Triebwagen der Erfurter Bahn beim Halt in einem Bahnhof
Zug der Erfurter Bahn: Mit baugleichen Fahrzeugen ist auch die Südthüringenbahn unterwegs. Bildrechte: IMAGO/CHROMORANGE

Der Redakteur | 14.12.2023 Volle Züge und Zugausfälle - was ist los auf den Thüringer Schienen?

14. Dezember 2023, 16:15 Uhr

Übervolle Züge, kurzfristige Zugausfälle und "geplanter" Schienenersatzverkehr - wo liegen die Ursachen der Bahn-Probleme?

Es war einmal eine schöne Idee. Ein Zugticket für das ganze Land, keine Tarifzonen, keine Extra-Ausbildung zum Fahrscheinautomatennutzer, einmal ein Ticket buchen und einen Monat lang überall einsteigen - zumindest in Nahverkehrszüge.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing von der FDP hat einst voller Stolz erzählt, wie er auf diese Idee gekommen ist. Aus dem Hause der liberalen Subventionsabschaffer waren das eher ungewöhnliche Ansätze, denn es ist schlicht eine Subvention. Auch der Nachfolger des 9-Euro-Tickets ist eine solche, das aktuelle Deutschlandticket. Subventioniert werden vor allem die, die pendeln.

Besonders Pendler profitieren vom Deutschlandticket

Nicht nur der Verkehrsökonom Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin kritisiert, dass Leute subventioniert werden, die gar nicht so bedürftig sind. Nämlich Pendler, die ohnehin fahren und beispielsweise statt 200 Euro im Monat für ihre regionale Strecke nun für nur 49 Euro ganz Deutschland bekommen.  

Ein Regoinalzug steht an einem Bahnsteig im Bahnhof Jena-Göschwitz.
Regionalzug in Jena-Göschwitz: Vor allem Pendler sparen durch das 49-Euro-Ticket Geld. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die großen Profiteure sind die Leute, die aus der Mittelschicht kommen, die in den Vororten wohnen, im Speckgürtel, und die teilweise sehr teure Monatskarten brauchen, um in die Stadt zu pendeln.

Christian Böttger, Verkehrsökonom von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin im Deutschlandfunk

Eine große Lenkungswirkung von der Straße auf die Schiene hat es laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) noch nicht gegeben. Der VDV sprach im September von fünf Prozent der Autofahrten, die sich das D-Ticket auf die grüne Fahne schreiben kann.

Etwa fünf Prozent aller Fahrten mit dem D-Ticket wären sonst mit dem Auto unternommen worden.

Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV)

Zum Glück "nur" fünf Prozent möchte man da fast sagen, denn der Chef der Erfurter Bahn spricht von 30 bis 40 Prozent mehr Auslastung seit Einführung des Deutschlandtickets. Nicht auszudenken, wenn noch mehr Leute ihre Autos stehenlassen.

Längere Züge und das Problem ist gelöst?

Nehmen wir das Beispiel der Erfurter Bahn, der zur Hälfte die Südthüringenbahn gehört. Die Südthüringenbahn hat 37 Fahrzeuge im Einsatz, sogar 60 sind es bei der Erfurter Bahn. Macht zusammen 97 Fahrzeuge, die bis auf ungefähr zehn alle "draußen" sind, vor allem in den Stoßzeiten. Und zwar in verschiedenen Kombinationen. Mal alleine und mal zusammengekoppelt als längerer Zug.

Die zehn Fahrzeuge "über dem Bedarf" sind aber auch nicht die Reserve, die man überall anhängen könnte, sondern die sind bei der planmäßigen Wartung oder in der Reparatur. Das heißt: Wenn drei Fahrzeuge zusätzlich zur Verfügung stehen, ist das schon viel. Welches der vielen Löcher soll man dann zuerst stopfen? Und geht allen Bahngesellschaften so, auch der Deutschen Bahn.

Am Mittwoch zum Beispiel fiel punktuell der Intercity aus, der Gera mit Kassel, Köln und Düsseldorf verbindet. Konkret der IC 2156, der in Thüringen mit der Zugnummer 52156 zwischen Gera und Erfurt mit einem Nachverkehrsticket benutzt werden kann. Der Grund für den Ausfall war banal: Der Zug war kaputt, Ersatz stand nicht bereit.

Der Zug, der heute [Mittwoch] eingesetzt werden sollte, kam gestern mit einer Störung ins Werk und konnte nicht rechtzeitig repariert werden.

Schriftliche Stellungnahme der Deutschen Bahn

Warum kauft man nicht einfach neue Fahrzeuge?

Es gibt schlicht keine auf dem Markt. Schienenfahrzeuge werden nicht auf Halde produziert, sondern auf Bestellung. Und die erfolgt langfristig. Wenn Nahverkehrsverbindungen von den Ländern ausgeschrieben und am Ende bei einem Eisenbahnunternehmen bestellt werden, geht es sehr in die Zukunft.

