28. Oktober | 497 Jahre Reformation - Was wir von Martin Luther lernen können und was keinesfalls

Das Gefühl, das so manchen in diesen Tagen beschleicht, in so einer Art Endzeit zu leben, in der scheinbar fest gefügte Strukturen, wie zum Beispiel Ländergrenzen, ihre Gültigkeit verlieren, ein solches Gefühl ist nicht neu in diesem unserem Abendland. Schon zu Zeiten der Reformation blickt Europa mit starker Skepsis Richtung Balkan. 1453 fällt das bis dahin christliche Konstantinopel an das osmanische Reich und über der größten Kirche der Stadt, die Hagia Sophia, wacht nicht mehr das Kreuz, sondern der Halbmond. Es soll übrigens ein Christ gewesen sein, der dem Sultan die äußerst wirkmächtigen Kanonen baute, welche wohl zum Untergang der Stadt beigetragen haben.

Der Fall von Konstantinopel ist das Nine Eleven des fünfzehnten Jahrhunderts und führt zu heftigen Reaktionen in Europa, bis hin zur Forderung nach einem neuen Kreuzzug. Als Martin Luther 1483 in Eisleben geboren wird, haben zwar die Türken das Mansfelder Land noch nicht erobert, aber als Gerücht vom blutrünstigen Gotteskrieger sind sie sicherlich Teil des damaligen Zeitgeistes. Eintausend deutsche Flugschriften gegen die Türkengefahr sind aus jener Zeit überliefert. Und tatsächlich ist das osmanische Reich ein ernstzunehmender Gegner, als neue Großmacht im Osten.

Straffreiheit für Seelensünder

Aber kein Gegner ist mies genug, um nicht doch noch mit ihm, beziehungsweise mit der Angst vor ihm ein Geschäft zu machen. Im Jahr 1514 zieht der Dominikanermönch Johannes Tetzel, Sohn eines Goldschmieds aus Pirna, einen florierenden Ablasshandel im Erzbistum Magdeburg auf. Der funktioniert so ähnlich wie die heutige Straffreiheit für reuige Steuersünder. Zu Tetzels Zeiten wird allerdings die eigene Seele freigekauft: Gegen Bares gibt es Sündenerlass, schriftlich quittiert und beglaubigt, nicht gerade unwichtig in einer Zeit, in der das Wort Höllenangst wortwörtlich zu nehmen ist. Doch natürlich braucht das Spenden auch noch einen guten Zweck, so dass der zahlungswillige Sünder im Jahr 1514 glaubt, den Bau des Petersdoms zu finanzieren sowie einen Kreuzzug gegen die Türken.

Und weil es viel bequemer ist, sich von seinen Sünden frei zu kaufen,  als stundenlang auf hartem Kirchengestühl zu knien, bleiben plötzlich auch in Wittenberg die Kirchen leer, was dem Stadtprediger  Martin Luther gar nicht gefällt. Neudeutsch gesprochen ist die sonntägliche Einschaltquote dramatisch gesunken. Und der Gottesmann macht das, was alle Programmdirektoren in solchen Fällen machen, er betreibt Marktforschung und muss feststellen, dass seine Schäfchen lieber nach Zerbst oder Jüterbog ausweichen, um dort einen Ablass käuflich zu erwerben, als dem Herrn Professor in Wittenberg beim Predigen zuzuhören. Die Folgen sind bekannt.

Auch Pegida-Anhänger sind Ungläubige

In all den politischen Auseinandersetzungen der folgenden Jahre spielen die Türken immer wieder eine Rolle, denn beide Lager, Reformatoren wie auch Papsttreue, werfen sich gegenseitig vor, mit den Türken paktieren zu wollen. Luther selbst greift in die Auseinandersetzungen ein, mit drei Schriften, die aus heutiger Sicht ganz klar als türkenfeindlich gelten müssen. Das wird gelegentlich mit einem Hinweis auf die damalige Zeit und die reale Bedrohung durch das osmanische Reich erklärt, ist aber wohl doch eher eine verschämte Ausrede.

Als nämlich 1529 die Türken dem Abendland bedrohlich nahe gekommen sind, mit der Belagerung von Wien, da ist es ausgerechnet  einer der Widersacher von Luther, der Humanist Nikolaus von Kues, der für religiöse Toleranz und Versöhnung mit dem Islam eintritt. Luthers Äußerungen, sowohl zu den Juden, wie zu den Türken zeigen, dass diese Idee einer religiösen Toleranz im Weltbild des Wittenberger Reformators keinen Platz hatte.

Wenn jetzt also diese Luthertexte in der aktuellen Diskussion um eine sogenannte Islamisierung des Abendlandes als Beleg angeführt werden mit der These, Luther habe das eigene Volk vor Überfremdung schützen wollen, so ist das historisch nicht korrekt, oder klarer formuliert, eine Täuschung. Aus Luthers Sicht sind die Türken eine Geißel Gottes, um die Christen zu züchtigen und für ihre Gottlosigkeit zu strafen. Für Luther entscheidend ist der Umstand, dass die Türken keine Christen sind und damit aus seiner Sicht ungläubig. Unter dieses Verdikt würde übrigens auch die Mehrzahl der montäglichen GIDA-Demonstranten fallen, mögen die auch schwarz-rot-goldene Kreuze vor sich her tragen, um das Abendland zu retten.

Kein Vorbild für Toleranz

Begriffe wie „Volk“ oder „Nation“ spielen in Luthers Denken keine besondere Rolle, auch wenn er mit der Bibelübersetzung eine Grundlage für die Entwicklung der deutschen Kulturnation legt. Auf der anderen Seite gilt aber auch, Toleranz kann man von Luther nicht lernen. Aber Martin Luther hatte ein feines Gespür für Quacksalber und Scharlatane. Denn die modernen Ablasshändler heutzutage agieren wie ihre historischen Vorbilder:  Erst düstere Höllenszenarien entwerfen und dann Kasse machen, doch diesmal nicht mit Seelen- sondern mit Stimmenfang. Es ist eben sehr viel bequemer, sich mit einfachen Antworten zufrieden zu geben, als auf dem harten Gebälk der Realität sich mühselig voranzutasten.

Übrigens der Türkenfeldzug, für den Johannes Tetzel angeblich Ablass gewährte, kam nie zustande. Das Geld strich sich stattdessen Kardinal Albrecht ein. Der hatte sich Bischofstitel gekauft und musste nun das geliehene Geld wieder an die Banker zurückzahlen, mit Zinsen natürlich. Johannes Tetzel selbst hatte weniger Glück. Er starb bereits 1519, allerdings nicht durch türkische Invasoren, sondern an der Pest.

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