Bosnien-Herzegowina Brückenspringen in Mostar: Aus 20 Metern in die eiskalten Fluten

Seit 1664 stürzen sich Menschen von der Alten Brücke im bosnischen Mostar in die eiskalten Fluten der Neretva. Ein gefährlicher Spaß vor imposanter Kulisse.

Brückenspringer von Mostar.
Drei Sekunden freier Fall: Ein Brückenspringer in Mostar Bildrechte: Dietmar Klumpp

Rund 20 Meter Höhe, drei Sekunden freier Fall und eine Beschleunigung wie ein Bugatti: Der Sprung von der Stari most, der Alten Brücke in Mostar, ist nichts für schwache Nerven. Dennoch treffen sich jedes Jahr im Sommer waghalsige Männer und Frauen zum traditionellen Brückenspringen vom Wahrzeichen der Stadt in die Fluten der Neretva.

Es ist ein Nervenkitzel mit Tradition: Der erste Brückensprung wurde im Jahr 1664 dokumentiert. Gesprungen wird das ganze Jahr über, sobald es die Witterungsbedingungen zulassen. Man springt entweder mit den Füßen voran oder eine "Schwalbe": ein Kopfsprung mit ausgebreiteten Armen.

Brückenspringer von Mostar.
Seit über 450 Jahren ist es in Mostar Tradition, von der Alten Brücke (Stari Most) zu springen. Die mutigen Springer stürzen sich aus über 27 Metern in den eiskalten Fluss Neretva. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Brückenspringer von Mostar.
Seit über 450 Jahren ist es in Mostar Tradition, von der Alten Brücke (Stari Most) zu springen. Die mutigen Springer stürzen sich aus über 27 Metern in den eiskalten Fluss Neretva. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Brückenspringer von Mostar.
Im freien Fall: Beim Absprung beschleunigen die Springer mit 9,8 m/s fast so schnell wie ein Bugatti. Die Springer erreichen eine Geschwindigkeit von 85 km/h. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Brückenspringer von Mostar.
Ein gefährliches Hobby: Die Springer bremsen in weniger als 1 Sekunde auf 0 km/h herunter. Die Wasseroberfläche ist steinhart. Ein Bauchklatscher kann tragisch enden. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Teilnehmer mit lädierter Hand während des traditionellen Brückenspringens in Mostar.
Der Fluss ist nur drei bis vier Meter tief. Zum Teil berühren die Brückenspringer beim Eintauchen den Grund mit schmerzhaften Folgen. Bildrechte: IMAGO
Das durch den Krieg zerstörte Mostar ohne die Stari Most.
Die alte Brücke erlangte im November 1993 traurige Berühmtheit. Sie wurde im Bosnienkrieg durch kroatische Kämpfer der HVO zerstört. Nach dem Krieg wurde sie zeitweise durch eine Hängebrücke ersetzt. Bildrechte: IMAGO
Brückenspringer von Mostar.
Der riskante Brauch reicht zurück bis zur Zeit der Erbauung der Brücke durch die Osmanen. Die erste Aufzeichnung eines Sprunges stammt aus dem Jahr 1664. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Brückenspringer von Mostar.
Kurzes Vergnügen: Der Fall dauert etwa drei Sekunden. Die Alte Brücke ist seit 2005 Weltkulturerbe und eines der touristischen Highlights von Bosnien-Herzegowina. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Brückenspringer von Mostar.
Seit 1986 wird im Juli auch ein Wettbewerb ausgetragen. An diesem Wochenende springen zum Beispiel Athleten des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull. Jedes Jahr bestaunen tausende Menschen das Springer-Spektakel live bei Temperaturen von manchmal über 40 Grad Celsius. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Brückenspringer von Mostar.
Mit Geldern der UNESCO, der Weltbank und der Türkei wurde die Brücke aufwendig wiederaufgebaut. Seit 2004 verbindet sie die beiden Flussufer wieder. Bildrechte: Dietmar Klumpp
Brückenspringer von Mostar.
Die Brücke als Symbol der Trennung: Über 20 Jahren nach dem Krieg finden die Feinde nicht zusammen. Am rechten Ufer wohnen mehrheitlich muslimische Bosniaken und ihnen gegenüber katholische Kroaten.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: LexiTV | 04.02.2013 | 15:00 Uhr)
Bildrechte: Dietmar Klumpp
Alle (10) Bilder anzeigen
Brückenspringer von Mostar.
Bildrechte: Dietmar Klumpp

