Wissen, was wir lesen "Im Spiegelsaal": Was ist eigentlich Schönheit?

Inka Zimmermann
Bildrechte: Tobias Thiergen

Zusammen mit dem Wahren und Guten ist das Schöne schon lange ein zentrales Thema für die Philosophie. Und auch die Wissenschaft untersucht, was nun eigentlich Schönheit ist – und warum. Wenn jetzt eine Graphic Novel Philosophie und Wissenschaft zusammenbringt, um das Schöne zu erforschen, dann verdient dieses "Meta-Buch der Schönheit" eine Betrachtung bei MDR WISSEN. Inka Zimmermann hat sich das Buch vorgenommen.

Cover: Im Spiegelsaal
Bildrechte: Avant Verlag

Lippen wie Kylie!

Instagram-Star Kylie Jenner steht mit 24 Jahren an der Spitze eines globalen Imperiums – das auf einer einzigen Sache basiert: Menschen wollen sich immerzu Fotos von ihr ansehen, weil sie sie schön finden. Ein fragiles Geschäftsmodell, könnte man sagen – aber finanziell dürfte Kylie Jenner mittlerweile längst ausgesorgt haben. Höhepunkt der Verehrung: Die #kyliejennerchallenge, bei der man so lange an einem Schnapsglas saugt, bis die Lippen voll und sinnlich geschwollen sind – ganz wie bei Kylie. Enorm trendy!  

Aber woher kommt dieser Drang, möglichst genau einem speziellen Schönheitsideal entsprechen zu wollen? Eins ist sicher: Das steckt in uns allen! Und zwar schon sehr viel länger, als es Plattformen wie Instagram gibt. Liv Strömquist nimmt uns in dieser Graphic Novel mit auf einen extrem kurzweiligen Ritt durch die Kulturgeschichte der Schönheit.

Sechs historische Zeichnungen von Menschen, die in Spiegel blicken. Dazu die Information, dass dies lange Zeit mit Hochmut verbunden wurde.
Hochmut und Herrlichkeit - eine kleine Kulturgeschichte des Spiegels Bildrechte: Avant-Verlag

Kluge Soziolog*innen und Philosoph*innen der Vergangenheit und Gegenwart wurden für dieses Buch als Comicfiguren (wieder) zum Leben erweckt. Und erklären mit einer großen Prise Humor, warum es unser Konzept von Schönheit gibt, was es mit uns und unserem Gehirn macht – und was beispielsweise der Kapitalismus damit zu tun hat. 

Versteckte Substanz

Dieses Buch können Sie locker in unter drei Stunden lesen – einmal aufgeschlagen, fällt es schwer "Im Spiegelsaal" wieder zur Seite zu legen. Denn es ist einfach wahnsinnig kurzweilig! Und das nicht, weil es leichte Kost wäre – ganz im Gegenteil: Liv Strömquist schafft es wie kaum jemand sonst, komplexe sozialwissenschaftliche Theorien so auf den Punkt zu bringen, dass es garantiert jede*r versteht. Außerdem ist dieses Buch extrem akribisch recherchiert. Ein Meisterwerk an versteckter Substanz!

Eine These noch: Wer in diesem Buch blättert, wird sich das Schmunzeln nicht verkneifen können, denn Illustrationen und Texte triefen vor Ironie und Witz – was angebracht erscheint, denn an sich ist Schönheit ja ein absurdes Thema: Sie bringt uns absolut nichts – und erscheint doch so wahnsinnig erstrebenswert. Und dann gibt es auch noch Beauty-Trends, die geradezu evolutionshinderlich erscheinen – Stichwort: Kylies Lippen.