Michael Hecht, Geschäftsführer Erfurter Bahn 13 min
Bildrechte: MDR/Erfurter Bahn
13 min

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 14.12.2023 16:40Uhr 13:21 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-interview-michael-hecht-erfurterbahn-zug-100.html

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Aktuell fahren wir in Thüringen mit einer Bestellung, die hatte das Deutschlandticket noch nicht auf dem Schirm. Für die Erfurter Bahn bedeutet das konkret: Bis 2028 muss man mit dem rollenden Material auskommen, wenn kein Wunder geschieht und es neue Züge regnet.

Bis dahin 2028 muss die Kapazität ausreichen, oder man ist in der Lage, auf dem Markt in Deutschland nicht benötigte Gebrauchtfahrzeuge zusätzlich einzusetzen.

Michael Hecht, Geschäftsführer Erfurter Bahn

Nur diese Fahrzeuge gibt es in der Regel nicht. Ein kleines Wunder erlebte gerade Mitbewerber Abellio, der sich drei Fahrzeuge sichern konnte, die von den Österreichischen Bundesbahnen bestellt, aber nicht abgenommen wurden. Damit können sicher kleine Lücken gestopft werden, aber das Grundproblem ist damit immer noch nicht gelöst, dass durch weitere Faktoren noch verschlimmert wird.

Blick auf den Hafen Mukran.
Drei solcher Züge, die hier auf dem Abstellbahnhof Mukran auf Rügen geparkt sind, konnte sich Abellio sichern. Bildrechte: picture alliance/dpa | Stefan Sauer

Kurzfristig sind gar keine Züge verfügbar, wir hatten großes Glück, dass wir die drei Züge bekommen haben.

Dr. Steffen Dietrich, Pressesprecher Abellio Mitteldeutschland  

Hätten wir eigentlich auch die Lokführer für neue Züge?

Die Antwort der beiden Bahnbetreiber Abellio und Erfurter Bahn lautet: Nein. Zwar bilden sie - so wie die Deutsche Bahn auch - selbst neue Lokführer aus, aber die reichen jetzt schon nicht, um das ganze Jahr über alle bestellten Fahrten auch durchzuführen. Hier schlägt die Lage auf dem Arbeitsmarkt komplett durch.

Lokführer verdienen zwar gut, auch schon als Lehrlinge, aber sie sind Schichtarbeiter, was in Zeiten von Work-Life-Balance so gar nicht ins Lebenskonzept passt. Dabei ist man - ein technischer Berufsschulabschluss vorausgesetzt - nach nicht einmal einem Jahr ausgebildet. Und Quereinsteiger sind herzlich willkommen.

Neun Monate Ausbildung und dann ist man Lokführer und bekommt schon während der Ausbildung ein gutes Gehalt.

Michael Hecht, Geschäftsführer Erfurter Bahn

Lokführer Kevin Steudner
Die Lokführer-Ausbildung dauert nicht lange und ist gut bezahlt. Bildrechte: MDR/L. Müller

Krankenstand bei Personal sorgt für zusäztliche Fahrtausfälle

Die aktuelle Personalknappheit sorgt zusätzlich dafür, dass in diesen Husten-und-Schnupfen-Zeiten die vorgehaltenen Bereitschaften nicht ausreichen, um alle Krankheitsausfälle eines Tages abzufangen. Wenn der Lokführer in Halle nicht zusteigt und auch kein Ersatz da ist, fällt der Zug ersatzlos aus und fährt eben nicht nach Erfurt.

Der Ausfall am Mittwoch, 16.06 Uhr ab Halle nach Erfurt, das war tatsächlich ein kurzfristiger Personalausfall.

Dr. Steffen Dietrich, Pressesprecher Abellio Mitteldeutschland

Und wenn der Zug nicht in Erfurt ankommt, wird er auch als "Gegenzug" nicht zurückfahren können. Und wenn beim nächsten planmäßigen Durchlauf des Zugpaares immer noch niemand in Halle für den Führerstand da ist, findet auch der nächste Umlauf nicht statt.

Mann mit schwarzer Brille und sehr kurzen Haaren in Anzug 6 min
Bildrechte: Stefan Dietrich
6 min

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 14.12.2023 16:40Uhr 06:16 min

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Warum gibt es geplanten Schienenersatzverkehr?

Diese Entscheidung ist eine unternehmerische im Sinne der Kunden, erklärt Michael Hecht von der Erfurter Bahn. Denn dass die Decke an bestimmten Tagen zu kurz ist, dass deutet sich manchmal schon längerfristig an. Dann schauen die Planer, auf welchen Strecken sie in dieser Engpass-Zeit Verbindungen streichen und gleich Busse fahren lassen, die dann für die Kunden zuverlässig planbar sind.

