Datenwoche Trockenheit Warum trockener Boden und Starkregen keine gute Kombi sind

Julia Heundorf
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Ein ausgetrockneter Boden braucht viel Wasser. Doch Starkregen kann dann mehr Schaden als Nutzen anrichten: Zu trockener Boden kann den Regen nicht aufnehmen, es drohen Sturzfluten und Überschwemmungen. Ein Wissenschaftler erklärt, wie Landwirte und Kommunen damit umgehen können. Teil 6 der Datenwoche Trockenheit.

Collage: Blitz an Wolkenhimmel und augetrockneter Boden
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MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Beisecker, Sie haben gemeinsam mit Kollegen in einer Studie für das Umweltbundesamt in Dessau untersucht, was passiert, wenn Starkregen auf trockenen Boden trifft. Warum ist das überhaupt ein Problem? Was ist die Gefahr?

Richard Beisecker: Trifft Starkregen auf ausgetrockneten Boden, fließt das Wasser häufig an der Oberfläche ab. Die trockene und verkrustete Bodenoberfläche kann das Regenwasser nicht aufnehmen. Das nennt man Hydrophobie. Das Wasser versickert dann nur in den Rissen und Wurzelbahnen.

Je weniger feucht der Boden von Anfang an ist und je weniger Humus er enthält, desto gefährlicher ist ein Starkregen für den Boden. In abschüssigen Gebieten können Sturzfluten und Überschwemmungen die Folge sein – obwohl die Böden noch nicht wassergesättigt sind.

Zur Person: Richard Beisecker

Richard Beisecker ist promovierter Agrarwissenschaftler. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Ingenieurbüros für Ökologie und Landwirtschaft, das im Auftrag des Umweltbundesamtes in Dessau die Studie "Veränderungen der Wasserausnahmen und -speicherung landwirtschaftlicher Böden und Auswirkungen auf das Überflutungsrisiko durch zunehmende Stark- und Dauerregenereignisse" durchführte. Richard Beisecker arbeitet schwerpunktmäßig zu den Themen Boden- und Gewässerschutz, Agrar- und Umweltberatung, Umweltplanung, Projektleitung und Projektmanagement. Die Studie verfasste er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Beratungsunternehmen Ramboll und Hydor.

lachender Mann mit dunklem Hemd am Schreibtisch
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Die Studie haben Sie im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführt und im Mai publiziert. Warum ist das Thema aktuell?

Gerade in den letzten Trockenjahren ist es vermehrt zu erheblichen Schäden aufgrund von Sturzfluten und Überschwemmungen in Mittelgebirgsregionen gekommen. Das Regenwasser versickert nicht schnell genug. Stattdessen fließt es über das Feld und trägt den Boden ab. Es kommt zu Bodenerosion.

Das Ausmaß der Sturzflut ist abhängig von der Bodenbedeckung und davon, wie schnell die Bodenoberfläche verschlämmt. Unbedeckte Böden verschlämmen viel schneller als Böden mit Pflanzenbewuchs oder Mulch. Sommerkulturen wie Mais oder Zuckerrüben entwickeln sich im Frühjahr erst langsam und lassen die Erde lange unbedeckt. Man braucht aber mindestens 30 Prozent Oberflächenbedeckung, damit das Wasser besser in den Boden einsickert, anstatt abzufließen.

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Was können Landwirte dagegen tun?

Konkret sollten Landwirte durch geeignete Fruchtfolgen und Zwischenfrüchte dafür sorgen, dass der Boden möglichst das ganze Jahr über bedeckt ist – mit mindestens 30 Prozent. Außerdem sollen sie die Stabilität der Bodenaggregate verbessern sowie Verdichtungen und Oberflächenverschlämmungen vermeiden. Das erreicht man unter anderem mit Mulch- oder Direktsaat, Zwischenfrüchten, Untersaaten oder Erosionsschutzstreifen im Feld.

Um Sturzfluten auf den Feldern zu verhindern, müssen Kommunen oder Gebietskörperschaften ebenso etwas tun. Sie können Maßnahmen treffen, um den Abfluss zu lenken oder zu verzögern.

Wer muss außerdem handeln? Welche Maßnahmen muss die Politik treffen?

Wir haben rechtliche Steuerungsmaßnahmen untersucht und die vorhandenen Fördermaßnahmen bewertet. Das hat gezeigt, dass Gesetzgeber und Politik konkrete und umsetzbare Vorgaben gesetzlich festlegen und durch Förderprogramme unterstützen müssen.

Rechtlich müsste es zum Beispiel Anpassungen im Bodenschutzgesetz geben. Da geht es im Artikel 17 um die "Gute fachliche Praxis in der Landwirtschaft". Dieser Artikel müsste ergänzt werden um einen Punkt, der die Wasseraufnahmefähigkeit und -speicherkapazität konkret benennt. Dann würden diese Aspekte stärker in den Fokus gerückt.

Wir empfehlen in unserer Studie auch, dass die Hochwasserentstehungsgebiete bundesweit erfasst werden und dass die Landesregierungen dazu verpflichtet werden, solche Gebiete auszuweisen und darin geeignete Maßnahmen festzulegen.

Auch bei Förderprogrammen gibt es noch Handlungsspielraum. Die Auszahlung von Direktzahlungen sollte nur erfolgen, wenn von den Landwirten Maßnahmen zur Verbesserung der Wasseraufnahme umgesetzt werden. Man könnte konkrete Gefährdungsgebiete benennen und dort gezielt fördern. Es fehlen bisher auch konkrete Zielwerte.

Sind sich Landwirte des Problems bewusst und handeln sie entsprechend?  

Das ist zwiespältig und widersprüchlich. Zum einen ist Landwirten durchaus bewusst, dass das Wasser bei Starkregen an der Oberfläche abläuft und dass sie dadurch Bodenmasse und -qualität einbüßen. Viele Landwirte arbeiten schon dementsprechend und versuchen ihre Böden mit geeigneten Anbauverfahren zu schützen, bauen etwa Zwischenfrüchte an oder setzen konservierende Bodenbearbeitungssysteme ein.

Es werden aber längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Vor allem die 30 Prozent Bodenbedeckung bei Mais und Zuckerrübe werden selten erreicht. Im Zweifel wird arbeits- und betriebswirtschaftlichen Zwängen nachgegeben.

Müssen wir uns in Sachsen-Anhalt und Mitteldeutschland in Zukunft weiterhin auf Extremwetter mit anhaltender Trockenheit und vereinzelten Starkregen und Gewittern einstellen?

Ja. Alle Klimaszenarien und Modellrechnungen zeigen, dass es aufgrund der bereits zu beobachtenden und nachgewiesenen Klimaänderungen in Zukunft vermehrt zu Extremwetterereignissen kommt. Diese sind bereits statistisch nachweisbar. Es wird in Zukunft entscheidend darauf ankommen, rechtzeitig entsprechende Anpassungsmaßnahmen umzusetzen, gerade auch in der Landwirtschaft, um langfristig die hohe Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu sichern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Julia Heundorf.

Mehr zur Datenwoche Trockenheit

MDR SACHSEN-ANHALT sucht in der Datenwoche zum Thema Trockenheit in Sachsen-Anhalt nach Antworten, spricht mit Landwirten und Wissenschaftlern über Trockenheit und Dürre.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 31. Mai 2020 | 19:00 Uhr

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