Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu bei einem Sicherheitstreffen mit hochrangigen Vertretern des Verteidigungsministeriums
In einer Fernsehansprache am späten Samstagabend hat Israels Ministerpräsident Netanjahu alle Palästinenser zum Verlassen von Gaza aufgefordert. Bildrechte: IMAGO/UPI Photo

Nahost-Konflikt Israel aus Gaza angegriffen – Hunderte Tote auf beiden Seiten

07. Oktober 2023, 22:49 Uhr

Israel ist aus dem Gazastreifen mit massiven Raketenschlägen der radikalislamischen Hamas angegriffen worden. Die israelische Armee reagierte mit Luftangriffen und mobilisierte Reservisten. Hunderte Menschen wurden auf beiden Seiten getötet. Israels Ministerpräsident Netanjahu forderte alle Palästinenser zum Verlassen von Gaza auf. Die Bundesregierung verurteilte die Hamas-Angriffe scharf. Das Auswärtige Amt riet von Reisen nach Israel ab.

Hamas feuert tausende Raketen auf Israel ab

Die radikal-islamische Palästinenser-Gruppe Hamas hat am Samstagmorgen mit einer Überraschungsoffensive den seit Jahren größten Angriff auf Israel gestartet. Nach Angaben eines hochrangigen Hamas-Kommandeurs wurden im Zuge der "Militäroperation" innerhalb weniger Stunden tausende Raketen abgefeuert. Zudem drangen Kämpfer der Terrororganisation in israelisches Territorium ein.

Israelische Medien berichteten zudem, dass Bewaffnete in der südisraelischen Stadt Sderot das Feuer auf Passanten eröffnet hätten. Dabei sei auch ein israelischer Lokalpolitiker getötet worden. In mehreren Städten im Süden Israels gebe es Feuergefechte zwischen palästinensischen Angreifern und israelischen Sicherheitskräften.

Hunderte Tote und Verletzte gemeldet

Nach israelischen Angaben wurden die Raketen von mehreren Orten in Gaza gestartet. In verschiedenen Städten Israels heulten die Warnsirenen auf, so auch in Tel Aviv. Der israelischen Armee zufolge wurden in dem Land seit Beginn des Angriffs mehr als 700 Menschen getötet und mehr als 2.100 verletzt. Das Militär bestätigte inzwischen eine Geiselnahme durch Kämpfer der islamistischen Hamas.

Israel reagierte mit Luftangriffen. Die im Gazastreifen herrschende Hamas spricht von 413 Todesopfern und 2.300 Verletzten in dem Palästinensergebiet. 

Eine Rakete wird abgefeuert.
Eine Hamas-Rakete beim Abschuss auf Israel. Bildrechte: IMAGO / PIN

Netanjahu: "Wir befinden uns im Krieg"

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu berief eine Krisensitzung der Sicherheitskräfte ein. In einer Videobotschaft an die israelische Bevölkerung aus dem Militärhauptquartier in Tel Aviv erklärte er, dass man im "Krieg" sei. Zuvor hatte bereits das israelische Militär erklärt, dass es sich im "Kriegsmodus" befinde. Verteidigungsminister Yoav Gallant ordnete die Mobilmachung von Reservisten an.

Bürger Israels, wir sind im Krieg.

Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident Israel Deutsche Presse-Agentur

Am späten Samstagabend hat Netanjahu alle Palästinenser zum Verlassen von Gaza aufgefordert. In einer Fernsehansprache sagte er, die israelische Armee werde die Verstecke der Hamas in Gaza in "Trümmer" legen. Israel werde sich für die Angriffe der Hamas rächen. Mit Blick auf Gaza, das er als die "Stadt des Bösen" bezeichnete, betonte er: "Ich sage den Bewohnern von Gaza: Gehen Sie von dort jetzt weg, denn wir werden überall mit all unserer Kraft tätig sein." Netanjahu sprach mit Blick auf die Hamas-Angriffe von einem "schwarzen Tag" für sein Land und die Bevölkerung, wofür sich Israel "rächen" werde.

Bundesregierung verurteilt Hamas-Angriffe

Die Bundesregierung verurteilte die Hamas-Angriffe aufs Schärfste. "Wir stehen an Israels Seite", schrieb Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Kurznachrichten-Plattform X. "Der Raketenbeschuss aus Gaza und die eskalierende Gewalt erschüttern uns zutiefst." Bundesaußenministerin Annalena Baerbock teilte via X mit: "Gewalt und Raketen gegen Unschuldige müssen sofort aufhören. Israel hat unsere volle Solidarität und das völkerrechtlich verbriefte Recht, sich gegen Terror zu verteidigen."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat nach einem Telefonat mit dem israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog seine Solidarität mit Israel bekundet: "Meine volle Solidarität gilt unseren angegriffenen israelischen Freunden. Im Namen unserer Landsleute habe ich Präsident Herzog meine Anteilnahme an den vielen Toten und Verletzten ausgedrückt und meine Sorge um das Schicksal derer, die noch in Gefahr sind."

Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats

Der UN-Sicherheitsrat kommt am Sonntag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Bei der Sitzung werde es um die Lage im Nahen-Osten und die "Palästinenserfrage" gehen, erklärte die UNO am Samstagabend in New York. Brasilien kündigte zuvor die Einberufung einer Dringlichkeitssitzung an. Das Land hat derzeit den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat inne.

Internationale Reaktionen

Der UN-Koordinator für den Friedensprozess im Nahen Osten, Tor Wennesland, hat große Sorge um die Zivilbevölkerung in Israel und im Gazastreifen. In einer Erklärung aus Jerusalem rief der Norweger am Samstag alle Beteiligten zur Zurückhaltung auf: "Dies ist ein gefährlicher Abgrund, und ich appelliere an alle, sich davon zurückzuziehen." Wennesland sprach von abscheulichen Angriffen auf die Zivilbevölkerung, die sofort eingestellt werden müssten.

Auch die Nato hat die Angriffe der Hamas gegen ihren Partner scharf verurteilt. "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und allen Betroffenen", schrieb ein Sprecher des Verteidigungsbündnisses am Samstag auf der Plattform X (zuvor Twitter). "Terrorismus ist eine grundlegende Bedrohung für freie Gesellschaften, und Israel hat das Recht, sich zu verteidigen."

Der britische Außenminister James Cleverly und das französische Außenministerium stellten sich ebenfalls auf die Seite Israels und verurteilten den Angriff der Hamas auf Zivilisten als terroristische Attacken. Auch die USA verurteilen den Angriff der Hamas. Ägypten warnte vor den Konsequenzen einer Eskalation der Lage. Saudi-Arabien rief zu einem "sofortigen Ende der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern" auf.

Der Iran hingegen begrüßte den Angriff der Palästinenser auf Israel. Aus Sicht des Golf-Emirats Katar ist allein Israel für die Eskalation verantwortlich. Zugleich rief Katar beide Seiten zur Mäßigung auf.

Auswärtiges Amt rät von Reisen nach Israel ab

Wegen des Großangriffs trat im Auswärtigen Amt der Krisenstab der Bundesregierung zusammen. Ein Sprecher sagte, die Sicherheit der deutschen Staatsangehörigen vor Ort stehe im besonderen Fokus. Sie sollten den Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes folgen. Der Sprecher erklärte weiter, man stehe mit den israelischen Behörden und internationalen Partnern in enger Abstimmung und verfolge die Lage sehr genau. Das Auswärtige Amt riet dringend von Reisen nach Israel ab.

Krisenstab des Auswärtigen Amts

Das Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amtes beobachtet krisenhafte Entwicklungen, beruft den Krisenstab ein und organisiert dessen Ablauf und Verfahren. Es koordiniert in Krisenfragen die Zusammenarbeit mit den Ressorts und internationalen Partnern. So koordiniert und meldet es Reise- und Sicherheitshinweise, die auch über die App "Sicher Reisen" zur Verfügung stehen. Im Notfall ist es 24-Stunden unter dieser Rufnummer erreichbar: 030 5000 0.

Ein Polizeibeamter 2019 vor der Neuen Synagoge Berlin
Deutschland verstärkt zudem seine Sicherheitsvorkehrungen. Bildrechte: picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Deutschland verstärkte inzwischen seine Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, sagte dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland", deren Schutz habe nun "oberste Priorität für Landes- und Bundesbehörden". Weltweite Konflikte hätten zunehmend sofort unmittelbaren Einfluss auf Deutschland und die Sicherheitsbehörden. 

Lufthansa streicht Flüge nach Tel Aviv

Die Lufthansa stoppte alle Flüge zwischen Deutschland und Tel Aviv. Nach einem letzten Flug von Tel Aviv nach Frankfurt am Main am Samstag seien alle weiteren Flüge von und nach Israel bis mindestens Montag gestrichen worden, sagte ein Unternehmenssprecher. 

Angespannte Sicherheitslage schon seit Monaten

Der Konflikt zwischen Israelies und Palästinensern hatte zuletzt wieder zu einer sehr angepannten Sicherheitslage geführt. Seit Jahresbeginn wurden 27 Israelis, eine Ukrainerin und ein Italiener bei Anschlägen getötet. Im selben Zeitraum kamen mehr als 200 Palästinenser zumeist bei israelischen Militäreinsätzen ums Leben.

Im Gazastreifen leben mehr als zwei Millionen Menschen nach UN-Angaben unter sehr schlechten Bedingungen. Israel blockiert das Küstengebiet, seit die Hamas 2007 die Macht übernommen hatte.

Reuters/dpa (dni,lmb)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Oktober 2023 | 09:00 Uhr

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