"Ad hoc-Ausfälle können wir dem Fahrgast viel schwieriger verkaufen, als wenn sich der Fahrgast planmäßig darauf einstellen kann."

Michael Hecht, Geschäftsführer Erfurter Bahn

Und das nächste Problem ist der Zustand unseres Schienennetzes. Darin sind Weichen verbaut, die Frost nicht sonderlich gut vertragen - oder Schwellen, die ausgetauscht werden müssen, weil der Beton die gleiche Verhaltensweise an den Tag legt, wie schon zu DDR-Zeiten.

Schon damals hatte eine falsche Kombination aus Zuschlagstoffen und Zement dazu geführt, dass das Material anfängt zu zerbröseln. Betonschwellen und ganze Autobahnabschnitte mussten ein weiteres Mal angefasst werden, obwohl sie eigentlich schon saniert waren. Man hätte auf die Mahner aus der Ingenieurswelt hören können.

Das Ärgernis Stellwerk

Und noch etwas sorgt in Thüringen immer wieder für Zugausfälle: nicht besetzte Stellwerke. Auch hier sitzen Fachleute oder eben nicht. Noch bis zum 17. Dezember gilt laut Abellio beispielsweise eine nächtliche Betriebsruhe an den Wochenenden und zwar zwischen Halle und Nordhausen. Ähnliche Maßnahmen gab es zuletzt auch zwischen Erfurt und dem Norden Thüringens. Mit diesen geplanten Ausfällen werden kurzfristige und ungeplante verhindert.

In den Nächten von Freitag auf Samstag gilt die Betriebsruhe jeweils von 22 Uhr bis 6 Uhr, an den Samstagabenden beginnt sie bereits um 18 Uhr.

Aktuelle Meldung auf der Abellio-Website

Zuständig für das marode Netz und die Stellwerke ist die DB Netz AG der Deutschen Bahn, die aktuell auch nicht nur eine Baustelle hat. Deutschland hat sein Schienennetz über Jahrzehnte auf Verschleiß gefahren und es wird eine Weile dauern, Brücken, Schienen und Stellwerke an die moderne Zeit anzupassen.

Bauarbeiten in NRW häufigste Ursache für Fahrplanänderungen

Und auch diese Bauarbeiten sorgen wieder für Umleitungen, Verspätungen und zusätzliche Zugausfälle. Immerhin ist die Baustellen-Bekanntgabe schon digitalisiert, dank der App "DB Baustellen", dort gibt es auch acht Meldungen, die bereits die erwähnte Verbindung von Düsseldorf nach Gera betreffen. Arbeiten an der Leit- und Sicherungstechnik in Nordrhein-Westfalen sind die häufigste Ursache dafür, dass in den kommenden Wochen einzelne Züge erst ab Köln fahren, andere Strecken benutzen oder Verspätung haben.

Und das sind nur die geplanten Fahrplanänderungen. Und die große Gesamtproblematik sollte man vielleicht künftig besser einpreisen, bevor man weitere Leute von der Straße auf die Schiene lockt.

MDR (ost)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. Dezember 2023 | 16:40 Uhr

5 Kommentare

eladg vor 25 Wochen

Welch undifferenzierter Expertenkommentar! Ich hoffe der Professor wurde nicht falsche oder unvollständig zitiert. Ohne das 49€-Ticket, müsste ich sehr überlegen, ob ich mir "pendeln" leisten kann und zwar von der Stadt ins Umland, nicht andersrum. Oder zwischen den Städten. Das geht vielen so. Es ist auch nicht so, dass man 40 Jahre im selben Job ist. Ich hätte in den letzten drei Jahren für den Job dreimal umziehen können...

Peter Mueller vor 25 Wochen

10 Milliarden hat diese Strecke gekostet. In Zahlen: 10.000.000.000. Als Resultat haben Weimar, Jena und Saalfeld keinen Fernverkehr mehr. Und Thüringen muss mehr teuren Regionalverkehr bestellen. Was hätte man mit diesem Geld alles sinnvolles anstellen können!

camper21 vor 25 Wochen

Deutschland hat sein Schienennetz über Jahrzehnte auf Verschleiß gefahren, aber die ICE Strecke musste ja unbedingt durch den Thüringer Wald verlaufen, was 2 Milliarden mehr gekostet hat und damals für einen 10 jährigen stillstand gesorgt hatte. Eine Landeshauptstadt braucht nunmal einen ICE Bahnhof und einen internationalen Flughafen, auch wenn dort nur 3 Flugzeuge pro Woche starten und mit 5,9 Millionen subventioniert wird pro Jahr. Den Luxus gönnen wir uns Thüringer einfach.

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