Hinrichtungen im Iran "Das Regime mag keine lauten Menschen"

14. Januar 2023, 12:11 Uhr

Der deutsch-iranische Staatsbürger Jamshid Sharmahd befindet sich seit zweieinhalb Jahren in Isolationshaft im Iran. Während er auf sein Todesurteil wartet, versucht seine Tochter Gazelle Sharmahd das Leben ihres Vaters zu retten. Der MDR konnte mit ihr sprechen.

Seit fast 900 Tagen sitzt der Deutsch-Iraner Jamshid Sharmahd in Isolationshaft. Als Regimekritiker in der Diaspora ist er der iranischen Regierung ein Dorn im Auge. Die Familie kommt in den 1980er Jahren nach Deutschland, lebt 16 Jahre in Hannover, zieht 2003 in den US-Bundesstaat Kalifornien. Dort engagiert sich Sharmahd in der monarchistischen Exil-Oppositionsgruppe Tondar, betreibt unter anderem den Sender "Radio Tondar" mit, um regimekritischen Stimmen eine Plattform zu bieten.

Nach einem vereitelten Mordversuch wird Sharmahd 2020 auf einer Geschäftsreise entführt und ist seitdem im Iran inhaftiert. Wo genau, wissen selbst seine engsten Angehörigen nicht. Die Anklage gegen den 67-Jährigen lautet "Korruption auf Erden". Mit diesem vagen Vorwurf, der alles und nichts bedeuten kann, werden auch jüngste Hinrichtungen von Demonstrierenden im Zusammenhang der aktuellen Revolutionsbewegung begründet.

Auf Sharmahds Entführung folgt eine Reihe von Schauprozessen, Amnesty International und selbst die Vereinten Nationen melden sich zu Wort. Am 10. Januar soll der achte und letzte Teil der Schauprozesse stattgefunden haben – jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. MDR-Redakteurin Nikta Vahid-Moghtada hat darüber mit seiner Tochter Gazelle Sharmahd gesprochen. Sie lebt in Los Angeles.

MDR AKTUELL: Wie geht es Ihrer Familie?

Gazelle Sharmahd: Wir sind sehr erschöpft, aber wir geben nicht auf. Man sieht ja, wie viele Menschen im Iran gerade erschossen, hingerichtet und gehängt werden, Millionen Menschen geht es schlecht. Aber wenn das dein eigener Familienangehöriger ist, ist das noch einen Grad härter.

Haben Sie aktuelle Informationen über Ihren Vater Jamshid Sharmahd?

Der Regimeanwalt ist unsere einzige Informationsquelle. Das ist jedoch der Anwalt, den das Regime auf die Akte meines Vaters gesetzt hat. Dieser Anwalt arbeitet mit der Regierung zusammen. Von ihm wissen wir, dass am Dienstag der letzte Tag des Schauprozesses stattgefunden hat, mit Richter Salavati, dem berüchtigten "Butcher of Teheran" (Anm. d. Red.: Abolghassem Salavati gilt als der strengste Richter des iranischen Revolutionsgerichts), und dass das Urteil innerhalb von zehn Tagen veröffentlicht wird.

Wie könnte das Urteil lauten?

Das Urteil, das wurde uns schon vorher gesagt, ist im Fall der Anklage "Korruption auf Erden" die Todesstrafe. Wir wissen also, dass ihm die Todesstrafe droht. Schauprozesse sind keine echten Prozesse. Das ist ein Theater, dass die iranische Justiz aufführt, um so zu tun, als gäbe es ein Rechtssystem. Das gibt es aber nicht.

"Korruption auf Erden" ist ein für deutsches Recht gelinde gesagt vager Begriff. Was genau bedeutet er?

Diese Frage hat sich meine Familie auch gestellt und viele Anwälte gefragt. Es ist ein neues Gesetz, das es seit ein paar Jahren gibt, um Gegner der Islamischen Republik aus dem Weg zu schaffen. Im Prinzip heißt es, dass man irgendetwas gesagt, gedacht, getan hat, das das Regime nicht mag. Ohne, dass man ein Verbrechen begangen hat. (Anm. d. Red.: Auch die jüngsten Todesurteile gegen Demonstrierende im Zusammenhang der aktuellen Revolutionsbewegung im Iran wurden wegen "Korruption auf Erden" gefällt.) Das ist ein Begriff, den das Regime benutzt, um Menschen, die nicht gefallen, also besonders von der Opposition, hinrichten und ermorden zu können.

Können Sie etwas mehr von Ihrem Vater erzählen?

