Biodiversität Umweltschonende Landwirtschaft: Es geht voran, aber nur freiwillig

Um bedrohte Arten und das Klima zu schützen, ist ein großes Umdenken in der konventionellen Landwirtschaft notwendig. Dabei geht es auch ums Überleben der Bäuerinnen und Bauern. Die handeln bisher eher freiwillig und behelfen sich mich Hi-Tech – aber eigentlich sollte die Europapolitik am Zug sein.

Trockener Acker mit großem Traktor samt angehängtes Gerät. Im Hintergrund ein paar gefärbte Laubbäume- Aufnahme aus Bodennähe.
Trekker mögen cool sein – für die ohnehin ausgedörrten Böden gestalten sich die tonnenschweren Maschine aber alles andere als günstig. Bildrechte: imago/Martin Wagner

Dass Umweltschutz und konventionelle Landwirtschaft es nicht so leicht miteinander haben, gehört zweifelslos in den Problem-Kanon zum Klimawandel. Riesige Flächen mit Monokulturen wirken eben wenig anziehend auf das, was fliegt, kreucht und fleucht. Ist auch sonst nicht viel zu holen: Statt einer Humusschicht, in der viele Bodenlebewesen Stickstoff produzieren, liefern chemische Düngemittel Nährstoffe und zu Beginn einer neuen Saat wird der Acker mit Pflanzenvernichtungsmitteln besprüht, damit auch kein Kräutlein wächst, dass da nicht hingehört (und möglicherweise für ein bisschen Vielfalt sorgen könnte).

Auf Dauer kann aber niemand Natur ernten, wer keine säht, könnte man sagen. Forschende beobachten längst ein Umdenken in der Landwirtschaft. Oder sagen wir: Der Klimawandel erzwingt eine Verhaltensänderung. Viele Böden wurden so lange mit Maschinen bearbeite, dass sie nicht mal mehr genügend Wasser speichern können, selbst wenn es ausreichend regnet. Wer also weiter mit seinem Boden Geld verdienen möchte, MUSS umdenken und auf Artenvielfalt auf dem Acker setzen. Blühstreifen sind da erst der Anfang.

Traktor auf einem Feld 4 min
Bildrechte: imago images/Cavan Images
Traktor auf einem Feld 4 min
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Wolfgang Grübler setzt auf umweltschonende High-Tech: Das Führerhaus des Traktors ist eine Art Mission Control, mit allen wichtigen Informationen auf Bildschirmen. Ein Rechner empfängt den Chlorophyllgehalt, entscheidet in Sekundenschnelle, wie viel Düngemittel in Form von Stickstoff sie benötigen und gibt nur so wenig wie nötig aufs Feld. Grübler: "Wir haben eine bessere Qualitätsernte und wir haben die Pflanze so versorgt, wie sie es benötigt und wir schonen die Umwelt."

Präzisionslandwirtschaft nennt sich das Ganze und ist mittlerweile weitverbreitet. Aber das alleine reicht noch nicht, für mehr Artenschutz auf dem Acker.  Zum Beispiel beim Humus, der oberen, fruchtbaren Bodenschicht, "Der wichtigste Aspekt ist natürlich der Humusgehalt der Böden, der durch andere Bewirtschaftung erhöht werden kann", erläutert Bodenexperte Hans-Jörg Vogel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle (UFZ).

Humus ist ein Muss

Diese Schicht ist der Dreh- und Angelpunkt für Artenvielfalt und letztlich auch für eine gute Ernte. Denn eine gesunde, dicke Humusschicht liefert Nährstoffe und schützt den Boden und alle Lebewesen darin vor Trockenheit. Statt Humus aufzubauen, nutzen Landwirtinnen und -wirte aber vor allem Düngemittel, um den Acker fruchtbar zu halten, erklärt der Abteilungsleiter Bodensystemforschung. Und er macht auf ein weiteres Problem aufmerksam.  Die Böden werden immer härter. Schwere Landmaschinen machen den Acker unterhalb Oberschicht so dicht, dass sich Tiere da kaum noch reingraben können.

Und letztendlich haben die Umwelt und gefährdete Arten auch keine Wählerstimmen.

Sebastian Lakner Agrarökonom

Vogel sieht die Verantwortung bei den Landmaschinen: "40 Tonnen plus, die verdichten allein durch ihr Gewicht. Und da helfen breite Reifen auch nix. Diese Verdichtungen wieder zu beheben ist relativ schwierig und langwierig." Die Pflanzen können dadurch außerdem nicht mehr so tief wurzeln. Vor allem aber fließt das Regenwasser vom Acker ab, ohne in den Boden einzudringen, beobachtet Vogel. Bei einem Starkregen wird der Acker zum See. "Deshalb wird der Unterboden in der Landwirtschaft gerade für das Management in trockenen Zeiten immer wichtiger."

Wechselnde Fruchtfolgen sind außerdem wichtig für die Artenvielfalt. Blühstreifen am Ackerrand, Bodendecker im Winter, damit die obere Krume nicht weggeweht wird oder Baumreihen, die Schatten spenden und den Wind stoppen – Landwirtinnen und -wirte fordern für all das aber auch finanzielle Unterstützung. Und da ist die EU gefragt. Die gemeinsame Agrarpolitik, kurz GAP, regelt die Förderung. Doch die wird von Forschenden stark kritisiert, zum Beispiel von Agrarökonom Sebastian Lakner:

Die Politik-Mühlen mahlen langsam

"Es gibt von vielen Beobachtern, die auch schon etwas älter sind, den Befund, dass sich die Agrarpolitik nur sehr langfristig und nur mit erheblichem Druck reformieren lässt. Häufig dauert es bis zu 30, 35 Jahre, bis wirklich wissenschaftliche Befunde in der Politik Niederschlag finden", erklärt Lakner. Vor allem die sogenannte Direktzahlung steht in der Kritik. Sie macht 70 Prozent der Subventionen für Landwirtinnen und -wirte aus und wird pro Hektar ausgezahlt. Forschende fordern schon seit Jahren, das zu ändern. Doch es tut sich nichts. Die GAP sei wie ein Tanker, der sehr lange braucht um die Richtung zu wechseln. Lakner: "Und letztendlich haben die Umwelt und gefährdete Arten auch keine Wählerstimmen."

Was sind Direktzahlungen?

Sie sind laut Bundeslandwirtschaftsministerium das Kernelement der EU-Agrarpolitik und sollen helfen, die Landwirte unabhängig von der Produktion abzusichern. Sie werden meist pauschal gezahlt, enthalten aber auch konkrete Verpflichtungen etwa für "dem Klima- und Umweltschutz förderliche Landbewirtschaftungsmethoden". Geknüpft sind die Zahlungen an die Einhaltung von Umwelt-, Gesundheits- und Tierschutzstandard.

Bodenexperte Hans-Jörg Vogel indes beobachtet, dass die Landwirte selbst immer stärker auf Arten und Klimaschutz setzen. Sie merken, wie wichtig eine dicke, schützende Humusschicht in Zeiten der Erderwärmung ist. Denn mit ausgelaugten, trockenen Böden, können sie eben kein Geld verdienen.

af/mdrwissen

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