Sorbinnen in Schleifer Tracht 4 min
Die Sorben sind seit 1992 als Volk anerkannt. Über die Vertretung der sorbischen Interessen ist man sich jedoch bis heute uneinig. Bildrechte: imago/Rainer Weisflog
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Wer soll die Interessen der Sorben künftig vertreten: Ein Dachverband sorbischer Vereine oder ein eigenes Parlament? Das wird zwischen Domowina und Serbski Sejm diskutiert, aber auch in der sorbischen Community.

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Debatte Sachsen: Wer soll die Sorben künftig vertreten?

28. März 2024, 17:53 Uhr

Mit einem Ultimatum an die Bundesregierung hat das sorbische Parlament Serbski Sejm vor einem Jahr die Anerkennung der Sorben als indigenes Volk gefordert. Doch getan hat sich bislang nichts. Was auch an der Uneinigkeit in der Frage liegen könnte, wer künftig überhaupt die Interessen der Sorben vertreten soll. Ist es ein Parlament wie das Serbski Sejm oder die Domowina, der Dachverband der sorbischen Vereine?

Obschon das Thema des 1957 uraufgeführten Oratoriums "Krieg und Frieden" ein ernstes ist, wirkt in der Bautzener Aufführung die sorbische Welt in Ordnung. Im Haus des Sorbischen Nationalensembles wird sorbisch gesprochen, auf der Bühne tauchen Volksbräuche auf, die Musik überfordert niemanden.

Auch in Grit Lemkes Dokumentarfilm "Bei uns heißt sie Hanka", der zwei Wochen nach Ostern in die Kinos kommt, berühren Urwüchsigkeit und Warmherzigkeit. Aber gegen Ende klingen Konflikte an, wenn etwa Bräutigam Ignac sagt: "Wir sind indigen, aber keine Minderheit!"

Drei Personen, eine davon in üppiger sorbischer Tracht.
Grit Lemkes neuer Film "Bei uns heißt sie Hanka" dreht sich um die sorbische Identität und Tradition. Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih

Serbski Sejm fordert Anerkennung als indigenes Volk

Denn das kleine slawische Volk ist vom Wiederaufleben der Identitätspolitik nicht unberührt geblieben. Einige Vertreter wie der Anwalt und frühere sächsische Landtagsabgeordnete Heiko Kosel fordern eine Anerkennung als indigenes, also eingeborenes Volk: "Der erste Grund besteht meiner Meinung nach darin, dass es der geschichtlichen Wahrheit entspricht", erklärt er.

Vor einem Jahr stellte der Serbski Sejm, eine Art gewählter Nationalversammlung, der Bundesregierung und den Landesregierungen von Sachsen und Brandenburg ein Ultimatum. Man verlangte Rechte eines indigenen Volkes nach dem Abkommen 169 der internationalen Arbeitsorganisation ILO, darunter mehr Einfluss auf die Bildungspolitik.

Die Sorben wären das erste anerkannte indigene Volk in der Bundesrepublik, etwa vergleichbar den Samen in Nordfinnland. Ziel ist die Ablösung der Sorbengesetze durch einen Staatsvertrag.

Heiko Kosel, ein Mann mit Anzug, Schnauzbart und Brille.
Politiker Heiko Kosel ist seit 2018 Abgeordneter des Serbski Sejm, der gewählten sorbischen Versammlung. Bildrechte: picture-alliance/ ZB | Ralf Hirschberger

Ultimatum wurde von der Bundesregierung ignoriert

Doch niemand nahm von dem Ultimatum bislang Notiz. Diese Ignoranz hängt auch mit der Uneinigkeit zusammen, wer die 60.000 Sorben eigentlich vertritt. "Dass es keine Institution bei den Sorben gibt, die alle an einen Tisch bringt", beklagt der sorbische Kulturwissenschaftler Měrćin Wałda.

