Potentiell gefährlich Achtung Asteroid - 1998 OR2 rast an der Erde vorbei

Es ist das dickste Ding, das 2020 an der Erde vorbei rauscht: der Asteroid "1998 OR2". Obwohl ziemlich groß, ist er ungefährlich für uns, sagt die NASA, die die Umflaufbahn solcher Himmelskörper beobachtet, sonst hätte sie vor ihm gewarnt. Übrigens: Nicht immer klappt es mit dem folgenlosen Vorbeiflug - 1888 starb bei einem Meteoriteneinschlag ein Mann. Das haben türkische Forscher jetzt herausgefunden.

Illustration Asteroid
Eine NASA-Illustration zeigt wie er aussehen könnte: 1998 OR2 Bildrechte: NASA/JPL-Caltech

An der Erde fliegt heute ein gewaltig großer Asteroid vorbei und zwar in 6,3 Millionen Kilometer Entfernung. Der Gesteinsbrocken heißt 1998 OR2. 6,3 Millionen Kilometer - das ist astronomisch gesehen wenig, aber trotzdem ziemlich weit weg, 16 Mal so weit wie der Mond (zwischen Erde und Mond liegen im Schnitt 384.400 Kilometer).


1998 OR2 ist ein NEO - ein erdnahes Objekt

Trotzdem gilt er als so genannter NEO, ein "near earth object", also erdnahes Objekt. Alle NEOs mit einem Durchmesser über 140 Metern gelten als potentiell gefährliche Asteroiden. Die NASA schätzt, dass 1998 OR2 zwischen 1,8 und 4,1 Kilometer breit ist. Damit ist er groß genug, um der Erde bei einer Kollision gefährlich zu werden - aber tatsächlich ist er harmlos, weil weit genug weg.

Der Vorbeiflug dieses Mal lässt sich mit einem guten Teleskop beobachten. Wer keines hat, nutzt einen livestream, der das himmlische Event heute um 20:30 Uhr zeigt. Wer 1998 OR2 heute verpasst, braucht einen langen Atem: Das nächste Mal kommt er erst wieder im April 2079 an der Erde vorbei. Dann allerdings viel näher, nur vier Mal so weit entfernt wie der Mond.

Nicht immer gehen Begegnungen von Himmelskörpern und der Erde so glatt: Im Februar 2012 war ein Meteorit 20 Kilometer über der Erde geborsten und nahe der russischen Stadt Tscheljabinsk niedergegangen. Der Himmelskörper war mit etwa 65.000 Stundenkilometern auf die Atmosphäre getroffen. Seine Druckwelle verursachte reichlich Schäden auf dem Boden - etwa 1.200 Menschen wurden damals verletzt. Meldungen über Tote durch den Himmelskörper gab es 2012 aber nicht.

Zerborstene Fenster nach Asteroiden-Explosion über Tscheljabinsk Russland
Zerborstene Fenster nach Asteroiden-Explosion über Tscheljabinsk, Russland. Bildrechte: IMAGO

Todesfälle durch Himmelskörper?

Wie es überhaupt noch keinen bestätigten Todesfall durch einen Asteroiden gab. Bisher zumindest. Wissenschaftler der Ege Universität in der türkischen Hafenstadt Izmir - Physiker Dr. Ozan Ünsalan und ein interdiszplinäres Team aus Historikern und Übersetzern - haben nämlich jetzt in drei handschriftlichen Quellen aus dem späten 19. Jahrhundert Hinweise auf den ersten Toten durch einen Meteoriten entdeckt.

