Drogenermittlungen gegen armenische Mafia Angeklagter vor Prozess am Landgericht Erfurt untergetaucht

Vor anderthalb Jahren fasste das Thüringer Landeskriminalamt zwei mutmaßliche armenische Drogenhändler in Erfurt. Nur Monate später ordnete ein Gericht ihre Freilassung aus der Untersuchungshaft an. Weil keine Fluchtgefahr bestehe, hieß es dazu. Nun ist einer von den Angeklagten verschwunden.

Das Erfurter Landgericht von außen
Landgericht Erfurt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Coronavirus macht offenbar auch mutmaßlichen Kriminellen zu schaffen. Der gebürtige Armenier David M. aus Erfurt sitzt derzeit irgendwo im Ausland. Zurück nach Deutschland kann der 28-Jährige angeblich nicht, weil die Reiseverbote in Coronazeiten das verhindern würden. Das jedenfalls soll, nach Informationen von MDR THÜRINGEN, die Version von David M. sein, warum er am 20. April nicht zu seinem Prozess am Landgericht Erfurt erscheinen konnte. Dort sollten er und sein mutmaßlicher Komplize Artak W. sich wegen des Handels mit Drogen verantworten.

Die beiden Männer waren im Herbst 2018 von Fahndern des Landeskriminalamtes mit knapp 40 Kilo Drogen erwischt worden. Noch vor Weihnachten desselben Jahres ordnete das Amtsgericht Gera die Entlassung der beiden aus der Untersuchungshaft an. Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass keine Flucht-und Wiederholungsgefahr bestehe. Die für Organisierte Kriminalität zuständige Staatsanwaltschaft Gera legte umgehend Beschwerde ein, aber erfolglos. Im vergangenen Jahr erhob die Staatsanwaltschaft dann Anklage am Landgericht Erfurt gegen die beiden.

Staatsanwaltschaft bestätigt Untertauchen

Doch im Februar dieses Jahres, also knapp drei Monate vor Prozessbeginn, verschwand David M. aus Thüringen. Das bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera auf Anfrage. Zu den Umständen des Untertauchens wollte er sich aus "ermittlungstaktischen Gründen" nicht äußern. Nach MDR THÜRINGEN-Recherchen hat sich M. ins Ausland abgesetzt. Damit hätte er auch gegen Auflagen verstoßen, die er bei seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft vom Gericht bekommen hatte. Angeblich wolle er auch zurückkommen, doch die Coronakrise hindere ihn daran, soll er inzwischen übermittelt haben. Seine Anwältin reagierte auf wiederholte Anfragen von MDR THÜRINGEN nicht.

Spur könnte nach Frankreich führen

Dabei könnte die Spur von David M. nach Frankreich führen, genauer gesagt nach Lyon. Denn dorthin hatte er sich im Juli 2014 abgesetzt, gut eine Woche nach der blutigen Schießerei mehrerer armenischer Mafiaclans vor einer Spielothek in Erfurt. David M. war damals, in der Nacht des 13. Juli, am Tatort. Auf Überwachungsvideos von Kameras in und vor dem Gebäude ist er zu erkennen. Nur wenige Tage nach der brutalen Auseinandersetzung verschwand M. aus Thüringen, das bestätige er später LKA-Ermittlern in einer Zeugenvernehmung Ende Juli 2014, die MDR THÜRINGEN vorliegt. Er sei von einem Freund aus Apolda, wo seinen Eltern lebten, ins knapp 1.000 Kilometer entfernte französische Lyon gebracht worden.

Bild einer Überwachungskamera.
Die Schießerei vor einer Spielothek im Juli 2014 in Erfurt - aufgenommen von einer Überwachungskamera Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angeblich eine ganz normale Reise. Er habe dort Freunde und die wollte er besuchen, sagte M. damals den Beamten. Die Ermittler aber hegten den Verdacht, dass M. nach dem blutigen Vorfall in Erfurt aus Angst vor Racheakten der rivalisierenden armenischen Mafia-Clans aus Leipzig und Berlin untertauchen wollte. Sieben Tage später reiste M. wieder zurück nach Thüringen. Später kamen er und acht weitere Männer wegen der Schießerei vor Gericht. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, aus Mangel an Beweisen.

