„Meinung zu Gast“ – Jan Hollitzer – Demografischer Wandel 3 min
Audio: "Meinung zu Gast"-Autor Jan Hollitzer fordert mutige Ideen für Orte, die Einwohner verlieren, nicht nur populistisches Anprangern. Bildrechte: Sascha Fromm / dpa

"Meinung zu Gast" Im Würgegriff des demografischen Wandels

08. September 2023, 13:08 Uhr

"Meinung zu Gast"-Autor Jan Hollitzer stellt fest, dass sich die überalterten Orte mittlerweile überlegen müssen, wofür noch öffentliches Geld da ist. Eine Buslinie, eine Schule? Beim Thema demografischer Wandel in Thüringen brauche es mutige Ideen und nicht Anprangern von empfundenen Verlusten. Ein Gastbeitrag.

500.000 Einwohner hat Thüringen seit 1990 verloren. Rund ein Viertel der gegenwärtigen Bevölkerung. Tendenz stark sinkend. Lediglich Städte wie Jena, Weimar und Erfurt können mit einem Wachstum rechnen. Doch nicht nur die Zahl der hier wohnenden Menschen hat sich enorm verringert.

Meinung zu Gast In der Rubrik "Meinung zu Gast" analysieren und kommentieren Medienschaffende aus Mitteldeutschland Transformations- und Veränderungsthemen: faktenbasiert, pointiert und regional verortet. Die Beiträge erscheinen freitags auf mdr.de und in der MDR AKTUELL App. Hören können Sie "Meinung zu Gast" dann jeweils am Sonntag im Nachrichtenradio MDR AKTUELL.

Nicht nur Stadt-Land-Debatte, sondern auch Generationenkonflikt

Blick in eine Straße.
Die kleinen Orte in Thüringen verlieren weiter Einwohner. Das Bild zeigt den Ort Lehesten im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. Bildrechte: dpa

Die Bevölkerung wird auch immer älter, weil viele Junge abgewandert sind. Der Demografieschock hat Thüringen so stark getroffen wie kaum ein anderes Bundesland. Doch was ist eigentlich gemeint, wenn ständig von Herausforderungen angesichts des demografischen Wandels und seiner Auswirkungen geredet wird?

Die Demografie, also Bevölkerungswissenschaft, die sich mit Altersstrukturen, Geburtenraten und Zu- sowie Abwanderung befasst, versucht anhand der genannten Prozesse, die Gegenwart und Zukunftsszenarien zu beschreiben.

Und der demografische Wandel in seiner momentanen Dynamik hat erhebliche Auswirkungen auf viele Bereiche unseres täglichen Lebens. Einige sind schon heute spürbar. Und er ist wohl eines der größten Probleme, mit denen sich unsere Gesellschaft konfrontiert sieht. Denn es geht um Themen wie Mobilität im ländlichen Raum, Wertschöpfung, Fachkräfte, das Rentensystem in seiner bisherigen Form, Finanzierbarkeit von Pflege – letztlich um Lebensqualität und nicht zu vergessen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn längst gibt es eine Stadt-Land-Debatte und nicht zu vergessen einen Generationenkonflikt.

Landkreise müssen überlegen, wofür noch Geld da ist

Sinkt zum Beispiel der Anteil erwerbstätiger Menschen, die Steuern zahlen, steigt der prozentuale Anteil im Haushalt bei einem umlagefinanzierten Rentensystem. Mehr Kosten für Rente, Pflege – oder auch pro Kopf gerechnet – für Verwaltungen, öffentlichen Nahverkehr belasten zunehmend Etats – egal ob auf kommunaler oder bundespolitischer Ebene. Ist es also noch darstellbar, dass in überalterten und ausgedünnten ländlichen Strukturen, die zunehmend Realität werden, Busse für ein bis zwei Fahrgäste verkehren, Schulen angesichts schwacher Geburtenraten auf Krampf erhalten werden? Das betrifft letztlich alle großen Flächenlandkreise.

Jan Hollitzer, Chefredakteur "Thüringer Allgemeine"
Bildrechte: Sascha Fromm

Jan Hollitzer Jan Hollitzer ist der Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen". In der Reihe "Meinung zu Gast" kommentiert er als Gastautor Transformations- und Veränderungsthemen in Mitteldeutschland.

