ist, hilft ein Blickwechsel. Man tausche gedanklich die Personen dieser Situation aus, setze sich gedanklich in eine Bahn, betrachte den weißen Teenie auf dem Platz neben sich, greife ihm forsch in die Haare und murmle: "Wollte ich immer schon mal anfassen!" Kinder, die für die Forschungsarbeit nach Rassismuserfahrungen gefragt wurden, formulierten sie oft so, als verursachten sie den Übergriff selbst durch ihre körperlichen Merkmale, eine Zuwanderungsgeschichte, ihr Verhalten in bestimmten Situationen. "Damit tragen sozusagen sie selbst die Schuld an den Erlebnissen und das rassistische Handeln wird legitimiert", schreibt Mit-Autor Claus Melter in der Forschungsarbeit.

Alltagsrasissmus: Wer übt ihn aus?

71 Prozent der Beleidigungen kommen der Studie zufolge von Mitschülerinnen und anderen Kindern oder Jugendlichen. 13 Prozent von Fremden auf der Straße, an Haltestellen oder im Zug. Es sind Alltagsmomente, die weder weiße Kinder noch weiße Erwachsene erleben. Sie steigen bewusst hinten in den Bus oder die Bahn ein, um definierenden Blicken und Beleidigungen der Mitfahrenden zu umgehen. Und es sind nicht nur direkte Aggressionen wie bespuckt werden, beschimpft werden, es ist die Perspektive des hellhäutig-Privilegierten, der mit seinen Fragen oder Handlungen private Grenzen überschreitet: "Wo kommst du her? Was, aus Chemnitz? Aber dein Vater ist woanders her?" Man fragt ja sein Gegenüber auch nicht danach, wie die eigenen Erzeuger aussahen. Es sind Mikro-Aggressionen, wie eine "englische Antwort bekommen, obwohl man in tiefstem Sächsisch ein Ticket nach Döbeln bestellt hat". Von Wildfremden gefragt werden: "Sag mal, verletzt Dich das, wenn ich das N-Wort benutze?" Oder die zehnte Nachfrage, wo denn der Papa oder die Mama wirklich herkommt.

Alltagsrassismus: Wie er funktioniert

Alltagsrassismus betrifft nicht nur die, die ihn ungefragt erleben. Er betrifft auch die, die ihn ausüben. Sei es unbewusst, "war gar nicht böse gemeint, wollte nur witzig sein, sei nicht so empfindlich".

Oder gewollt, aus der Perspektive der hellhäutigen Privilegierten wie die weiße Autorin Elke Heidenreich, die jüngst in einer Fernsehtalkrunde vehement auf ihrer Definitionsmacht über eine junge Sprecherin der Grünen beharrte, "diese könne überhaupt nicht reden", und man sehe sofort, "die kann nicht aus Wanne-Eickel kommen, sondern die Eltern kommen woanders her". Auf der einen Seite also diejenigen, die Menschen einordnen und ihre Rolle (als Objekt) verweisen wollen ("Ich definiere Dich: Du kannst nicht von hier sein!"), die Grenzen überschreiten, wenn sie fremden Kindern ungefragt in die Haare greifen, ihre echte Herkunft erfragen.

Nicht-rassistisch reden tut nicht weh

Und auf der anderen Seite, diejenigen, die schlicht simple Grenzen der guten alten Kinderstube einfordern: Nicht fremden Menschen in die Haare fassen. Nicht die Herkunft erfragen. Nicht für das gute Deutsch loben. "Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Unversehrtheit – das einzufordern ist nicht ihre Aufgabe", sagt Diana-Sandrine Kunis in einem Interview in Dr. Maya Götzes Veröffentlichung. Tatsächlich ist das die Aufgabe der Privilegierten, sich ihrer eigenen sozialen Position, ihres eigenen Privilegs bewusst zu werden, um Kindern und Jugendlichen Rassismuserfahrungen zu ersparen. Nicht-rassistisches Verhalten, nicht-rassistischer Sprachgebrauch tun an sich nicht weh. Es ist die Selbsterkenntnis des eigenen Rassismus, die schmerzt und die manche vehement von sich weisen, wie der Teufel das Weihwasser. Oder andere, die feststellen wie Studienautorin Dr. Maya Götz: "Ich habe gemerkt, ich bin selbst so unglaublich weiß. Und ich habe jetzt erst gemerkt, was das für einen Unterschied macht."

12 Kommentare

MDR-Team vor 6 Stunden

Hallo Tacitus,
es ist leider immer wieder unglaublich, wenn Menschen, die von etwas nicht betroffen sind, den Betroffenen erklären wollen, dass ihr Empfinden falsch ist. Es ist nun einmal ein Fakt, dass die absolute Mehrheit der Betroffenen, in der angesprochenen Studie reden wir von 90 Prozent, die Frage nach der Herkunft als unangenehm empfindet. Und zwar nicht aufgrund von Interesse, sondern weil eben gefragt wird, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Das ist nun einmal ganz offensichtlicher Alltagsrassismus. Übrigens ebenso, wenn Sie von "ausländisch aussehend" reden. Es mag Ihnen nicht bewusst sein, doch wenn sie Menschen durch ihre äußerlichen Merkmale klassifizieren, ist das Rassismus. Denn es gibt keine Menschenrassen und die Herkunft kann man niemanden ansehen. Das sie Übergewichtige Menschen als Menschen mit "defekten Äußeren" ansehen und von "Wuschelköpfen" sprechen, ist dazu menschenverachtend und gehört sich nicht.

Tacitus vor 6 Stunden

Die Frage "Woher kommst du?" hat nichts mit Rassismus zu tun.
Ich hatte vor einiger Zeit folgendes Erlebnis:
In einem Betriebsrestaurant arbeitete ein ausländisch aussehender Koch. Als er mein Essen zusammengestellt hat, habe ich ihn gefragt, woher er kommt. Er war aus Indien und hat mir seine Heimatstadt genannt. Bei jedem Zusammentreffen begrüßte er mich überaus freundlich und sagte auch mal ein paar Sätze über seine Heimat. Er hat sich einfach über Aufmerksamkeit und Freundlichkeit von mir gefreut.
Ich war in vielen Ländern und wurde sehr oft gefragt, woher ich komme, sogar in den USA. Das ist eine Geste des Interesses oder auch der Neugier.-
Auch andere Dinge im Artikel finde ich absurd: Wir oft werden Kinder mit Defekten im Äußeren (z.B. dicke Jungen) gehänselt oder gar misshandelt und gemobbt. Das ist so- das Anfassen der Haare bei Wuschelköpfen ist sicher nicht schön, mit Rassismus hat es aber nichts zu tun.

MDR-Team vor 8 Stunden

Hallo Hans Sturm,
auch wenn Sie die Frage nicht stört und sie es als Neugierde empfinden, muss dies aber bei anderen Menschen nicht so sein. Wir können uns eher vorstellen, dass dies den meisten Menschen unangenehm ist und sie das nicht möchten.
Ganz konkret belegen kann man aber, dass neun von zehn Kindern und Jugendlichen mit dunkler Hautfarbe diese Frage eben als unangenehm empfinden. Das kann man auch einfach zur Kenntnis nehmen, selbst wenn man anderer Meinung ist.