Corona-Impfstoffe Russland: Kreml genießt den Sputnik-Moment

Fotomontage Mann vor Fahne
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Nach Monaten internationaler Kritik an Sputnik V genießt der Kreml endlich internationale Anerkennung. Doch die Impfkampagne zu Hause läuft weiter desaströs langsam. Mit der EU-Zulassung scheinen es die Entwickler auch nicht eilig zu haben.

Eine Frau hält eine Ampulle Impfstoff in die Kamera
Eine unabhängige Datenanalyse bestätigte Anfang Februar eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent für den russischen Impfstoff Sputnik V. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Es ist ein Gefühl der Genugtuung, das sich dieser Tage in der russischen Hauptstadt breitmacht. Während der Kreml wegen der Causa Nawalny im Westen am Pranger steht, feiert Russland zu Hause seinen Impfstoff Sputnik V als international anerkannte Erfolgsgeschichte. Seit das medizinische Fachmagazin "The Lancet" die Ergebnisse der Phase-3-Studie veröffentlichte und die hohe Wirksamkeit des Impfstoffs bestätigt hat, sieht Moskau seine Kritiker widerlegt und bloßgestellt.

"Russlands größter wissenschaftlicher Triumph seit dem Ende der Sowjetunion" - in minutenlangen Beiträgen präsentieren staatlichen Sender in ihren Abendnachrichten internationale Schlagzeilen, in diesem Fall ist es eine der US-Nachrichtenagentur Bloomberg. Viel Aufmerksamkeit bekommt ebenfalls die Meldung, dass ein deutsches Unternehmen aus Sachen-Anhalt nun die Produktion von Sputnik V in Betracht zieht. Und dass selbst Kanzlerin Angela Merkel eine Registrierung des Impfstoffs in der EU nicht ausschließt, interpretieren die staatlichen Kommentatoren als Zeichen des politischen Umdenkens in Europa.

Russland vermisst Entschuldigung

Auf den ersten Blick ist die Genugtuung über den Erfolg des eigenen Impfstoffs in Russland nachvollziehbar. Monatelang war Sputnik V in westlichen Medien Zielscheibe von Kritik. Als "reine Propaganda" und "kein Grund zum Jubeln" wurde der Impfstoff noch im August in einem Beitrag des Süd-West-Rundfunks bezeichnet. In der populären US-Comedysendung "The Daily Show" wurden russische Wissenschaftler als Bären mit heftigem russischen Akzent gezeigt, die den Impfstoff ebenfalls an Bären testen. Eine Gruppe von internationalen Experten veröffentlichte noch im September einen offenen Brief, in dem sie den Verdacht äußerten, die von den Machern von Sputnik V veröffentlichten Zahlen zur Phase-2-Studie könnten manipuliert gewesen sein.

Eine Frau in Schutzkleidung hält eine Pipette hoch
Das Gamaleja-Institut, an dem Sputnik V entwickelt wurde, gilt als weltweit renommierte Forschungseinrichtung. Hier wurden bereits erfolgreich Vakzine gegen Ebola und das MERS-Virus entwickelt. Bildrechte: imago images/Cover-Images

Diese Kritiker seien nun "Schachmatt" gesetzt, erklärte kürzlich Kirill Dmitriew. Der von ihm geleitete staatliche Fonds für Direktinvestitionen (RFDI) finanzierte die Entwicklung und Produktion von Sputnik V. Dmitriew war zudem einer der Vorkämpfer für einen möglichst breiten internationalen Einsatz des Impfstoffs. "Es gab viel Kritik, entschuldigt hat sich jedoch keiner", so Dmitriew weiter.

Sputnik-Macher provozierten Kritik

Doch es war ausgerechnet Dmitriew selbst, der mit seinen Jubeläußerungen in den vergangenen Wochen und Monaten einen Großteil der öffentlichen Kritik provozierte. In Fachkreisen hingegen galt das Gamaleja-Institut seit jeher als respektable Adresse, wo bereits Vakzine gegen Ebola und das MERS-Virus entwickelt wurden. Der führende Entwickler Denis Logunow gilt unter Kollegen als angesehener Wissenschaftler mit mehr als 100 Publikationen. Die Kritik an der Sauberkeit der Daten aus dem offenen Brief im September hat diesem Ruf nicht geschadet. Der Großteil der negativen Presse galt vielmehr dem Vorpreschen der russischen Regierung und des RFDI-Fonds.