2018 schrieben deshalb engagierte Idealisten die Wahl einer Basisvertretung, des Serbski Sejm, aus. Doch nur knapp 1.000 Sorben beteiligten sich an der Wahl der 24 Vertreter. Eigentlich müsste in diesem Jahr der zweite Sejm gewählt werden. Aber ein Termin ist unklar. Es gibt schon bei der Aufstellung der Wahllisten Probleme.

Bislang vertreten mehrere Institution die Sorben

Hauptansprechpartner der Landesregierungen bleibt die 1912 gegründete Domowina, der Dachverband der Vereine. Das findet Marko Suchy auch in Ordnung. Für ihn ist das "auch eine Art der Demokratie, wenn ein Verein seine Abgeordneten zur Hauptversammlung der Domowina sendet", erklärt er.

Suchy ist in Sachsen Vorsitzender des vom Landtag gewählten Rates für sorbische Angelegenheiten, ein beratendes Gremium ohne Entscheidungsbefugnis. Zuvor war er 23 Jahre lang Direktor der vom Bund und den beiden Ländern getragenen Stiftung für das sorbische Volk. Manche sprechen bezogen auf die Stiftung vom eigentlichen Machtzentrum, weil hier immerhin 24 Millionen Euro Fördergelder verteilt werden.

Vier Institutionen können als Sorbenvertreter gelten: Die Domowina, der Rat für sorbische Angelegenheiten, die Stiftung für das sorbische Volk und der Serbski Sejm. Der Sejm fühlt sich dabei nicht nur unterdrückt und ausgegrenzt, sondern verfügt auch über geringen Rückhalt.

Ein Mann mit kurzen grauen Haaren sitzt in einem Radiostudio.
Marko Suchy war von 1992 bis 2015 Direktor der Stiftung für das sorbische Volk. Bildrechte: MDR/Benno Scholze

Nicht alle Sorben wollen als Indigene gelten

Marcel Braumann, Chefredakteur der sorbischen Abendzeitung Serbske Nowiny, fällt ein hartes Urteil: "Ich habe mit unzähligen Leuten gesprochen, ob sie sich so verstehen, und habe kaum jemanden gefunden, der sich so identifiziert."

Ähnlich sieht es Marko Suchy: "Wir sind ein Volk, das tausend Jahre mit den Deutschen auf einem Territorium zusammenlebt. Wir haben es geschafft. Wir sind immer noch da", erklärt Suchy. Diese Zuversicht stützt sich unter anderem auf die Anzeichen relativer Stabilisierung und auf eine lebendige Vereins- und Jugendkultur, während im Serbski Sejm eher warnende, ja apokalyptische Töne zu hören sind.

Ein Mann mit kurzen Haaren und Brille steht vor einer Wand. Neben ihm hängt ein Bild mit einer abgebildeten Frau in sorbischer Tracht.
Der Journalist Marcel Braumann war Pressesprecher der Domowina und ist inzwischen Chefredakteur der "Serbske Nowiny". Bildrechte: Dušan Šołta/MDR

Sorben als anpassungsfähiges, modernes Volk

Der Sejm-Abgeordnete Heiko Kosel sagt:"Die Sorben haben verschiedene Regime und Diktaturen überlebt. Ich würde es als verheerend ansehen, wenn gerade unter demokratischen Verhältnissen, das Ende von sorbischer Sprache und Kultur erkennbar wäre".

Chefredakteur Marcel Braumann hingegen nennt die Sorben nicht nur ein anpassungsfähiges, sondern auch modernes Volk: "Es ist ja nicht so, dass die Sorben als rückständiges Volk von außen kolonialisiert wurden und sehen müssen, dass sie ihre ursprüngliche Lebensweise wiederfinden". Wohl auch deshalb stößt die Sejm-Forderung nach Indigenitätsstatus bei Regierungen und Landesparlamenten auf keinerlei Resonanz.

Redaktionelle Bearbeitung: vp

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 28. März 2024 | 07:10 Uhr

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