Mein Vater ist Diplomingenieur. Er hat vor 16 Jahren von den USA aus eine Webseite aufgebaut, die den Menschen im Iran als Sprachrohr dienen sollte. Man sieht ja gerade wie wichtig es ist, dass Menschen außerhalb des Iran eine Stimme haben, weil es im Land keine Pressefreiheit gibt. Er hatte außerdem eine wöchentliche Radiosendung, in der über aktuelle Themen aus dem Iran gesprochen wurde. Das war dem Regime ein riesen Dorn im Auge.

Was ist dann passiert?

Vertreter der Regierung haben angefangen, meinen Vater zu terrorisieren, etwa mit Propagandavideos und Hetze. Ihm wurde unterstellt, Terroristengruppen zu unterstützen, ein Agent vom CIA oder Mossad zu sein – sie erzählen alles Mögliche, um seinen Ruf zu zerstören, um ihn als Kriminellen darzustellen. 2009 wurde ein Mordversuch hier in L.A. auf meinen Vater vereitelt. 2020 haben sie meinen Vater auf einer Reise gekidnappt und hielten ihn als Geisel. Hinzu kommt, dass er Doppelstaatler ist, er hat neben der iranischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit und hat auch noch die Aufenthaltsgenehmigung in den USA. Damit wollen sie Druck auf die westlichen Regierungen ausüben.

Wie viel Kontakt hatten Sie in den vergangenen Jahren zu Ihrem Vater?

Kaum. Im ersten Jahr nach seiner Verhaftung konnten wir etwa einmal pro Monat mit ihm telefonieren. Das waren aber keine privaten Gespräche, neben ihm saßen Regierungswächter, die ganz genau aufgepasst haben, was er sagt und was wir fragen. Dabei haben sie auch versucht, uns zu erpressen und uns dazu zu bringen, im Namen meines Vaters Statements zu schreiben. Aber als sie gemerkt haben, dass wir nicht mitspielen, haben sie den Kontakt für neun Monate abgebrochen. Im ganzen vergangenen Jahr durfte meine Mutter nur zweimal mit ihm sprechen. Seit Beginn der Revolution durften wir gar nicht mit ihm reden. Im November haben wir eine Sprachnachricht von meinem Vater bekommen, dass er noch am Leben ist.

Was unternehmen Sie, um ihm zu helfen?

Für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen ist das einzige, was wir gerade tun können. Die Namen der politischen Gefangenen und deren Geschichten müssen genannt werden. Es muss klar werden, dass das keine Kriminellen sind, dass all die Propaganda und Vorwürfe vom islamischen Regime konstruiert sind, als Mittel, um Oppositionelle und Andersdenkende aus dem Weg zu räumen.

Wir haben auch eine Briefaktion gestartet, an die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock und US-Präsident Joe Biden. Wir müssen den Menschen, die an der Macht sind, auf die Nerven gehen, um ihnen zu zeigen: Ihr müsst etwas machen.

Und vor einigen Tagen hat CDU-Chef Friedrich Merz die politische Patenschaft für Ihren Vater übernommen. Wie denken Sie darüber?

Ich bin dafür sehr dankbar. Und ich glaube auch, dass das schon Auswirkung hatte. Über die letzten sieben Schauprozesse wurde in iranischen Medien berichtet. Nachdem nun Friedrich Merz gesagt hat, er wolle sich den Prozess ganz genau ansehen, fand alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sie wollten offensichtlich nicht, dass jemand genau hinschaut. Politische Patenschaften sind auf jeden Fall wichtig, um weiter Druck aufzubauen.

Wir müssen für alle Gefangenen laut sein.

Gazelle Sharmahd

Was wissen Sie den Gesundheitszustand Ihres Vaters?

Er ist seit 896 Tagen (Stand Freitag, 13.1.) in Einzel- und Isolationshaft. Weder wir, noch seine Anwälte, noch die Deutsche Botschaft wissen, in welchem Gefängnis er ist. Aus den wenigen Gesprächen, die wir mit ihm führen konnten, wissen wir, dass er viel Gewicht und fast alle seine Zähne verloren hat. Er hat Parkinson und bekommt seine Medikamente nicht zur richtigen Zeit. Er wird gefoltert. Die Situation in den iranischen Gefängnissen ist schrecklich – auch für diejenigen, die noch nicht verurteilt sind. Wir müssen gerade für alle Gefangenen laut sein.

Wird Ihre Familie weiter bedroht?

Wir sind es seit dem Mordversuch auf meinen Vater 2009 in den USA gewohnt, Ziel eines Terrorregimes zu sein. Als wir zum Beispiel noch mit meinem Vater telefonieren durften, kamen von den Wächtern, die neben ihm saßen, Kommentare wie "Schöne Grüße an deine Tochter". Kommentare, die dir sagen: Wir wissen, dass es dich gibt, pass' auf, was du sagst. Seitdem mein Vater entführt wurde, bin ich laut. Und das Regime mag keine lauten Menschen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 10. Januar 2023 | 09:36 Uhr

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