Geschwindigkeiten bis zu 85 km/h

Doch Vorsicht: Aus dieser Höhe kann eine Unaufmerksamkeit beim Sprung tödlich sein, die Springer erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 85 km/h. Bei diesem Tempo ist die Wasseroberfläche hart wie Beton. Und auch unter Wasser drohen Gefahren: Die Neretva ist hier nur drei bis vier Meter tief.

Einige Einheimische betreiben das Brückenspringen professionell: Sie leben von dem Obulus, den Touristen freiwillig zahlen, um einen Sprung zu sehen. Es gibt aber auch Wettbewerbe: Am 28. August 2021 etwa hat die Red Bull Cliff Diving Series in Mostar halt gemacht.

Im Krieg zerstört, heute Weltkulturerbe

Die Alte Brücke in Mostar wurde im 16. Jahrhundert von den Osmanen erbaut und verbindet die bis heute muslimisch geprägte Ostseite der Stadt mit der katholisch geprägten Westseite. Seit Jahrhunderten ist sie das Wahrzeichen der Stadt in Bosnien-Herzegowina.

Ein bosnischer Soldat beobachtet, wie Kinder die von der EU errichtete Pontonbrücke in Mostar überqueren.
Mitte der 1990er-Jahre ersetzte eine Hängebrücke das im Krieg zerstörte Wahrzeichen Bildrechte: dpa

Genauer gesagt, ist sie es wieder: Im Jugoslawienkrieg wurde die Brücke am 9. November 1993 von der kroatischen Armee zerstört. Nach Kriegsende wurde sie zunächst durch eine Hängebrücke ersetzt und dann wieder aufgebaut. Im Jahr 2005 wurde sie als Teil der Altstadt in die Liste UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommen.

Reisetipps in Osteuropa Mostar: Von der Ruinenstadt zum Touristenmagneten

Das bosnische Mostar lockt Besucher mit einer pittoresken Altstadt, malerischen Ausblicken und einer weltberühmten Steibrücke. Die erinnert auch an ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte, die Mostar bis heute verfolgt.

