Covid-19 Asthmaspray: Wirkstoff Budesonid kein "Gamechanger" gegen Corona

In zahlreichen klinischen Studien suchen Forschende noch immer nach dem einen zugelassenen Medikament, das auch bei der Behandlung von Covid-19-Erkrankten den entscheidenden Unterschied macht. Nun ist ein Asthma-Spray der neue Hoffnungsträger: Einer Studie der University of Oxford soll der Wirkstoff Budesonid – ein Kortison – die Krankheitsdauer um im Mittel drei Tage verkürzen und dabei sehr schwere Verläufe verhindern. Ist das jetzt tatsächlich der "Gamechanger" in der Covid-Behandlung?

Ein Asthmaspray funktioniert schnell und einfach: Aus einem Inhalator wird ein Pulver eingeatmet, das die Atmung erleichtert und die Atemwege befreit. Einer der Wirkstoffe solcher Sprays ist Budesonid.

Budesonid ist ein Kortisonpräparat, das man als Spray oder in einem Trockenpulver inhaliert. Das gibt es seit mehr als zwei Jahrzehnten und ist eine Substanz, die primär entzündungshemmend ist.

Prof. Klaus Rabe, LungenClinic Großhansdorf / Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Der Wirkstoff wird zum Beispiel zur Behandlung von Asthma und COPD eingesetzt. Bei diesen Atemwegserkrankungen ist es ein fest etabliertes Kortison-Präparat, sagt Klaus Rabe, ärztlicher Direktor der LungenClinic Großhansdorf Teil des Deutschen Zentrums für Lungenforschung.

Dass kortisonhaltige Medikamente den Corona-Verlauf abmildern und schwere Verläufe teilweise verhindern, ist schon seit der ersten Corona-Welle bekannt.

Prof. Klaus Rabe

Lungen-Spezialisten sehen Ergebnisse kritisch

Warum also wird das Spray nicht schon längst angewendet? Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz sagt, dass es eine ganze Menge Substanzen gebe, von denen man wisse und die eigentlich aus ganz anderen Bereichen kommen. "Und es gibt sehr, sehr viele Studien", so Grünewald. Die Covid-Studienlage sei extrem heterogen und natürlich auch sehr dynamisch.

Wir haben tausende von Studien weltweit, in denen versucht wird, Medikamente, die eigentlich für andere Dinge gedacht sind – so wie auch bei diesen inhalativen Corticosteroiden – bei Covid einzusetzen und zu gucken, ob die einen Nutzen bringen.

Dr. Thomas Grünewald, Klinikum Chemnitz
Das Team eines Intensivtransportwagens fährt auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg einen Covid-19-Patienten, der aus einem anderen Krankenhaus verlegt wurde, auf einer Intensivtrage.
In den Kliniken wird Kortison bereits zur Covid-Behandlung angewendet. Bildrechte: dpa

Die aktuelle Studie der University of Oxford scheint nun einen gewissen Durchbruch reklamiert zu haben – zumindest, was die Verlaufsmilderung angeht. Lungen-Spezialist Rabe ist davon allerdings nicht überzeugt – nicht zuletzt auch, weil in der Studie eine Placebogruppe fehle, was für die Aussagekraft solcher Studien wichtig sei: "Diese Patienten hatten so einen Endpunkt, der hieß Emergency Care (intensivmedizinische Behandlung) oder Hospitalisation (Einlieferung ins Krankenhaus) – also ob ihr Zustand sich verschlechterte."

Da gibt es ein paar Leute, die waren dann schlechter. Die Blutgasversorgung in diesen beiden Gruppen war komplett vergleichbar. Der Virusnachweis – also ob die schnell den Virus loswerden – da gab es keinen Unterschied. Und das würde ich auch nicht erwarten von so einer Substanz.

Prof. Klaus Rabe

"Deshalb sage ich, macht eine richtige Studie", ergänzt Rabe. Es würde ihn allerdings wundern, wenn ein inhalierbares Kortisonpräparat tatsächlich signifikanten Einfluss auf den Schweregrad einer solchen Erkrankung hätte. Doch er ergänzt: "Ich lasse mich gern überzeugen, aber nicht mit diesen Daten."

