Bildcollage eines Mannes, das ihn in der Vergangenheit und der Gegenwart vor den Flaggen Vietnams und Sachsen-Anhalts zeigt.
Dac Nghiep Nguyen war früher Vertragsarbeiter, jetzt ist er Lokalpolitiker in Thale. Bildrechte: MDR/Collage/Nguyen/Pixabay/Florian Leue

Sachsen-Anhalt und Vietnam Wie ein ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter für die CDU Politik macht

Dac Nghiep Nguyen sitzt in Thale für die CDU im Stadtrat. Das ist außergewöhnlich. Denn er hat etwas gewagt, was viele gebürtige Vietnamesen seiner Generation nicht wollen. Die meisten ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter meiden die Öffentlichkeit und bleiben lieber unter sich. Obwohl viele die deutsche Staatsbürgerschaft erworben haben.

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

von Karsten Kiesant, MDR SACHSEN-ANHALT

Bildcollage eines Mannes, das ihn in der Vergangenheit und der Gegenwart vor den Flaggen Vietnams und Sachsen-Anhalts zeigt.
Dac Nghiep Nguyen war früher Vertragsarbeiter, jetzt ist er Lokalpolitiker in Thale. Bildrechte: MDR/Collage/Nguyen/Pixabay/Florian Leue

Warum ein gebürtiger Vietnamese im Rathaus sitzt

Wenn Dac Nguyen etwas vorhat, dann lässt er sich offensichtlich nicht gern bremsen. Mit schnellen  Schritten führt er mich in Richtung Rathaus. Seine 67 Jahre sieht man ihm nicht an. Es ist kalt und neblig in Thale. In Hanoi sind es gerade 33 Grad. Aber Herrn Nguyen stört der deutsche Nieselregen schon lange nicht mehr, reine Gewöhnung sagt er, außerdem hat er ein Ziel.

Ich soll mir den Sitzungssaal des Stadtrates anschauen. Die CDU hat hier in Thale mit 15 Sitzen die Mehrheit. Ihr gegenüber sitzen jeweils drei Abgeordnete der Linken und der Bürgerfraktion, zwei von der SPD sowie je einer von der AfD und einer von einer Freien Wählergemeinschaft. Der Saal ist leer und Dac Nguyen zeigt mir seinen Abgeordneten-Platz, vorne rechts. Er hat sich schick gemacht für den Termin. Jackett und ein roter Schlips. 

Das Motiv: Pragmatismus und Dankbarkeit

Mehrere Männer sitzen eng an einem Tisch, dahinter stehen noch zwei Reihen weitere Tische.
Dac Nguyens Platz im Stadtrat. Bildrechte: MDR/Nguyen

In diesem Jahr wurde er (zum zweiten Mal nach 2014) in den Stadtrat gewählt. "Das heißt, viele Thalenser haben mir wieder ihr Vertrauen geschenkt!" Er lacht, viele seiner Sätze enden mit dieser ansteckenden Fröhlichkeit. Sein Motiv für den Einstieg in die Lokalpolitik? Pragmatismus und Dankbarkeit. Seit über 30 Jahren sei er in Deutschland, lange Zeit als Geschäftsmann, ohne deutsche Kunden wäre er schnell pleite gewesen, erklärt er.

Dadurch ging es mir in meinem Leben, meiner Arbeit und meiner Familie über die Jahre sehr gut. Das hat uns Stabilität gegeben und dafür bin ich den Bürgern in Thale sehr dankbar.

Nguyen, der die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, will etwas zurückgeben. Nicht nur darüber reden, wie er betont, sondern sich einbringen: "Deshalb bin ich als Lokalpolitiker angetreten. Damit habe ich mehr Möglichkeiten, etwas für die Stadt Thale beizutragen."

"Die CDU ist eine starke Partei."

