Wissen, was wir lesen Ava im Land der Zukunft oder Wie künstliche Intelligenz funktioniert

Matthias Vorndran
Bildrechte: Tobias Thiergen

Künstliche Intelligenz ist längst fester Bestandteil unseres Alltags, doch unser Wissen darüber bestenfalls lückenhaft. Kann dieses Buch weiterhelfen? MDR WISSEN-Redakteur und Vater Matthias Vorndran sagt: Ja, und wie!

Buchcover Ava im Land der Zukunft
Bildrechte: Helvetiq Verlag

Worum geht es?

Junge Eltern kennen den Moment und wissen in der Regel nicht, ob sie fasziniert oder erschüttert sein sollen: Bereits im Kleinkindalter nähern sich die lieben Kleinen neugierig und ohne jede Vorbehalte technischen Geräten (bevorzugt Mamas oder Papas Smartphone), bedienen sie instinktiv richtig, spielen und flirten angstfrei mit Benutzeroberflächen, Sprachsteuerungen und künstlichen Intelligenzen. Ebenso vertraut ist den meisten von uns die Erkenntnis, dass wir (Kita-Erzieher und Lehrer inklusive) kaum über das Wissen und die didaktischen Methoden verfügen, den Kindern diese Welt, in die sie hineingeboren wurden, zu erklären und ihnen den "richtigen" Umgang damit zu vermitteln.

"Ava im Land der Zukunft" unternimmt nichts Geringeres als den Versuch, all das zu leisten. Es erzählt aus der Perspektive des Schulkindes Ava, in deren Zuhause gerade Roboter Emilie eingezogen ist, die Entstehungsgeschichte künstlicher Intelligenz, beschreibt wissenschaftshistorische Meilensteine wie den Turing-Test oder den Sieg des Schachcomputers Deep Thought über Großmeister Bent Larsen, beleuchtet ausführlich Risiken, Chancen und Gefahren, schlägt dabei aber immer wieder den Bogen zur Lebenswirklichkeit der Kinder und liefert so aus wissenschaftlicher, technologischer und nicht zuletzt philosophischer Perspektive einen nachhaltigen Einblick in das Thema.

Diese Doppelseite zeigt die Erfolge von Künstlicher Intelligenz bei Spielen. Auf der linken Seite wird der Sieg des Computers über den Schachweltmeister Kasparow gezeigt. Die rechte Zeit bildet die Meilensteine in den Spielen Go (2016) und Poker (2018) ab.
Wie Künstliche Intelligenz mit den komplexen Strukturen von Spielen umgeht. Bildrechte: Helvetiq Verlag

Wie schafft es das Buch, mich zu fesseln?

"Ava im Land der Zukunft" wagt viel – und gewinnt. Es ist Sachbuch, spannende Entwicklungsgeschichte und Graphic Novel zugleich. Im fast quadratischen Großformat eines Bilderbuches gestaltet, eignet es sich genauso für kurze Vorlese-Sessions zu einem Thementeil wie für das selbständige Stöbern durch die in einem enorm abwechslungsreichen Comicstil gehaltenen Bilderwelten. Dem Buch gelingt so das Kunststück, das umfangreiche und vielschichtige Wissen zum Thema ohne lange Textpassagen mit einer spielerischen und spannenden Leichtigkeit zu vermitteln, die es mir als Vater leicht macht, meine Kinder dem Buch zu überlassen, und das nicht zuletzt wegen der hier gebotenen didaktischen Sorgfalt sicher über Jahre hinweg.

Denn "Ava im Land der Zukunft" ist keineswegs ein Buch für kleine Nachwuchs-Nerds. Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht stets der Mensch, bei der Darstellung des historischen Backgrounds zum Beispiel in Gestalt von Wissenschaftlerpersönlichkeiten und der Schilderung ihrer Ideen, Ziele und auch ihres gelegentlichen Scheiterns. Der Komplexität der Fakten stellt das Buch mit comic-hafter Leichtigkeit immer wieder die menschliche Sichtweise entgegen: Was bedeuten die neuen Technologien für uns? Wie gehen wir am besten damit um? In welchen Lebensbereichen können wir Hilfe erwarten, welche Risiken und ethische Dilemmata drohen, zum Beispiel beim Thema "Autonomes Fahren"?

Die Doppelseite zeigt links in fünf Zeichnungen die Situation, dass ein autonomes Auto entscheiden muss zwischen der Verletzung von Kindern und der des Fahrers. Auf der rechten Seite zeigt eine moderne Version von Leonardos "Mensch als Maß aller Dinge" mit elektronischen Gadgets, die die Kreise umgeben.
Auch mögliche Probleme künstlicher Intelligenz spart das Buch nicht aus. Bildrechte: Helvetiq Verlag

Wer hat's geschrieben?