Ländlichen Raum zukunftssicher aufstellen

Unbequeme Antworten und auf lange Frist erforderliche Konsequenzen werden politisch ausgeklammert, weil sie grundlegende Eingriffe in bisher gewohnte Realitäten der Menschen bedeuten. Und weil Eingriffe in bisher gewohnte Realitäten immer ein Gefühl von Verlust hervorrufen, scheuen sich politische Entscheidungsträger vor dringend erforderlichen Maßnahmen und überlassen damit das Feld den Populisten, die die Probleme nur benennen und anprangern, ohne Lösungsansätze zu präsentieren. Der Blick ist zu sehr auf die nächste Wahl gerichtet, auf Bestätigung und Erhalt von Mandaten, auf Mehrheiten und persönliche Karrieren.

Dabei sollte der demografische Wandel als Chance und Treiber gesehen werden, um notwendige Entscheidungen zu treffen und vor allem den ländlichen Raum zukunftssicher sowie resilient aufzustellen. Dazu bedarf es klarer Kommunikation auch wenn die Wahrheit für viele schmerzhaft sein mag. Es gilt einfach die Kraft des Faktischen. Gebraucht werden ganzheitliche und mutige Ansätze, um sich aus dem Würgegriff des demografischen Wandels zu befreien.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 10. September 2023 | 09:35 Uhr

124 Kommentare

Simone vor 23 Wochen

@wo geht es hin:
Na dann ist doch auf ihrem Dorf alles in Ordnung und ihre Jammerei ist doch völlig unbegründet.
Für ganz Thüringen sagt die Demographie halt leider aus, dass der ländliche Raum sich zunehmend entvölkert und die dort verbleibende Bevölkerung vergreist.
Wie wäre es also wenn sie die im Artikel genannte Problemstellung ausnahmsweise einmal akzeptieren und vernünftige Lösungsvorschläge unterbreiten?

Kleiner Tipp: Wenn sie gegen die Regierung hetzen wollen, dann bleibt ihnen eigentlich gar nichts anders übrig als sich darüber aufzuregen wie schlimm es angeblich um den ländlichen Raum bestellt ist.

Fehlende Menschen und all die damit verbundenen Probleme lassen sich übrigens nur sehr begrenzt mit Technik und Geld lösen. Eine Firma die keine Angestellten findet wird über kurz oder lang woanders ihren Betrieb fortführen, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Also seien sie mal nicht immer so fremdenfeindlich und akzeptieren, dass wir Zuwanderung benötigen.

Simone vor 23 Wochen

@Matthi
Wie muss ich mir das vorstellen?
Sie reißen da jedesmal einen Zettel ab, wenn ein Heizungsbauer einen Gesellen sucht, rufen dort an und ermitteln so über die ganze Stadt hinweg das Lohnniveau der offenen Stellen.

Die Wahrheit ist wohl eher so, dass Firmen die eine Stelle ausschreiben sehr genau wissen was sie bezahlen müssen um eine Fachkraft zu gewinnen. Kein Personaler macht sich die Mühe Bewerbungen zu sichten und Kandidaten einzuladen, nur um dann von diesen ausgelacht zu werden.

Dort wo der Mindestlohn bezahlt wird finden sie in der Regel nicht die Fachkräfte, die ihren Lohn diktieren können.

Simone vor 23 Wochen

@Lila123
Wenn man jammern will, dann findet man immer einen Grund.
Stimmen etwa die von Peter genannten Argumente nicht?
Der wesentliche Faktor für Wohlstand ist nun einmal berufstätig zu sein und dort einen anständigen Lohn zu kriegen. Aktuell findet wohl jeder der möchte einen Arbeitsplatz und auch die Löhne gehen aktuell für viele nach oben, weil man sonst zwar eine Stelle ausschreiben, diese aber nicht besetzen kann.

Allen kann man es eh nie recht machen. Die Häuslebauer haben sich über mehr als ein Jahrzehnt an günstigen Zinsen erfreut und nun freuen sich eben andere darüber, dass es wieder mehr Zinsen auf erpartes gibt. Die Renten sind übrigens an die Einkommen gekoppelt und somit wird auch die sinkende Inflation durchaus ein wenig kompnsiert.

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