Verifikation von Kriegsvideos Militärkonvoi: Was drei Videos aus dem Krieg in der Ukraine zeigen

In sozialen Netzwerken kursieren etliche Videos von russischen und ukrainischen Militäreinheiten. Diese geben einen Einblick in den Krieg. Der MDR hat verifiziert, was auf den Videos zu sehen ist.

Ein Satellitenbild, dass viele Militärfahrzeuge zeigt.
Satellitenbilder vom Montagnachmittag zeigen den kilometerlangen russischen Militärkonvoi nordwestlich von Kiew. In diesem entstanden vermutlich auch die analysierten Videos. Bildrechte: Reuters / Maxar Technologies

  • Mehrere Videos zeigen vermutlich Aufnahmen aus einem russischen Militärkonvoi.
  • Videos zeigen immer nur einen Ausschnitt der Realität, aufgrund der eingeschränkten Berichterstattung ist keine unabhängige Überprüfung vor Ort möglich.

Viele Einheiten sind auf dem Weg nach Kiew. Schlagzeilen machte ein Kilometer langer Militärkonvoi zwischen der belarussischen Grenze und Kiew im Norden der ukrainischen Hauptstadt: Erst am 28. Februar gab der private Satellitenbilderanbieter Maxar die Länge des Konvois mit um die 27 Kilometer an, einen Tag später mit etwa 64 Kilometer. Maxar veröffentlichte Bilder, auf denen russische Militärfahrzeuge von oben zu sehen sind, die im Stau stehen – und vermutlich den Kampf um die ukrainische Hauptstadt Kiew beziehungsweise deren Belagerung unterstützen sollen.    

Bereits einen Tag vorher tauchten Videos in sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten auf, die vermutlich Einsichten in das Innenleben genau dieses Konvois bieten (die Videos liegen dem MDR vor). Da es nur sehr wenig unabhängige Medienberichterstattung aus der Ukraine gibt, sind Journalisten auch auf solche Videos angewiesen, um sich ein Bild vom Geschehen vor Ort machen zu können. Solche Videos sagen viel aus, können aber nicht alles bestätigen. Eine Verifikation:

Was ist auf den Videos zu sehen?   

Alle drei Videos wurden auf einer langen Straße gefilmt, die gerade durch einen kahlen Mischwald führt, mit Birken sowie weiteren Laub- und Nadelbaumarten. In beide Richtung der Straße stehen jeweils bis zum Ende des sichtbaren Horizontes Militärtransporter, die sich teils langsamer als in Schritttempo vorwärts bewegen. Der Himmel ist teils bewölkt, teils blau.  

Zu sehen sind gepanzerte Fahrzeuge, teilweise vermutlich vom Typ Tigr, und Lastwagen – Ural-Lkw – ein Fahrzeugtyp, über den auch ukrainische Truppen verfügen. Hier aber spricht sowohl die Art der Lackierung für russische Fahrzeuge als auch Markierungen, mit denen das russische Gerät versehen ist. Im Fall der vorliegenden Aufnahmen sind die Fahrzeuge mit einem "V" markiert.  

Über die genaue Bedeutung der Markierungen wird seit dem russischen Einmarsch gerätselt. Wie die Militär-Plattform "SOFREP" berichtet, könnten diese Zeichen der Erkennbarkeit der eigenen Truppen dienen, weil das russische und das ukrainische Militär über gleiche Ausrüstungsgegenstände beziehungsweise Fahrzeuge verfügen. Russische Einheiten sind in den Konflikt generell nicht mit Hoheitsabzeichen wie Flaggen ausgestattet, wie verschiedenen Videoanalysen gezeigt haben. Mit den Markierungen soll vermutlich der Beschuss durch eigene Truppen vermieden werden. In den meisten Fällen sind russische Truppen mit einem "Z" markiert, teilweise aber eben auch mit einem "V".  

Wer ist auf den Videos zu sehen? 

Auf den Videos ist zu sehen, wie mehrere Soldaten etwas abseits im Wald knien und möglicherweise Richtung Mekka beten. Ihrem Aussehen nach sind die Männer Tschetschenen. Diese Einschätzung stammt von Ekkehard Maaß von der Deutsch Kaukasischen Gesellschaft (DKG) aus Berlin. Ihm zufolge kämpfen die Männer auf russischer Seite auf Anweisung des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow. Und auch Ulrich Kühn vom IFSH, dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, zufolge handelt es sich um tschetschenische Kämpfer.  

Die Soldaten tragen keine offiziellen Abzeichen, sondern gelb-rot gestreifte Stoffanhänger, bestehend aus drei schwarzen und zwei orangenen Streifen. Dabei handelt es sich vermutlich um das Sankt-Georgs-Band, ein militärisches Abzeichen aus Russland. Zudem haben sie sich mit silbernen Tapes die Arme umwickelt. Diese dienen vermutlich als Markierung und als Erkennungsabzeichen bei Kampfhandlungen. Auffällig: Sie werden in einer Höhe aufgeklebt, auf der sich häufig Hoheitszeichen befinden.  

Was ist auf den Videos zu hören? 

