Buß- und Bettag: "Und vergib uns unsere Schuld" "Buße ist heilsam, aber in unserem Alltag leider selten"

Der Buß- und Bettag gehört dem stillen Gebet. Als kirchlichen Feiertag gibt es ihn nur noch in Sachsen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble bedauerte dies jetzt: "Buße ist heilsam, aber in unserem Alltag leider selten", sagte er in seiner Kanzelpredigt im Berliner Dom.

Felix Seibert-Daiker 2 min
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Der Buß- und Bettag ist ein Feiertag der Evangelischen Kirchen. Erinnern sollen sich die Gläubigen an diesem Tag daran, dass das Scheitern zum Leben gehört, zugleich soll der Tag Mahung sein, sich immer wieder neu auf das Leben zu besinnen. Leitwort ist die vierte Bitte des Vaterunsers: "Und vergib uns unsere Schuld". Obwohl der Festtag im kirchlichen Leben der Protestanten tief verankert ist, wurde er 1995 zur Finanzierung der neu eingeführten Pflegeversicherung abgeschafft, außer in Sachsen, wo der Buß- und Bettag immer noch ein gesetzlicher Feiertag ist.

Schäuble bedauert Abschaffung als Feiertag

Genau das bedauerte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in seiner Kanzelpredigt am Mittwochabend im Berliner Dom: "Buße ist heilsam, aber in unserem Alltag leider selten", sagte der CDU-Politiker, der auch Protestant ist. Sie helfe gegen "Allmachtsfantasien" und könne gesellschaftliche Gräben "in einem offenen Versöhnungsprozess" wieder schließen. Er betonte, die Gesellschaft brauche auch dafür einen "lebendigen Bezug zum Christentum". Aus der Möglichkeit zur Umkehr leite sich ein wichtiges Korrektiv ab.

Der Wert eines Tages, an dem Umkehr gefordert wird, lässt sich in einer volkswirtschaftlichen Rechnung nicht abbilden.

Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident In seiner Kanzelpredigt im Berliner Dom, 20.11.2019

Schäuble predigte zum Buß- und Bettag im Berliner Dom über den Bibelvers "Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben". Darin kritisierte er auch den Ton in manchen aktuellen Debatten, vor allem in der Migrations- und Asylpolitik: "Eine fiebrige Wut grassiert", sagte er. Der Aufruf "Keine Gewalt" sei aus christlicher Sicht dagegen zu setzen. Der "Politische Buß- und Bettag" wurde erstmals 2018 von der Domgemeinde und dem Bevollmächtigten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Dutzmann, ausgerichtet.

Von Buße und Sühne

Buße und Sühne gehören in den christlichen Konfessionen zum geistlichen Alltag, allerdings in unterschiedlichen Ausprägungen. In frühchristlicher Zeit gab es besonders angesetzte Bußtage, die jedoch weniger von der Kirche als viel mehr von weltlichen Herrschern angesetzt wurden. In besonderen Notfällen oder bei drohenden Katastrophen wurden Sühnetage ausgerufen. Schon Karl der Große verordnete sie aus Gründen besonderer Not. Das Mittelalter folgte diesem Vorbild, die Reformation übernahm diese Ordnung. Trotz der Kritik Luthers an den so genannten Quatembertagen schrieben evangelische Kirchenordnungen der Reformationszeit Buß- und Bettage vor, die häufig zu den überlieferten Zeiten - an manchen Orten sogar monatlich - abgehalten wurden.

Nach Kriegen und bei Notständen von der Obrigkeit verordnet

Ein Land verfügte oft einen Bußtag nach Ausbruch eines Krieges, um die Menschen vor Gott mit der Bitte um Vergebung, um Abnahme der Schuld für die Gewaltanwendung zu bitten. Während des Dreißigjährigen Krieges kam es zu einer Häufung von Buß- und Bettagen mit wöchentlichen Wiederholungen. Anlass waren dann auch allgemeine Volksnöte. In den 28 deutschen Ländern des Reiches von 1871 gab es 47 verschieden datierte Bußtage. Gegen diese Vielzahl schlug die evangelische Eisenacher Konferenz bereits 1852 einen einheitlichen Buß- und Bettag am Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr vor - jedoch ohne Erfolg. Erst die Preußische Generalsynode 1892 beschloss dann einen einheitlichen Bußtag für das Staatsgebiet in Mittel- und Norddeutschland für dieses Datum.

Einzelne Evangelische Landeskirchen behielten jedoch zusätzlich noch andere Buß- und Bettage bei: die Evangelische Lutherische Landeskirche Sachsens beispielsweise hat neben dem Herbstbußtag auch noch einen Frühjahrsbußtag am Mittwoch nach dem Sonntag Reminiszere.

Vom öffentlichen Gebet zur persönlichen Abbitte

Der ursprünglich staatlich-öffentliche Charakter des Buß- und Bettages ist uns nicht mehr bekannt. Heutzutage ruft keiner mehr die gesamte Bevölkerung auf, angesichts von Notständen und Gefahren zu beten und Buße zu tun. Heute versteht man den Buß- und Bettag individuell, auf den einzelnen Christen bezogen. Aus dem einst öffentlichen Gebet und kollektiver Schuldsuche ist eine persönliche Gewissensprüfung und Bitte geworden.

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Was sind die Quatembertage? Die Quatembertage werden abgeleitet von "Tour tempora", den vier Jahreszeiten. Der Begriff kommt aus dem Rom des  8. Jahrhunderts.  Er bezeichnet den Mittwoch, Freitag und Samstag in vier Wochen des Jahres, die ungefähr mit dem Beginn der jeweiligen Jahreszeit zusammenfallen. 

Papst Gregor VII. (1073-1085) hat auf der römischen Synode 1078 die Termine der Quatembertage festgelegt. Sie fallen danach in die erste Fastenwoche, die Wochen nach Pfingsten und nach Kreuzerhöhung (14. September) und in die Woche nach Lucia (13. Dezember). Inhaltlich geht es um die geistliche Erneuerung der christlichen Gemeinde durch Fasten und Beten und das Tun guter Werke. Das Fasten während der Quatembertage war genau geregelt: Es gab nur eine sättigende Mahlzeit am Tag und es durfte nur fleischlos gegessen werden. Die Quatembertage wurden nach dem II. Vatikanischen Konzil ( 1962-1965) und der Liturgiereform 1969 in der katholischen Kirche inhaltlich und kalendarisch neu aufgestellt.

Buchtipps Karl-Heinrich Bieritz:
"Das Kirchenjahr",
München: Verlag C.H. Beck 2014,
ISBN: 978-3-406-65901-0.

Manfred Becker-Huberti:
"Lexikon der Bräuche und Feste", Freiburg i.B.: Herder Verlag 2007, ISBN 978-3-451-28533-2.

Georg von Gynz-Rekowski:
"Der Festkreis des Jahres",
Berlin: Union Verlag 1981,
Nur noch antiquarisch!

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Gedanken zum Buß- und Bettag | 20. November 2018 | 18:50 Uhr