Schabbat Schalom mit Esther Jonas-Märtin Was das jüdische Erntedankfest Schawuot bedeutet

Mit dem Sonnenuntergang am Samstag, dem 4. Juni endet nicht nur ein Schabbat, sondern es beginnt ein Feiertag: Schawuot. Jeder Mensch ist einzigartig – und Gott spricht zu jedem auf die ihm gemäße Weise. Im Wochenabschnitt zum jüdischen Erntedankfest Schawuot geht es darum, diese Vielfalt zu würdigen, erklärt die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin in ihrer Lesung aus der Paraschah "Bamidbar/in der Wüste".

Esther Jonas-Märtin
Esther Jonas-Märtin ist studierte Rabbinerin. Bildrechte: Michaela Weber

Ein Neuanfang wird markiert: Wir lesen diesen Schabbat die Paraschah "Bamidbar/in der Wüste", den ersten Abschnitt des fünften und letzten Buches Moses. Mit dem Sonnenuntergang am Samstag, dem 4. Juni endet nicht nur ein Schabbat, sondern es beginnt ein Feiertag: Schawuot.

Eine Art Inventur

Der Wochenabschnitt Bamidbar ist im Wesentlichen eine Art Inventur. Wir erfahren die Anzahl der zu den Stämmen gehörenden Männer, während Frauen nicht mitgezählt werden und Männer auch erst ab ihrem 20. Lebensjahr. Anders als beim Zensus, der gerade jetzt wieder in Deutschland stattfindet, werden aber nicht die Personen erfasst, sondern allein das, was sie geben. In diesem Fall soll jeder Mann einen halben Schekel geben, eine kleine Währungseinheit, nach welcher dann die Gesamtzahl errechnet wird. Raschi, ein berühmter Rabbiner des Mittelalters erklärt, dass das Gebot G’ttes uns Menschen etwas deutlich machen soll. Wir können nur erfassen, ob eine Armee groß genug ist. Wir können zählen, wie viele Menschen es in diesem Land gibt. Wir können Aussagen darüber machen, wie viele Wohnungen gebaut, wie viele ÄrztInnen oder wie viele LehrerInnen gebraucht werden.

ABER: Menschen in ihrem Wert werden wir nie erfassen können.

Rabbinerin Esther Jonas-Märtin

Schawuot: Feier zur Übergabe der Tora an die Israeliten am Berg Sinai

Für die Israeliten genügte die Erfassung wehrtauglicher Männer. Nicht gezählt werden Frauen, Kinder und alle nicht wehrtauglichen Männer. Zudem wird der Stamm Levi, dessen Mitglieder die ganz besondere Aufgabe haben, die Priester und das Heiligtum zu versorgen, aus dem Zensus ausgeklammert.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass diese Paraschah direkt vor Schawuot gelesen wird. Schawuot, das Wochenfest, das sieben mal sieben Tage nach Pessach stattfindet, feiert die Übergabe der Thora an die Israeliten am Berg Sinai.

Diese Offenbarung G’ttes am Berg Sinai ist eine besondere. Bisher hatte sich G’tt sich nur gegenüber einzelnen Individuen offenbart, die dann Botschafter G’ttes wurden. Nun wird G’ttes Botschaft allen vermittelt. Moses ist zwar der direkte Empfänger der Gebotstafeln. Doch nicht nur Moses hört G’tt, sondern alle Menschen bekommen eine g’ttliche Botschaft. Eine Botschaft, deren Übermittlung an Musik-Festivals mit special effects erinnert, wenn man bedenkt, dass G’tt begleitet von Feuer und Rauch, Blitz und Donner erscheint.

Gottes Stimme in vielen Sprachen

In einem der großen Midrasch, der zu den rabbinischen Auslegungen der Tora gehört, erklärt Rabbi Yochanan, "dass die Stimme G’ttes sich in 70 Stimmen teilte, in 70 Sprachen, so dass alle Nationen hören konnten, und jede Nation konnte die Stimme (G‘ttes) in ihrer eigenen Sprache hören (...) G‘ttes 'Stimme' wurde gehört und verstanden, weil die Stimmen zu jeder Person in Berücksichtigung der Möglichkeiten/Fähigkeiten der jeweiligen Personen sprach (…) zu den Älteren, wie sie verstehen konnten, zu den Jungen und zu den Kleinsten etc., wie und dass sie verstehen konnten." (Schemot Rabbah 5:9).

Vielfalt der Tora erlaubt immer neue Sichtweisen

In ihrer Vielfalt eröffnet die Tora immer wieder neue Wege und Perspektiven, für verschiedene Menschen ebenso wie zu verschiedenen Zeiten.

Bamidbar und Schawuot erinnern uns daran, dass sich jedem Menschen eigene Sichtweisen auf die Tora erschließen. Bamidwar und Schawuot stellen uns aber auch vor die Frage, wen wir mitzählen, wie wir Menschen auch in ihrer Vielfalt fassen können, und wer in unseren Narrativen fehlt.

Rabbinerin Esther Jonas-Märtin

Der Dichter Hermann Hesse bringt es auf den Punkt: "Jeder Mensch aber ist nicht nur er selber. Er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich. Darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig."

Schabbat Schalom! Ein fröhliches Schawuot und ein friedliches Wochenende!

Zur Person: Esther Jonas-Märtin Rabbinerin Esther Jonas-Märtin studierte Jüdische Studien, Literaturwissenschaft, Moderne Geschichte und Religionswissenschaften in Leipzig und Potsdam und erwarb 2006 den Master of Arts. Im Jahre 2017 schloss sie das mehrjährige Studium zur Rabbinerin mit dem Master of Arts in Rabbinics und der Rabbinischen Ordination in Los Angeles ab. Sie ist Initiatorin und Gründerin des Lehrhauses Beth Etz Chaim in Leipzig (2018), sowie Referentin und Autorin einer Vielzahl von Artikeln und Beiträgen in den Themenbereichen: moderne jüdische Geschichte, Gender, Jiddische Poesie, Jüdische Ethik und Judentum.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Jüdische Feiertage & Synagogen in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 03. Juni 2022 | 15:45 Uhr