Gottesdienst unter freiem Himmel Vesper vor der Dresdner Frauenkirche: Respektvolles Miteinander angemahnt

Was 1993 mit einer Andacht vor den Trümmern der zerstörten Frauenkirche begann, ist zu Deutschlands größtem regelmäßigen Open-Air-Gottesdienst geworden. Die Predigt hielt 2019 der frühere sächsische Landesbischof Jochen Bohl. Er beklagte den wieder aufkommenden Antisemitismus und mahnte, jeder habe in der gespaltenen Gesellschaft von heute die Aufgabe, "mit den eigenen Gaben und Möglichkeiten beizutragen, dass Frieden wird".

Der frühere sächsische Landesbischof Jochen Bohl hat bei der traditionellen Vesper vor der Dresdner Frauenkirche zu einem friedlichen und respektvollen Miteinander aufgerufen. Er beklagte in seiner Predigt zugleich das "Wiedererwachen des Antisemitismus". Zu Weihnachten gehe es um Frieden auf Erden, mahnte der evangelische Geistliche.

"Haben wir unsere Lektion nicht gelernt?"

Der ehemalige Landesbischof Jochen Bohl bei der Vesper.
Der ehemalige Landesbischof Jochen Bohl bei der Vesper. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bohl appellierte in seiner Predigt, jeder habe die Aufgabe, "mit den eigenen Gaben und Möglichkeiten beizutragen, dass Frieden wird". In Deutschland hätten sich indes Gegensätze aufgetan, gepaart mit Demokratieverdrossenheit, hasserfülltem Reden und politisch motivierten Gewalttaten. "Wie konnte es nur so weit kommen", fragte der evangelische Geistliche und fügte hinzu: "Haben wir denn unsere Lektion nicht gelernt in den langen Jahren, als die Frauenkirche in Trümmern lag?" Bohl betonte: "Wir wissen doch, wie und womit das Unheil begann." Menschen seien dem Wahn verfielen, auf andere herabzusehen und sich selbst zu erhöhen. In ihrer Verblendung hätten die Nationalsozialisten zur Gewalt griffen, erst gegen die Juden, dann die Völker Europas mit Krieg überzogen. Als die Frauenkirche 2005 nach dem Wiederaufbau geweiht wurde, hätten Christen und Juden gemeinsam gebetet und sich versprochen, unter dem Motto "Nein, nie wieder" gemeinsam gegen den Hass zu stehen, erinnerte Bohl.

Größter Open-Air-Gottesdienst in Deutschland

Weihnachtliche Vesper an der Dresdner Frauenkirche.
Seit 1993 versammeln sich tausende Menschen auf dem Dresdner Neumarkt vor der Frauenkirche. Bildrechte: dpa

Die Vesper auf dem Neumarkt gilt als der größte regelmäßig stattfindende Open-Air-Gottesdienst in Deutschland. Grußworte kamen auch von Ministerpräsident Michael Kretschmer und Dresdens Oberbürgermeiser Dirk Hilbert. Musikalisch gestaltet wurde die Vesper vom Kammerchor der Frauenkirche, Gesangssolisten wie Gunther Emmerlich sowie der Sächsischen Posaunenmission. Die Gesamtleitung lag wieder bei dem Dresdner Trompeter und Dirigenten Ludwig Güttler und seinem Blechbläserensemble. Die Besucher der Vesper waren zum Mitsingen eingeladen, traditionell endete sie mit dem Lied "O du fröhliche".

Symbol für den Weihnachtsfrieden

Star-Trompeter Ludwig Güttler
Trompeter Ludwig Güttler bei der Vesper 2003 Bildrechte: dpa

Seit 1993 feiern die Dresdner die Vesper vor der Frauenkirche, zunächst während des Wiederaufbaus der barocken Kirche noch auf der Baustelle. Initiiert hatte sie einst Ludwig Güttler. Veranstalter ist heute die Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche Dresden in Kooperation mit der Stiftung Frauenkirche Dresden. Im vergangenen Jahr kamen 19.000 Menschen auf den Neumarkt. Nach der Vesper wird auch das Friedenslicht aus Bethlehem verteilt. Jedes Jahr vor Weihnachten wird es von einem Kind in der Geburtsgrotte von Bethlehem entzündet. Per Flugzeug und Zug wird es in über 30 Länder der Welt gebracht. Es soll ein Symbol sein für den Weihnachtsfrieden.