Kontakte zu armenischen Mafia-Bossen

Die Spur nach Frankreich hat Brisanz: Nach MDR THÜRINGEN-Recherchen haben mehrere mutmaßliche armenische Mafia-Clans in Thüringen gute Verbindungen dorthin. Laut europäischer Polizeibehörde EUROPOL und Bundeskriminalamt sitzen hochrangige Bosse der armenischen Mafia in Frankreich und Belgien. Bei ihnen handelt es sich um "Diebe im Gesetz", die höchsten Autoritäten russisch-eurasischer Mafia-Gruppen, zu denen auch die armenische Mafia gerechnet wird.

David M. hatte schon in seiner Jugend mit anderen Armeniern eine Straßen-Gang mit dem Namen "Joker" in Erfurt gegründet. Die Bande stand im Verdacht im Schutzgeld-Geschäft und bei Erpressungen aktiv gewesen zu sein. "Joker" löste sich vor zehn Jahren auf, aber die meisten Mitglieder waren weiter in kriminelle Aktivitäten verstrickt. Offiziell arbeitete David M. in einem griechischen Restaurant in Erfurt, das von zwei armenischen Brüdern geführt wird. Beide stehen im Verdacht zu den Führungsköpfen eines armenischen Mafiaclans zu gehören und waren an der Schießerei 2014 beteiligt.

Ähnelt dem Fluchtfall "Labinot K."

Porträt des Angeklagten Labinot K.
Labinot K. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Untertauchen von David M. und die Entscheidung des Gerichts, ihn auf freien Fuß zu setzen, dürfte bei Ermittlern unangehme Erinnerungen an einen anderen Fall in Thüringen wecken: Monatelang hatten Fahnder der Kripo Erfurt gegen eine Einbrecherbande ermittelt, die 2015 und 2016 in und um Erfurt in hunderte Einfamilienhäuser eingestiegen war. Eine Sonderkomission fasste dann mit Labinot K., den Kopf der Gruppe. Aber auch er wurde noch während des Gerichtsverfahrens aus der Untersuchungshaft entlassen, und zum Ärger der Polizei verschwand er. Im Oktober vergangenen Jahres wurde er vom Landgericht Erfurt in Abwesenheit zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Doch inzwischen ist er wieder aufgetaucht - in einem belgischen Gefängnis. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Erfurt, Hannes Grünseisen, hat das bestätigt. Aus welchem Grund K. in Belgien festgenommen wurde, sei nicht bekannt. Labinot K. soll sich in Thüringen aber noch vor einem Gericht verantworten müssen. "Wir haben bei den belgischen Behörden einen Auslieferungsantrag gestellt", sagte Grünseisen. Die Staatsanwaltschaft habe einen europäischern Haftbefehl erlassen, nicht wegen des Einbruchsverfahrens. K. werde sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen, es liege auch eine Anklage gegen ihn vor, so der Sprecher. Labinot K. soll 2016 die sechs- und neunjährigen Kinder einer damaligen Freundin missbraucht haben. Wann er sich dafür vor einem Gericht in Thüringen verantworten muss, ist aber noch nicht klar.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 23. Mai 2020 | 18:00 Uhr

11 Kommentare

Ein Linker Zensor vor 7 Wochen

Das Merkel auch einmal konservativ haben Sie scheinbar vergessen, im Netz gibt es haufenweise Beispiel dafür, nur davon will diese Frau nichts mehr wissen.
Wendehälse mit einem Kugellager im Hals sind das.

Edelkomparse vor 7 Wochen

Ausländischer Straftäter = keine Heimatbindung = keine Fluchtgefahr? Auch Sie sehen glücklicherweise, dass das überhaupt nicht passt! Und ich möchte auch einem Vorredner Recht geben: es ist gerade in den letzten fünf Jahren nicht nur gefühlt tatsächlich so, Täter werden geschützt, Opfer verhöhnt. Und der vorletzte Justizminister war bekanntermaßen mehr mit dem Auslandsaufenthalt seines Sohnes beschäftigt als mit seiner eigentlichen Tätigkeit. Und der "Neue" hat von Juristerei keinen Dunst.

martin vor 7 Wochen

@copper: Nicht die gesamte Judikative. Falls Sie Menschen, die dort arbeiten persönlich kennen, können Sie ja mal deren Meinung dazu hören. Die Mehrheit dürfte das in den Fällen nicht anders als Sie sehen.

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