Sultan Abdul Hamid II
Sultan Abdul Hamid II. Bildrechte: imago/Artokoloro

Einem der handschriftlichen Manuskripte zufolge hatte ein Mustafa Faik für die Stadt Sulaymaniyah den 34. Sultan des Osmanischen Reiches, Abdul Hamid II., über den Meteoriteneinschlag informiert. Am 22. August 1888 sei in der Region ein Mann getötet und ein weiterer von einem Meteoriten getroffen worden, heißt es darin. Der Meteorit sei von starkem hellen Licht begleitet gewesen, Rauch und Licht seien westlich gezogen. In einem anderen Manuskript wird der Vorfall ähnlich geschildert:

Zehn Minuten lang gingen Meteoriten wie Regen nieder. Ein Mann wurde Mann getötet und ein zweiter niedergestreckt und schwer verletzt.

Studie: Earliest evidence of a death and injury by a meteorite

Von Verletzten sagt dieses Schriftstück nichts. Aber: Bewirtschaftetetes Land (vermutlich waren damit Weide- oder Getreide-Anbauflächen gemeint ) sei verwüstet worden. Ob und wie der Sultan auf diese Mitteilungen reagierte, ist noch nicht bekannt. Ein Schriftstück, das die Forscher fanden, weist aber darauf hin, dass der Großwesir von Zypern, Mehmed Kamil Pascha, einen Brief mit einem Steinstück geschickt bekam. Keines der Schriftstücke gibt Hinweise auf Größe und Geschwindigkeit der Himmelskörper. Der Ort des Niedergangs liegt nach Berechnungen der türkischen Forscher in der Region Sulaymaniyah, der heutigen gleichnamigen Universitätsstadt im Irak.

Sulaymaniah damals - heute

Historische Gravur Sulaymaniyah um 1900
Bildrechte: Universität Izmir
Historische Gravur Sulaymaniyah um 1900
Bildrechte: Universität Izmir
Iraq - Kurdistan - Sulaymaniyah - ein Junge spiel Fußball auf der Straße
Bildrechte: imago images/Arabian Eye
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Harte Nüsse in Papierform

Alles in allem ziemlich harte Nüsse, diese Manuskripte aus dem späten 19. Jahrhundert. Das fängt an mit der Sprache: Die Aufzeichnungen sind in einem "ottomanischen Türkisch" verfasst, einer Mischung aus Arabisch und Persisch, erklärt Dr. Ozan Ünsalan auf Anfrage von MDR Wissen. Der Physiker forscht seit zehn Jahren über Meteoriten.

Wir haben fast einen Monat für die Übersetzung dieser alten türkischen Begriffe gebraucht. Geschrieben wurde in einer Mischung aus arabischen und persischen Schriftzeichen, aber gesprochen wurde im Alltags-Türkisch von heute.

Dr. Ozan Ünzalan

Und es geht weiter mit dem kalendarischen Wirrwarr, mit drei verschiedenen Zeitrechnungen vom islamischen Kalender Hijri zum julianischen und schließlich gregorianischen Kalender. Bis hin zu den Fundorten: Die Texte enthalten Hinweise auf Siedlungen, die es gar nicht mehr und über die (bislang) keine anderen historischen Informationen vorliegen.

Wir suchen schon seit langem nach Begriffen, die mit Meteoriten zusammenhängen wie Feuerbälle, Steine aus dem Himmel usw..

Dr. Ozan Ünzalan

Dr. Ozan Ünsalan und sein Team hoffen, dass sie noch weitere Belege finden. Das türkische Staatsarchiv ist derzeit noch nicht komplett digitalisiert. Dadurch sind noch längst nicht alle Quellen für die Meteoriten (und andere Forschungsfelder) zugängig für die Wissenschaft. Weitere Meteoritenfunde und Berichte über Tote oder Verwüstungen in Schriftstücken sind möglicherweise also nur eine Frage der Zeit.

Karte Meteorit
Die Karte zeigt, mit dem "x" gekennzeichnet, das Niedergangsgebiet des Meteors von 1888 an. Der Stern zeigt das Gebiet an, in dem der Meteorit offenbar explodiert ist. Bildrechte: Universität Izmir

Die Studie liegt MDR Wissen vor.

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