Der polnische Wissenschaftler Ryszard Tadeusiewicz ist Experte für Automatisierung und IT sowie Professor für Ingenieurwissenschaften. Er ist spezialisiert auf Robotik, Biokybernetik und biomedizinische Technik. Ihm zur Seite standen die Journalistin Maria Mazurek und nicht zuletzt Illustrator Marcin Wierzchowski und die Übersetzerin Martina Polek. Die vier schufen 2017 bereits das ebenfalls bei Helvetiq erschienene Buch "Avas Traum oder Wie das Gehirn funktioniert". Im Bereich Sachliteratur für Kinder kann man hier ohne Übertreibung von einem Dreamteam sprechen.

Buchcover Ava im Land der Zukunft
Bildrechte: Helvetiq Verlag

Die Daten zum Buch Ryszard Tadeusiewicz, Maria Mazurek, Marcin Wierzchwoski (Illustration), Martina Polek (Übersetzung): Ava im Land der Zukunft oder: Wie künstliche Intelligenz funktioniert, Helvetiq Verlag 2020, 80 Seiten, 19 €, 978-2-940481-92-7

Wie ist es geschrieben?

In diesem Fall greift die Frage zu kurz, denn der Schreibstil ist nur einer von einer ganzen Reihen von Aspekten, die dieses Buch zu etwas Besonderem machen. Die umfassende, aber immer kindgerechte Vermittlung von Fakten, das gelungene, unterhaltsame und nie allzu sachliche Storytelling, die geradlinige, stets verständliche, aber präzise Sprache und die sich mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen Comic und Erklärgrafik bewegenden Bilderwelten vereinen sich – Sachbuch hin oder her – zu einem Gesamtkunstwerk, das im Bereich Wissenschaftsliteratur für Kinder neue Maßstäbe setzt. 

Ava als zentrale Protagonistin führt dabei erfrischend zurückhaltend durch das Buch, ohne jemals allzu pseudo-cool, altklug oder nervend zu wirken. Das Buch ist in jedem Moment kindgerecht, umschifft aber gekonnt die (aus Sicht der jungen Zielgruppe mit Sicherheit tödlichen) Klippen der Anbiederung. In dieses Buch kann Kind sich vertiefen, kann stöbern, Spaß haben, eigene Gedanken und Fragen zum Thema entwickeln, immer wieder Neues entdecken und auf diese Weise lernen, ohne das Gefühl zu haben, lernen zu sollen. Besonders hervorzuheben sind die Verweise auf weiterführenden, lohnenswerten Lesestoff zum Thema – wie zum Beispiel die Science-Fiction-Klassiker von Stanislaw Lem.

Die Abbildung zeigt in mehreren Zeichnungen zeigt die Programmierung eines Psychoanalyse-Bots, der es in den 70er Jahren schaffte, einem Psychoanalytiker die Anwesenheit eines menschlichen Gegenübers vorzutäuschen.
Der Turing-Test Bildrechte: Helvetiq Verlag

Was bleibt hängen?

Bei aller Selbstverständlichkeit, mit der Menschen jeden Alters mit künstlichen Intelligenzen leben, schärft das Buch das Bewusstsein für das Spannungsverhältnis, das aus diesem Zusammenleben entsteht: Was unterscheidet uns Menschen von Maschinen, wenn sie uns hinsichtlich Intelligenz und "Rechenleistung" inzwischen nahezu ebenbürtig sind? Wieviel Macht können und wollen wir Maschinen und Algorithmen geben? Können, dürfen wir Maschinen zum Beispiel moralisch-ethische Urteile überlassen?

Am Ende der Geschichte blickt Ava gerührt auf ihre Familie und ist dankbar für die Fähigkeit, "sich für die Welt zu begeistern, zu lieben, Sehnsucht zu empfinden, zu träumen". Roboterin Emilie meint Traurigkeit zu erkennen und bietet Ava ein Taschentuch an.

Auf dieser Doppelseite werden die Verarbeitung visueller Reize (in diesem Fall eine Katze) durch das Gehirn und neuronale Netze einander gegenübergestellt.
Selbst komplexe Zusammenhänge werden anschaulich und mit großer Liebe zum Detail erklärt. Bildrechte: Helvetiq Verlag
Matthias Vorndran
Bildrechte: Tobias Thiergen

Der Rezensent Matthias Vorndran, Jahrgang 1970, war Reporter, Redakteur und Moderator bei den Jugendradios MDR SPUTNIK und FRITZ vom RBB, bevor er (auch, aber nicht nur aus Altersgründen) zu MDR WISSEN wechselte. Als Vater von zwei Töchtern weiß er, dass "von etwas Ahnung haben" und "Wissen vermitteln können" zwei grundlegend verschiedene Dinge sind – und ist deshalb mehr als dankbar für dieses Buch.

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