Umstrittene Studien Tschechien: Antiparasiten-Medikament gegen Corona?

12. März 2021, 19:29 Uhr

In Tschechien wird ein Medikament gegen Fadenwürmer als neues Heilmittel gegen Corona gefeiert. Viele Mediziner sind skeptisch, der Premier prescht jedoch vor und lässt das Mittel per Notzulassung einsetzen.

Die Prager Journalistin Helena Truchlá
Bildrechte: Helena Truchlá | MDR

Der Ertrinkende greift nach jedem Strohhalm, heißt es. Für viele tschechische Patienten und Ärzte heißt der Strohhalm gegen Corona derzeit Ivermectin. Das Medikament wird bei Hunden und Pferden, aber auch bei Menschen als Antiparasitikum eingesetzt. Nun hoffen viele in Tschechien, dass es auch gegen Covid-19 hilft. Beweise dafür gibt es aber kaum.

Internethype um Wundermittel

Seit einigen Wochen ist Ivermectin in Tschechien in aller Munde. Sein Ruf als Wundermittel wurde durch verschiedene Internetberichte über geheilte Menschen angeheizt, vor allem aus der Slowakei. Dort ist das Mittel offiziell zur Behandlung von Covid-19 zugelassen.

Der Hype um das Medikament sei aber gezielt angeheizt worden, sagt die Journalistin Ludmila Hamplová vom medizinischen Fachmagazin Zdravotnický deník. "Das kam von Desinformationsmedien, die seit langem mit dem Narrativ arbeiten, dass Regierungen, Pharmaunternehmen und Ärzte absichtlich wirksame Behandlungen verschweigen, damit sie gefährliche Impfstoffe verkaufen können," so Hamplová.

Premierminister Babiš prescht vor

Die Gesundheitsbehörden blieben deshalb zunächst zurückhaltend und verwiesen auf den Mangel an verlässlichen Daten. Der tschechische Gesundheitsminister Jan Blatny sagte sogar, Ivermectin könne schädlich für die menschlichen Organe sein. Merck, der Hersteller des Ivermectin-Medikaments "Stromectol", hat sich von der Verwendung bei der Behandlung von Covid-19 distanziert. In einem Pressestatement schrieb das Unternehmen, es gäbe aus seiner Sicht "keine aussagekräftigen Hinweise auf (...) die klinische Wirksamkeit bei Patienten mit Covid-19." Außerdem konstatierte das Unternehmen "einen besorgniserregenden Mangel an Sicherheitsdaten in den meisten Studien."

Dennoch verkündetet der tschechische Premierminister Andrej Babiš auf einer Pressekonferenz Anfang März: "Wir werden nicht auf klinische Studien warten, sondern versuchen, es anzuwenden". Das Gesundheitsministerium erteilte daraufhin eine zeitlich begrenzte Zulassung für ein Medikament namens Humevec, das auf Ivermectin basiert. Hergestellt wird dieses vom bulgarischen Pharmaunternehmen Huvepharma.

Erste Tests an Menschen

Komplett unbegründet sind die Hoffnungen nicht. Im Frühjahr 2020 hatte eine australische Studie gezeigt, dass Ivermectin eine gewisse Wirkung gegen das SARS-CoV-2-Virus hat. Allerdings nur in vitro, also im Labortest mit dem Medikament und Covid-Erregern. Im menschlichen Körper wurde es damals noch nicht getestet. Dennoch begannen Ärzte des St. Anna Krankenhauses in Brünn erstmals mit Ivermectin zur Behandlung an Menschen experimentiert.

70 Patienten seien bislang mit Ivermectin behandelt worden, alle mit deren ausdrücklicher Zustimmung und nur zusätzlich zu anderen Formen der Behandlung. "Der Gesundheitszustand der Mehrheit der Patienten verbesserte sich nach der Einnahme von Ivermectin und in Kombination mit anderen therapeutischen Methoden so deutlich, dass sie nach Hause entlassen werden konnten," sagte der zuständige Arzt Michal Rezek. Ob die Verbesserung wirklich durch Ivermectin oder eine der anderen Behandlungsmethoden verursacht wurden, konnte er allerdings nicht sagen. "Ein Beweis dafür haben wir leider nicht," so Rezek.

Der Versuch hat somit keine wissenschaftlich belastbaren Resultate gebracht. Eine dafür nötige klinische Studie wird derzeit erst vorbereitet. Dennoch hat die Tschechische Republik nun 10.000 Dosen Humevec gekauft. Die Kosten von umgerechnet 477.000 Euro trägt das Krankenhaus in Brünn. Ein Teil der Lieferung wurde bereits auf andere Krankenhäuser im ganzen Land verteilt.

Andere Mediziner skeptisch

Dennoch hegen andere Mediziner Zweifel an der Wirksamkeit von Ivermectin gegen Covid-19. "Die Konzentration des Mittels, die eine Infektion verlangsamen könnte, liegt hundert Mal über der, die bei Menschen zugelassen ist. Somit könnte sie sehr negative Nebenwirkungen haben", sagt der tschechische Gesundheitsexperte Jakub Hlávka von der University of Southern California. Ihm zufolge reichen die Daten, auf die die tschechischen Gesundheitsbehörden ihre Zulassung stützen nicht aus, um die Wirksamkeit des Medikaments gegen Covid-19 zu beweisen.

Auch die Medizinjournalistin Ludmila Hamplová sieht den Hype kritisch, versteht aber die Reaktion ihrer Landsleute. "Wenn sie jeden Tag ein Dutzend Berichte darüber sehen, dass es ein Wundermittel ohne Nebenwirkungen gibt, werden sie es einfordern. Wir möchten alle, dass die Pandemie so schnell wie möglich vorbei ist," sagt sie. Ähnlich sei es im vergangenen Frühjahr gewesen, als das Malariamedikament Hydroxychloroquin also mögliches Mittel gegen Corona gehandelt wurde. Nach umfangreicheren Tests erwies es sich jedoch als unwirksam.

Ärzte unter Druck

Die Lage in Tschechien ist derzeit jedoch viel dramatischer als im vergangenen Frühjahr. Jeden Tag stecken sich im Land bis zu 16.000 Menschen mit Covid-19 an, die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 760. Viele Krankenhäuser sind an der Grenze ihrer Kapazitäten. Es gibt fast 1.900 Intensivpatienten, aber faktisch keine freien Betten mehr.

"Deshalb stehen die Ärzte unter großem Druck im Zusammenhang mit Ivermectin", sagt Ludmila Hamplová. Einige "handeln im guten Glauben und einige haben leider nur begrenzte Fähigkeiten, die Qualität der verfügbaren Daten zu beurteilen", sagt die Medizinjournalistin. Mediziner, die den Einsatz des Medikaments bei Menschen öffentlich kritisieren, seien wiederum Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt. Das erhöhe den Druck, sich den Befürwortern des vermeintlichen Wundermittels anzuschließen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. März 2021 | 07:15 Uhr

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