In zwei der Videos geht der Aufnehmende zu verschiedenen Soldaten, begrüßt sie und spricht mit ihnen. Die Soldaten sprechen Tschetschenisch, wie zwei unterschiedliche Fachleute dem MDR bestätigt haben. Laut einem Dolmetscher ist auf einem Video zu hören, wie ein Mann die dort gezeigten Soldaten namentlich vorstellt und sagt "Gott schütze Euch". Er antwortet auf eine Frage eines anderen mit "Ja, das ist im Auto und das Fahrzeug ist gepanzert". Und das Ganze hier "sei kein Scherz". Es seien nur noch zehn Kilometer bis zum Ziel. Der Sprecher begrüßt zudem im Video einen "Ibragim", er habe sich "schick gemacht für Kiew".

Seit wann kursieren die Videos?  

Vieles deutet darauf hin, dass die Videos am 27. Februar gedreht und am Abend dann auch veröffentlicht wurden. Wetterdaten zufolge war der Himmel an dem Tag wechselnd bewölkt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Ausgehend vom Gebet könnten die Aufnahmen zur Mittagszeit oder am Nachmittag entstanden sein. Um 19.21 Uhr jedenfalls wurden sie im Telegram-Kanal "Kadyrov_95" geteilt, der am 1. März 2022 rund 330.00 Abonnenten zählte, um 19.26 Uhr bereits im Kanal "Военный обозреватель" (Kriegsbeobachter, Anmerkung der Redaktion) mit rund 190.000 Abonnenten. Kurz darauf wurde das Material auf Twitter geteilt, unter anderem durch die Accounts @200_zoka und @markito0171, größere anonyme Accounts mit rund 49.000 bzw. 40.000 Followern. Die Accounts fokussieren sich auch auf andere Krisenregionen wie Syrien und Jemen.   

In welchem Zusammenhang werden die Videos gezeigt?  

Die Videos mit den wartenden Soldaten im Militärkonvoi werden gerade unter Tschetschenen in sozialen Medien häufig geteilt. Das sagt Ekkehard Maaß von der DKG. Im aktuellen Konflikt würden Tschetschenen auf beiden Seiten kämpfen. Eben unter russischem Befehl, beziehungsweise unter Kadyrow aber auch auf Seiten der Ukraine unter anderem im "Scheich Mansur Bataillon". Dafür seien auch viele Freiwillige aus Polen in die Ukraine gereist, um "gegen die Russen zu kämpfen".  

Bei Twitter wurden die Videos teils mehr als 700.000 Mal angezeigt und hundert- bis tausendfach geteilt, darunter auch von namhafteren Personen wie dem US-amerikanischen Militärforscher Michael Kofman, der unter anderem russische Militärstrategien analysiert.  

Bei Twitter sind die Videos teils versehen mit Kommentaren über "Kadyrovs islamistische Miliz in den Wäldern einige Kilometer nördlich von Kiew, Putins Plünderer, Vergewaltiger, Enthaupter – voll auf Steroiden". Es gibt aber auch russlandfreundliche Kommentatoren wie der Telegram-Kanal Kadyrov_95 selbst, der das Material unter den Verweis auf "kompromisslose und vielseitige Kämpfer" aus Tschetschenien postet, die jedes Hindernis auf ihrem Weg überbrückten. Oder SMI Today, der das Video mit folgenden Worten beschreibt:  "das tschetschenische Militär auf dem Filmmaterial ist in bester Stimmung, grüßt und gratuliert einander zu einem erfolgreichen Manöver tief in ukrainisches Territorium, wo die Russische Föderation eine friedenserhaltende Spezialoperation durchführt".  

Wie sind die Videos einzuordnen? 

Alle Hinweise sprechen dafür, dass es sich um einen russischen Militärkonvoi im ukrainischen Krisengebiet handelt. Dafür sprechen die Art und Anzahl der Fahrzeuge, deren Lackierung sowie die Kennzeichnung mit einem großen "V", mit dem derzeit russischen Militärfahrzeuge in der Ukraine markiert werden. Die Sprache, die in den Videos zu hören ist, wird von Fachleuten eindeutig als Tschetschenisch identifiziert. In den Tonaufnahmen wird zudem Kiew als Ziel angegeben – das sich offenbar in der Nähe befindet, denn einer der Männer habe sich bereits "schick" für die ukrainische Hauptstadt gemacht. 

Es ist davon auszugehen, dass die Aufzeichnungen um den 27. Februar 2022 in einem Militärkonvoi in der Nähe des Ortes Ivankiv auf der Strecke zwischen der belarusischen Grenze und Kiew stattgefunden haben. Dafür spricht unter anderem die Wetterlage – teils bewölkt, teils blauer Himmel. Ab dem 27. Februar häufen sich Netzfunde des Bildmaterials. Allerdings muss eingeräumt werden, dass Videos immer nur einen Ausschnitt der Realität zeigen und dass aufgrund der eingeschränkten Berichterstattung keine unabhängige Überprüfung vor Ort möglich ist. Ob die Videos in dem bekannten mehr als 60 km langen Konvoi wirklich entstanden sind, ist anhand der Aufnahmen allerdings nicht mit absoluter Sicherheit zu sagen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. März 2022 | 15:00 Uhr

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