Eine Seite zur Schriftstellerin Susan Sontag, die Fotos als "geisterhafte Spuren" bezeichnete.
Mehr Schein als Sein? Fotos! Bildrechte: Avant-Verlag

Comics gegen das Patriarchat

Liv Strömquist ist neben ihrer Karriere als Autorin auch als Radiomoderatorin tätig. Vielleicht ist ihr Humor deshalb so pointiert. In ihrem Heimatland Schweden ist sie schon lange ein Star – und international ein Hit bei jungen Frauen, die sich mit feministischen Themen beschäftigen. Denn das schwingt in all ihren Comics mit: Es ist klar die Perspektive einer Frau, die unsere Welt seziert und feststellt: Das Patriarchat hat sie verändert. Aber schlecht ist deswegen noch lange nicht alles! Mit dieser Einstellung haben es schon ihre Vorgänger "Der Ursprung der Welt", "I’m every woman" und "Ich fühl’s nicht" zum Erfolg gebracht – und "Im Spiegelsaal" kann in sämtlichen Punkten daran anknüpfen.

Cover: Im Spiegelsaal
Bildrechte: Avant Verlag

Die Daten zum Buch Liv Strömquist: Im Spiegelsaal. Avant-Verlag 2021, 168 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-96445-062-3

Menschliche Momente

Liv Strömquist analysiert, wie die Menschheit mit Schönheit umgeht – und sie fängt dabei ganz weit vorne an – im Alten Testament. Die Anforderung, dass Frauen schön sein müssen, um sich gut zu verheiraten, durchzieht die Menschheitsgeschichte mit einer gewissen Konsequenz. Aber: Nie war der Schönheitsdruck, der auf uns allen lastet, so groß wie heute. Das liegt auch daran, dass wir mit unseren Smartphones immer eine Kamera zur Hand haben – und diese auch nutzen, im Zeitalter des Selfies.

Und eigentlich sind ja viele Schönheitsideale überaus kritikwürdig: Lippen wie Kylie braucht eigentlich niemand, ein etwas weniger voluminöser Mund tut es auch – und trotzdem erwischen wir uns dabei, nun schon eine halbe Stunde lang auf Kylie Jenners Instagram-Kanal gesurft zu sein? Genau diesen menschlichen Moment passt Liv Strömquist ab – und schafft einen inhaltlichen Spagat, denn eigentlich ist unser Streben nach Schönheit ein wenig albern, unnötig und mitunter schmerzlich, weil wir scheitern. Gleichzeitig ziehen uns schöne Menschen an und wir entwickeln das, was der Philosoph René Girard als mimetisches Begehren bezeichnet: Wir finden sie toll, hassen sie aber auch ein wenig, weil wir ihre Konkurrenz fürchten. Damit umzugehen – nicht einfach!

Die Kunsthistorikerin Camille Paglia versteht nicht, warum wir Schönheit nicht einfach zur Kenntnis nehmen und uns an ihr freuen.
Warum sich mit anderen vergleichen? Bildrechte: Avant-Verlag

Was bleibt hängen?

Nach der Lektüre dieses Buches wünscht man sich nichts weiter, als irgendwie durchschnittlich auszusehen und ein paar Tage Instagram-Pause zu machen. Denn obwohl "Im Spiegelsaal" sehr lustig, sehr ironisch, sehr augenzwinkernd ist, bleibt der Eindruck, dass wir uns in einer Art gesellschaftlichem Schönheitskarussell befinden, dass sich schwindelerregend schnell dreht – und immer neue Anforderungen an unser Aussehen stellt. Hilfe!

Inka Zimmermann
Bildrechte: Tobias Thiergen

Die Rezensentin MDR WISSEN-Autorin Inka Zimmermann hat bislang noch kein Selfie auf Instagram gepostet, anlässlich dieser Buchrezension aber die #kyliejennerchallenge (s.o.) ausprobiert. Und hatte am Folgetag noch schmerzende Lippen. Autsch!
Eine alte Weisheit bleibt demnach auch in Zeiten von Social-Media-Beautys wahr: Wer schön sei will, muss leiden. Also doch lieber innere Werte! Wenn sie für MDR WISSEN weiterhin Bücher liest und rezensiert, sind zumindest auf diesem Gebiet Fortschritte zu erwarten.

0 Kommentare