Eine Frau und ein Mann lächeln in die Kamera
Auch Angela Merkel hat Dac Nguyen schon getroffen. Bildrechte: MDR/Nguyen

Die Wirtschaft sei sein wichtigstes Thema, deshalb sitze er u.a. im Finanz- und im Bauausschuss. Aus einer kleinen schwarzen Ledertasche holt Dac Nguyen Fotos und Dokumente hervor. Warum er in die CDU gegangen sei? Es sei eben die stärkste Partei in Deutschland. Nghuyen lacht wieder. Mehr gibt es dazu aus seiner Sicht nicht zu sagen.  

Es gibt viele Fotos mit ihm und hochrangigen Landes- und Bundespolitikern der CDU. Ich will wissen, wie das in Vietnam ankommt. Immer noch ein kommunistisch regierter Einparteien-Staat. Nguyen zögert kurz: "Wenn ich in Vietnam bin, spreche ich nicht so viel darüber. Nur mit ganz engen Freunden. Aber die freuen sich für mich und wünschen mir immer alles Gute." 

Aus dem Tonstudio ins Betonwerk – als "sozialistischer“ Gastarbeiter in der DDR

Bis Mitte der 1980er-Jahre hat Dac Nguyen seinen Lebensunterhalt als Tontechniker in einem Musikinstitut in Hanoi verdient. 

Das Leben vor 35 Jahren in Vietnam war sehr problematisch. Wirtschaftlich. Ich wollte deshalb etwas im Ausland versuchen. Und dann gab es dieses Abkommen über die Gastarbeiter zwischen Vietnam und der DDR und das habe ich genutzt.

Seine Eltern und seine fünf Geschwister haben ihm zugeraten. Eine Familien-Entscheidung, die den jungen Mann 1987 zunächst nach Merseburg verschlägt. In ein Betonwerk des Chemiewerks in Leuna. 

Die Bilder in seinem Fotoalbum wirken zwiespältig. Es sind Jugenderinnerungen. Aber sie erzählen auch die Geschichte eines harten Lebens zwischen Baustelle und Wohnheim. Getrennt von der Familie. Und, abgesehen von beruflichen Kontakten, getrennt vom DDR-Alltag. So wollte es der Staat – private Beziehungen waren genehmigungspflichtig. Ein Nachzug von Angehörigen war nicht vorgesehen. 

93.000 vietnamesische Arbeitskräfte lebten so Ende der 1980er-Jahre in der DDR. Historiker haben ermittelt, unter welchen strengen Regeln die “sozialistische Bruderhilfe” ablief. Drei Viertel der Vietnamesen arbeiteten im Schichtdienst. Ausländer hatten nach Vertragsende in ihre Heimat zurückzukehren. Im Falle von Schwangerschaft gab es nur zwei Möglichkeiten: Abtreibung oder Abschiebung. Eine Regelung, die erst kurz vor der Wende geändert wurde.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in einem Dossier über diese Zeit festgehalten: 

Öffentliche Diskussionen über in der DDR lebende und arbeitende Ausländer und deren Probleme wurden von staatlicher Seite konsequent unterdrückt, alle offiziellen Dokumente, Verträge etc. bis zur Wende im Herbst 1989 unter Verschluss gehalten.

1989 - die Wende traf alle gleich  

Ein Mann zeigt von weitem auf ein Fabrikgebäude.
Dac Nguyen erinnert sich an seine alte Arbeit. Bildrechte: MDR/Kiesant

Auf einem kurzen Spaziergang durch Thale zeigt mir Dac Nguyen, wo es 1989 beruflich für ihn weiterging: als Kranfahrer in das Walzwerk des VEB Eisenhüttenwerk. "Das war eine wirklich schwere Arbeit. Es war sehr heiß", erzählt er mir. 

Aber sechs Monate später ist hier Schluss: "Nach der Wende bin ich sehr schnell arbeitslos geworden." Ein Schicksal, dass er mit den meisten der 7.500 deutschen Eisenhüttenwerker in Thale teilt. Ein Nachfolgeunternehmen beschäftigt heute gerade noch 200 Menschen.