Luis Alberto Arce Catacora hinter einem Rednerpult
Bilder, wie man sie in Moskau gerne sieht: Der Bolivianische Präsident Luis Arce winkt begeistert beim Empfang von 20.000 Dosen von Sputnik V Ende Januar. Der Kreml hat die Entwicklung des Impfstoffs seit dem Sommer 2020 als einen Wettlauf inszeniert. Bildrechte: imago images/Agencia EFE

Zwar war Russland in der Entwicklung eines Impfstoffs im Verlauf der Pandemie stets auf Augenhöhe mit internationalen Konzernen wie Pfizer, jedoch nie so weit voraus, wie von zahlreichen russischen Offiziellen immer wieder behauptet wurde. Noch im August kritisierte etwa Anatoli Altstein, selbst Professor am Gamaleja-Institut, die Stilisierung der Impfstoffentwicklung seitens der Politik zu einem internationalen Wettlauf.

Nur 38 Prozent Impfwillige

Dieser vermeintliche Wettlauf und das Vorpreschen der Regierung hat nicht nur international, sondern auch in Russland selbst viel Vertrauen zerstört. Nur 38 Prozent der Russen würden sich nach jüngsten Umfragen des unabhängigen Levada-Instituts mit Sputnik V impfen lassen. Das Ausmaß des Problems wird bei einem Blick auf den Fortschritt der Impfkampagne in Russland deutlich.

Menschen stehen in einer Warteschlange
In Moskau können sich Impfwillige ohne Anmeldung von mobilen Teams in Einkaufszentren impfen lassen. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Während in Deutschland am vergangenen Freitag bereits 2,5 Millionen Menschen die erste Impfdosis erhalten hatten, waren es in Russland nur 2,2 Millionen. Auf die Bevölkerungszahl bezogen wurden in Deutschland somit fast doppelt so viele Menschen geimpft wie in Russland, denn Russland hat rund 146 Millionen Einwohner, Deutschland dagegen 83 Millionen. Nur die Hauptstadt Moskau könnte sich mit einer Impfquote von vier Prozent im Vergleich mit Deutschland durchaus sehen lassen. Tatsächlich können sich Moskauer aller Alters- und Berufsgruppen sogar in Einkaufszentren ohne viel Bürokratie impfen lassen. Doch schon in der zweitgrößten Stadt Sankt Petersburg liegt die Impfquote erst bei 2,5 Prozent. Für das ganze Land betrug sie vor dem Wochenende 1,6 Prozent der Bevölkerung.

Keine Eile bei Putin

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wirkt die jüngste Diskussion um eine mögliche Anwendung von Sputnik V in Europa wie die Fortsetzung der russischen PR-Kampagne, die im August begonnen hat. Dafür sprechen etwa neue Widersprüche, in die sich die Macher von Sputnik V zuletzt verstrickten. So hat Kirill Dmitriew vom RFDI-Fonds bereits mehrfach erklärt, einen Antrag auf Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA gestellt zu haben. Mehr noch spielte Dmitriew darauf an, dass die Zulassung ausgebremst werden könnte. "Wir hoffen, dass unser Antrag ohne Rücksicht auf politische Argumente betrachtet wird", so der RFDI-Chef gegenüber dem staatlichen Sender Rossija 24. Die EMA dementierte ihrerseits, dass ein entsprechender Antrag überhaupt eingegangen sei.

Eine Schwester zieht eine Sprize auf
Trotz einer großen PR-Kampagne wollen sich in Russland laut einer Levada-Umfrage nur 38 Prozent der Bürger impfen lassen. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Dass die EU tatsächlich aus politischen Gründen Spuntik V ausbremsen will, bleibt somit reine Spekulation. Vielmehr scheinen sich die russischen Offiziellen selbst mit der Registrierung nicht allzu sehr beeilen zu wollen. Keine Eile hat übrigens auch Wladimir Putin, der sich wie die allermeisten Russen noch nicht hat impfen lassen. Am Donnerstag sagte Russlands Präsident, er werde sich wohl wegen anderer anstehender Impfungen erst gegen Ende des Sommers oder im Herbst gegen Corona vakzinieren lassen. "Ich will niemanden nachäffen", sagte Putin. Will heißen, er werde sich nicht wie sein amerikanischer Kollege Joe Biden vor laufenden Kameras spritzen lassen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Februar 2021 | 15:47 Uhr

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