Fragen & Antworten Wie Sinti und Roma in Deutschland und Europa leben

Noch heute ist unser Verhältnis zu Sinti und Roma von Vorurteilen geprägt. Doch woher stammt die Minderheit, welche Sprache sprechen sie und was macht ihre Kultur aus? Was versteht man unter Antiziganismus und wie kam es zum Völkermord während der Nazi-Diktatur? Mehr erfahren sie hier.

Beschreibung Kind mit der Roma-Flagge auf einer Antidiskriminierungs-Kundgebung in Rom
Kind mit der Roma-Flagge auf einer Antidiskriminierungs-Kundgebung in Rom Bildrechte: IMAGO / Pacific Press Agency

Wer sind Sinti und Roma?

"Sinti" bezeichnet die in Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit, "Roma" sind jene mit ost- bzw. süd-osteuropäischer Herkunft.

In Deutschland bilden Sinti seit jeher die größte Gruppe, daher wird hier die Bezeichnung "Sinti und Roma" bevorzugt. Außerhalb des deutschen Sprachkreises wird "Roma" – oder einfach "Rom" (dt. "Mensch") – auch als Sammelname für die gesamte Minderheit verwendet.

Woher kommen Sinti und Roma?

Die Vorfahren der heute in Europa lebenden Sinti und Roma stammen ursprünglich aus Indien beziehungsweise dem heutigen Pakistan. Sie wanderten seit dem 8. bis 10. Jahrhundert über Persien, Kleinasien oder den Kaukasus (Armenien) und im 13. und 14. Jahrhundert über Griechenland und den Balkan nach Mittel-, West- und Nordeuropa und von dort aus weiter bis nach Amerika. Möglicherweise gab es einen weiteren Migrationsweg über Nordafrika nach Spanien. Die Quellenlage ist hier jedoch sehr dürftig.

Opa und Kind vor ihrer Hütte.
Roma vor einer Hütte in Sura Mare, (Siebenbürgen) Rumänien Bildrechte: MDR/WDR/Werkblende

Gründe für die Migration waren Kriege, Verfolgung, Vertreibung oder wirtschaftliche Not.

Welche Sprache sprechen Roma und Sinti?

Das Romanes, die Sprache der Sinti und Roma, ist mit dem indischen Sanskrit verwandt. Romanes hat im Laufe der Jahrhunderte und aufgrund der heutigen Heimatregionen unterschiedliche Dialekte entwickelt, sodass man zum Beispiel von einem "deutschen Romanes" oder einem "ungarischen Romanes" spricht. Einige Roma-Gruppen haben im Laufe ihrer langen Geschichte - vor allem durch Ausgrenzung und Zwangsassimilierung - ihre Sprache verloren.

Romanes ist in erster Linie eine mündliche Sprache. In verschiedenen Regionen Europas gab und gibt es Projekte, Romanes zu verschriftlichen oder auch zu vereinheitlichen, nicht immer unter Beteiligung der Betroffenen.

Was macht die Kultur der Roma und Sinti aus?

Eigenen Angaben zufolge besteht eine große kulturelle Vielfalt bei Sinti-und Roma-Gruppen in Europa. Gemeinsam ist ihnen allen die Wertschätzung der Familie und Verwandtschaft über die eigene Familie hinaus, der Respekt vor den Älteren, der Gebrauch der eigenen Sprache und nicht zuletzt auch das Bewusstsein einer langen Diskriminierung und das Wissen um den nationalsozialistischen Völkermord.

Auf ihrer Wanderung nahmen Musiker der Sinti und Roma Stile aus zahlreichen Ländern auf und verarbeiteten sie in eigenen Stücken weiter. Die sogenannte Gipsy-Musik bereicherte ihrerseits andere Volks- und Kunstmusikstile.

Sehr stark ist etwa der Einfluss der Gipsy-Musik auf die türkische Tanzmusik und auch der andalusische Flamenco dürfte zum Teil auf ihre Musik zurückgehen.

Auch in der klassischen Musik finden sich Einflüsse von Gipsy-Musik. Bekannte Beispiele sind der "Zigeunerbaron" von Johann Strauss oder die "Zigeunerliebe" von Franz Lehár. Berühmt wurde die sogenannte "Zigeuner-Tonleiter", auch durch die Klaviermusik von Franz Liszt, der diese spezielle Skala in vielen seiner Klavierwerke verwendet, etwa in seinen "Rhapsodien". Die starke emotionale Wirkung der Gipsy-Musik beeinflusste auch den französischen Komponisten Claude Debussy.

Der Jazz hat etliche Motive der Musik der Sinti und Roma adaptiert – einer der berühmtesten Jazzgitarristen war selbst Sohn französischer Sinti: der Gitarrist Django Reinhardt. Seine Spielweise war so virtuos, dass zahlreiche Gitarristen diesen Stil bis heute nachahmen.

Django Reinhardt
Django Reinhardt Bildrechte: IMAGO

Einen besonderen Stellenwert nimmt die Erzählkunst der Sinti und Roma ein. Ihre Literatur wurde 2019 mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Durch ein wachsendes Selbstbewusstsein – vor allem bei jüngeren Sinti und Roma, findet man heute auch Kreative in der bildendenden Kunst, in Mode, Theater und Tanz.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das RomeArchive macht Künste und Kulturen der Sinti und Roma sichtbar und veranschaulicht ihren Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte.