"Im Eisenhüttenwerk gab es über 100 Gastarbeiter aus Vietnam. Und wir hatten große Angst und Sorgen um die Zukunft. Wir wussten nicht, wie es weitergeht. Viele sind dann nach Hause gegangen. Nur ein paar Vietnamesen aus Thale sind geblieben." Die Vietnamesen, die blieben, haben ihre Spuren bis heute im Harz und auch in der kleinen Einkaufsstraße in Thale hinterlassen. 

Und das wird von den meisten der 17.400 Einwohner geschätzt, sagt der Thalenser Bürgermeister Thomas Balcerowski (CDU): "Die Vietnamesen sind ja ein sehr friedliebendes Volk. Und entsprechend sind sie hier auch anerkannt und beliebt. Auffällig ist: sie sind sehr rührig und aktiv. Man bleibt eben nicht sitzen und wartet, bis der Staat oder irgendjemand was für einen macht. Sondern man kümmert sich selber um die Dinge." 

Vom Kranfahrer zum Kleinhändler

Laden Dac Nguyen Thale
Im Laden der Familie in Thale wird unter anderem Kleidung verkauft. Bildrechte: MDR/Kiesant

Aus dem Kranfahrer wird 1989 über Nacht ein Kleinhändler. Einen Imbiss und drei Bekleidungsgeschäfte betreibt Dac Nguyen zwischenzeitlich, aktuell ist es noch eins, das er gemeinsam mit seiner Frau (auch ehemalige Vertragsarbeiterin aus Sangerhausen) mitten in der Stadt unterhält. Die Familie wächst, drei Kinder kommen dazu, ein bescheidener Wohlstand entsteht. 

Doch Touristen und Einheimische geben heute weniger Geld aus, "es ist schlechter geworden" sagt Nguyen. Schuld sei die Abwanderung, viele gehen in den Westen, "weil man da besser Geld verdienen kann". Dieses Problem kennt auch der Bürgermeister. Und welche Lösung sieht er?

Sachsen-Anhalt und Thale braucht zwingend Zuwanderung. Um am Ende auch die Arbeitsplätze besetzen zu können, die wir haben. Insofern kann ich die Diskussion (um Zuwanderung) überhaupt nicht verstehen. Natürlich brauchen wir sie.

Thomas Balcerowski (CDU), Bürgermeister von Thale

Die demografischen Daten seien beunruhigend. "Insofern müssen wir da offen sein", ist seine Forderung, auch an die eigene Partei. Die aktuellen Pläne des Wirtschaftsministeriums von Sachsen-Anhalt, neue Fachkräfte in Vietnam anzuwerben, hält er für eine gute Idee.

"Am Wochenende kommt manchmal die Traurigkeit."

Und wie sieht das Dac Nugyen? "Man muss wissen, dass wir in Vietnam viele sehr gut ausgebildete Fachkräfte haben. Aber auch hohe Arbeitslosigkeit. Außerdem sind die Verdienste sehr niedrig, oft nur so 100 Euro im Monat. Da ist eine Arbeit hier in Deutschland schon viel besser."

Immer wieder betont er, dass er bisher persönlich keine Anfeindungen oder Ausgrenzungen erlebt habe. Aber Gedanken macht er sich schon, über die jungen Leute, die jetzt vielleicht in Vietnam ihre Koffer packen wollen. 

Die deutsche Sprache ist der Schlüssel 

Sein wichtigster Tipp: "Ich habe auch schon in Vietnam mit jungen Leuten darüber gesprochen. Bevor sie hierher kommen, sollen sie erst mal zu Hause gut Deutsch lernen. Die Sprache ist ein Schlüssel für das Leben in Deutschland. Sonst kann man sich nicht integrieren." 