Blick auf den Fluss Neretva in der Altstadt von Mostar, Bosnien.
Mostar ist eine multiethnische Stadt in Bosnien und Herzegowina. In ihr leben seit Jahrhunderten Christen, Juden und Muslime gemeinsam. Das muslimische Erbe zeigt sich etwa durch die 1557 erbaute Karađozbeg-Moschee östlich des Flusses Neretva. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Blick auf den Fluss Neretva in der Altstadt von Mostar, Bosnien.
Mostar ist eine multiethnische Stadt in Bosnien und Herzegowina. In ihr leben seit Jahrhunderten Christen, Juden und Muslime gemeinsam. Das muslimische Erbe zeigt sich etwa durch die 1557 erbaute Karađozbeg-Moschee östlich des Flusses Neretva. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Blick in eine orientalische Gasse mit Andenken-Läden in Mostar, Bosnien.
Die muslimischen Bosniaken sind eines der drei "konstitutiven Völker" Bosniens. Zu denen zählen auch katholische Kroaten und orthodoxe Serben. Lange Zeit war die Region Teil des osmanischen Reiches. Die Altstadt, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde, zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Blick aus der Altstadt von Mostar auf die alte Brücke.
Weltberühmtes Wahrzeichen der Stadt ist die "Stari Most“ - deutsch: "Alte Brücke". Sie verbindet den Ost- und den Westteil der Stadt und wurde 1566 erbaut. Anfang der 1990er-Jahre wurde die Brücke auch zum Symbol des Bosnien-Krieges. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Spanische IFOR-Soldaten patrouillieren an der Grenzlinie zwischen Ost-und Westmostar (Bosnien-Herzegowina)
Damals zerfiel der Vielvölkerstaat Jugoslawien, zu dem Bosnien gehörte. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen in den Teilrepubliken, ab 1992 auch in Bosnien. In Mostar kämpften erst kroatische und bosniakische Truppen gegen serbische, dann gegeneinander. Bildrechte: dpa
Das durch den Krieg zerstörte Mostar ohne die Stari Most.
1993 beschossen kroatische Truppen gezielt die alte Brücke und zerstörten sie. Nach Ende des Bosnienkrieges 1996 verband jahrelang nur eine von den Vereinten Nationen errichtete Hängebrücke die beiden Stadtteile. 2004 wurde die Steinbrücke wiedererrichtet. Bildrechte: IMAGO
Zerbombtes mehrstöckiges Gebäude an einer Kreuzung im Zentrum von Mostar, Bosnien.
Noch heute erinnern Ruinen entlang der ehemaligen Front an die Zerstörung und Teilung der Stadt, die auch nach dem Wiederaufbau der Brücke anhält. Im Ostteil leben heute fast ausschließlich Bosniaken, im Westteil ethnische Kroaten. Administrativ gehören beide Teile zu unterschiedlichen Städten. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Zwei Männer in Badehose lehnen an einem Geländer auf der alten Brücke in Mostar, Bosnien.
Dem zum Trotz entwickelt sich die Stadt wieder zum Besuchermagneten. Besonders wegen der "Stari Most" und ihrer tollkühnen Brückenspringer. Diese messen sich seit Jahrhunderten in der Kunst, möglichst spektakulär von der Brücke in die Neretva zu springen. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Ein Mann in Badehose sammelt von Touristen Geld ein auf der alten Brücke in Mostar, Bosnien.
Mehrmals täglich sammeln die Springer Geld von den zahlreichen Touristen ein. Haben sie etwa 50 Euro zusammen, macht sich einer von ihnen zum Sprung bereit. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Blick vom Fluss hinauf auf die alte Brücke in Mostar, Bosnien.
Der ist alles andere als ungefährlich. 27 Meter sind es vom höchsten Punkt der Brücke bis in den Fluss. Durch die Höhe kann sich das Wasser beim Aufprall wie Beton anfüllen. Jährlich sterben Touristen bei dem Versuch, die Profis nachzuahmen, was streng verboten ist. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Mann in Neoprenanzug springt unter den Augen von Touristen von der alten Brücke in Mostar, Bosnien.
Die Profis überstehen den Sprung dank jahrelangem Training schadlos. Nach dem Sturz in die Tiefe kehren sie unter Applaus auf die Brücke zurück, wo sich auch ihr offizieller Springer-Club befindet. Allen politischen Problemen zum Trotz trainieren dort Männer aller Ethnien Mostars gemeinsam.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in:
LexiTV | 04.02.2013 | 15:00 Uhr
Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Alle (10) Bilder anzeigen
Blick auf den Fluss Neretva in der Altstadt von Mostar, Bosnien.
Mostar ist eine multiethnische Stadt in Bosnien und Herzegowina. In ihr leben seit Jahrhunderten Christen, Juden und Muslime gemeinsam. Das muslimische Erbe zeigt sich etwa durch die 1557 erbaute Karađozbeg-Moschee östlich des Flusses Neretva. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Ein Angebot von

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell Radio | 04. März 2021 | 14:45 Uhr

Mehr aus Land und Leute

Mehr aus Osteuropa