Welcher Religion gehören Sinti und Roma an?

Eine eigene Religion haben Sinti und Roma nicht. Sie sind Mitglieder verschiedener Religionen, zumeist sind sie Moslems oder orthodoxe Christen im europäischen Südosten, Katholiken und Protestanten in Mitteleuropa und auch Mitglieder von Freikirchen, beispielsweise in den USA.

Jahrhundertelang wurden sie als "Heiden" bezeichnet, obwohl sie – wie es in Quellen seit dem 16. Jahrhundert heißt – ihre Kinder unter den Christen taufen ließen. Im Gemeindeleben spielten sie in der Regel keine Rolle; sie wurden von den Kirchen vielfach überhaupt nicht wahrgenommen.

Was versteht man unter Antiziganismus?

Antiziganismus ist die Abwehrhaltung der Mehrheitsbevölkerungen gegen Sinti und Roma. Rassistische Vorurteile gegen sie sind bis heute weit verbreitet – romantisierende Bilder genauso wie abwertende. Viele Angehörige der Minderheit erfahren in ihrem Alltag Diskriminierung.

Auch in der Sprache findet Diskriminierung statt. Der Begriff Antiziganismus ist umstritten, weil er die abwertende Fremdbezeichnung "Zigeuner" beinhaltet. Er wird trotzdem von einigen Roma-Organisationen verwendet, auch um die darin enthaltenen rassistischen Ressentiments sichtbar zu machen.


Wie kam es zum Völkermord an Sinti und Roma?

Sinti und Roma wurden seit langer Zeit staatlich diskriminiert und verfolgt. Schon in der Weimarer Republik wurden sie von den Behörden erfasst und waren strenger polizeilicher Überwachung und strengen Aufenthaltsbeschränkungen ausgesetzt. Die Nationalsozialisten knüpften daran an.

Anwohner sehen zu, wie die Polizei Sinti und Roma, die als „Zigeunerplage“ und „rassisch minderwertig“ verachtet wurden, für die Deportation in das von Deutschland besetzte Polen zum Bahnhof eskortiert. Hohenasperg, Deutschland, 18. Mai 1940
Deutschland 1940: Sinti und Roma werden für die Deportation von der Polizei zusammen getrieben Bildrechte: Bundesarchiv, R 165 Bild-244-42

1933 verabschiedeten sie das Gesetz zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses". Es ermöglichte Zwangssterilisierungen von sogenannten "Zigeunern". Die "Nürnberger Rassegesetze" schlossen 1935 Sinti und Roma genau wie die Juden aus der "Volksgemeinschaft" aus. 1938 wurde eine "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" eingerichtet. Im Dezember des Jahres erließ SS-Chef Heinrich Himmler einen Erlass zur "Bekämpfung der Zigeunerplage".

Im Dezember 1942 ordnete Heinrich Himmler im Auschwitz-Erlass an, alle "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen."

Es wird geschätzt, dass in Europa zwischen 220.000 und 500.000 Sinti und Roma dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. Von den rund 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden mehr als 25.000 ermordet.


 Wie leben heute Roma und Sinti in Deutschland und Europa?

Heute leben zwischen 70.000 und 150.000 Sinti und Roma in Deutschland. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, da es keine offiziellen Erhebungen gibt; die Angaben beruhen auf Schätzungen der verschiedenen Sinti- und Roma-Verbände.

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Sinti-Familie Anfang der 1990er-Jahre in Leipzig Bildrechte: Mahmoud Dabdoub

Von den acht bis zwölf Millionen Roma Europas leben die meisten im Osten und Südosten Europas. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaftssysteme verloren Roma, eher als andere Menschen ihre Arbeit und gerieten dadurch noch stärker in Armut als große Teile der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung.

Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) von 2009 bestätigt ältere Untersuchungen, nach denen Sinti und Roma die am stärksten diskriminierte Gruppe in Europa sind. Etwa die Hälfte der Befragten berichteten von Diskriminierungserfahrungen. Antiziganistische Ressentiments und Vorurteile werden benutzt, um den Ausschluss aus der Gesellschaft zu rechtfertigen.


Welche Interessenvertretungen der Roma und Sinti existieren heute?

Seit Beginn der 1970er-Jahre organisieren sich Roma und Sinti weltweit, um gegen Diskriminierung aufzutreten, die Verbrechen des Nationalsozialismus bekannt zu machen, Entschädigungen zu fordern, ihre Rechte und ihre Kultur zu fördern und zu schützen.

In einigen europäischen Staaten sind sie als nationale Minderheiten anerkannt und seit 1995 in das Europäische Rahmenübereinkommen zum Schutz und zur Förderung nationaler Minderheiten einbezogen.

Allerdings klaffen gesetzlich verankerter Minderheitenschutz und soziale Praxis in vielen Staaten auseinander. So haben auch Länder wie Bulgarien, Rumänien, Ungarn oder die Slowakei das "Rahmenübereinkommen" ratifiziert, in denen die Diskriminierung der Roma-Minderheiten zum Alltag gehört.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ist der unabhängige Dachverband von 19 Landes- und Mitgliedsverbänden in Deutschland. Er wurde im Februar 1982 gegründet und ist die bürgerrechtliche und politische Interessenvertretung der deutschen Sinti und Roma.

Quellen: MDR, Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Bundeszentrale für politische Bildung, sintiundroma.org

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