Ein Raum mit Tischen und Stühlen, vielen Pflanzen und einem Fernseher.
Im Klubhaus des Vereins wird gefeiert und gelernt. Bildrechte: MDR/Kiesant

Besonders an Wochenenden sei es in der Fremde wichtig, sich mit Landsleuten zu treffen. "Dann kommt die Langeweile oder die Traurigkeit." Das Gegenmittel hat Dac Nguyen in Thale – fast schon ein bisschen deutsch – gleich mit auf die Beine gestellt: "Wir haben einen Verein der 'Vietnamesen in Thale und Umgebung' gegründet." Bis zu 90 Vietnamesen treffen sich da zu Deutschkursen oder zum Feiern. 

Seine drei Kinder, die alle in Thale das Gymnasium besucht haben, sieht er nur noch selten. Wie viele junge Sachsen-Anhalter sind sie den guten Jobs hinterhergezogen, nach Bayern. Und wie viele Eltern hier, hoffen auch die Nguyens, dass ihre Kinder irgendwann nach Hause zurückkommen. Und selber wegziehen? Die Antwort ist nicht mehr pragmatisch: "Wir fühlen gegenüber der Stadt Thale eine unendliche Zuneigung und Leidenschaft. Und deshalb werden wir auch nicht nach Bayern gehen."

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Über den Autor Karsten Kiesant wurde in Sachsen geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen. Seit 2002 arbeitet er bei MDR Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Heute ist er Ressortleiter Politik für Hörfunk, Fernsehen und Online.

Als Reporter und Redakteur hat er für die Frankfurter Rundschau, den NDR und den rbb gearbeitet. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt haben entweder gutes WLAN oder hören auf die Namen Schierke, Naumburg oder Jerichow.

Quelle: MDR/aso

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 17. November 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 16:27 Uhr

2 Kommentare

Der Matthias vor 3 Wochen

@ Fuerst Myschkin

"Über einen 67 Jährigen Mann zu schreiben, der in der finsteren Provinz Politik für die CDU macht, bringt bestimmt nicht den Pulitzerpreis."

Ich glaube kaum, dass das unbedingt das Ziel dieses (im Übrigen sehr berührenden und gut geschriebenen ) Beitrags von Herrn Kiesant sein sollte! Insofern vielen Dank für diese lesenswerte Story! Dagegen merkt man Ihren Worten, Fuerst Myschkin, nur zu deutlich an, aus welchem missgünstigen und bornierten Geist heraus diese geschrieben wurden. Persönliche Animositäten mit einer bestimmten Partei oder Person (z.B. Frau Merkel) sollten aber nicht dazu führen, sich die Sinne vernebeln zu lassen. Wenn der Nugyen z.B. statt in der CDU z.B. in der AFD oder in der Links-Partei wäre, hätte ich das als Leser auch akzeptieren müssen. Im Übrigen hat Sie niemand gezwungen, den Artikel lesen zu müssen. Spätestens bei der Überschrift hätten Sie einfach weiterklicken können, wenn Sie offenbar so ein persönliches Problem mit BK Merkel haben!

Fuerst Myschkin vor 3 Wochen

Warum sollte Herr Nugyen nicht Politik machen? Wenn er dazu Lust hat und es auch kann, wozu dann diese schmalzige Gähnstory? Es ist doch gut, wenn sich Menschen politisch engagieren. Ich hätte zum Beispiel in diesem Land keinerlei Ambitionen zu einem derartigesn Ehrenamt und schon gar nicht würde ich Politik für die CDU machen wollen. Diese Partei ist doch absolut indiskutabel. Herr Nugyen scheint es auch sehr zu geniesen, wenn er mit Angela Merkel abgelichtet wird. Auch in dieser Hinsicht, kann ich ihn nur bewundern. Ich habe bei Frau Merkel andere Emotionen als Herr Nugyuen. Die rührige Geschichte von Herrn Karsten Kiesant, empfinde ich wirklich nicht als großen journalistischen Gewinn. Gibt es in diesem Land keine wirklichen Probleme, über die man schreiben sollte? Über einen 67 Jährigen Mann zu schreiben, der in der finsteren Provinz Politik für die CDU macht, bringt bestimmt nicht den Pulitzerpreis.

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