Spray kein Medikament für alle

Infektionsmediziner Grünewald vom Klinikum Chemnitz ergänzt außerdem, dass ein Inhalat nicht für alle Patientinnen und Patienten geeignet wäre: "Auch hier muss man ja ganz klar sagen, das ist ja nicht nebenwirkungsfrei."

Wenn Patienten einen Diabetes haben, dann werden die das inhalativ nicht richtig anwenden. Wenn die das nicht tief genug inhalieren, dann können die Mundpilz bekommen und ähnliche Probleme.

Dr. Thomas Grünewald

Das Gleiche gelte auch für die sehr intensive Anwendung. "Das heißt, man muss es auch inhalieren", sagt Grünewald. "Da sind Patienten, die vielleicht dement sind, die ja ein hohes Risiko haben für schwere Verläufe. Die können mit solchen Sprays oder Pulverinhalatoren nicht so besonders gut umgehen." Es sei also beileibe nicht für jeden geeignet und auch das müsse man im Hinterkopf behalten.

Eine Diabetikerin spritzt sich mit einem Insulin-Pen Insulin.
Für Diabetiker ist das Spray eher ungeeignet. Bildrechte: dpa

Kein wirklicher "Gamechanger"

Und doch hat sich viel  Euphorie breit gemacht aufgrund der aktuellen Studie. Es wurde sogar vom "Gamechanger" gesprochen. Doch die Mediziner sind da skeptisch.

Wir sehnen uns doch alle nach positiven Nachrichten. Dreimal Lockdown, zweimal Kanzler und einmal eine schöne Studie – das ist doch was Gutes. Und es wäre doch sehr schön, weil es sozusagen etwas einfach zur Verfügung zu stellendes wäre, was nicht teuer ist, was im Grunde auch recht sicher ist in der Anwendung und es ist tatsächlich in einem Journal publiziert, das ein gutes Standing hat.

Prof. Klaus Rabe
Astrazeneca Impfstoff
AstraZeneca stellt nicht nur Impfstoff, sondern unter anderem auch Budesonid-Sprays her. Bildrechte: IMAGO / Beautiful Sports

Und Rabe ergänzt: "Die Studie war interessanterweise von AstraZeneca mit supported." Das sei nicht nur die Firma, die den Impfstoff macht, sondern auch der Hersteller von Budesonid-Sprays. "Also das hat ganz viele Komponenten", sagt Rabe. "Und ehrlich gesagt, ich wäre der erste, der dem zujubeln würde, der sagt: Pass mal auf, ich habe was völlig Einfaches, um diese Erkrankung vernünftig zu behandeln und den Kurs der Patienten deutlich zu verbessern – allein mir fehlt der Glaube." Rabe sagt, die Daten sind, so wie sie vorliegen, ein guter Anfang, aber sie könnten nur der Anfang für eine "gescheite Studie" sein. Also kein "Gamechanger"?

Nein, ganz klar. Für frühe Patienten ist es sicher ein Zusatzmedikament, was man einsetzen kann, aber sicher kein Gamechanger. Dann bräuchten wir ein Medikament, was die Patienten in allen Stadien der Krankheit adäquat therapiert.

Dr. Thomas Grünewald

2 Kommentare

Niel Puesch vor 3 Wochen

Wenn ich mir -und das auch noch mit mglw. nicht unbeachtlicher Wahrscheinlichkeit- einen Klinikaufenthalt, etwa mit Inhalator bzw. Luftröhrenbeatmung u.U. ersparen kann, dann hat sich dieses Medikament in der heutigen Zeit griffbereit in der Hausapotheke zu finden. Und ich nehme es dann bei ersten Anzeichen. Und vielleicht
auch ein- oder mehrmals prophylaktisch, ohne Covid-Bestätigung. Und die Skepsis sämtlicher Professoren der Branche trage ich mit jenem Rest an Fassung, der mir verbleiben sollte. Dies gilt analog auch für jede Art und jeden Grad von Skepsis der profilesken
Politmediziner, die ihr -vermeintliches- Prestige gefährdet sehen
mögen würden, würde sich in einer "großen" Studie der bisherige Eindruck bestätigen. Schon jetzt haben es welche geschafft, heldenhaft beigetriebene Impfstoffe wie saures Bier wieder loswerden zu müssen. Auf Kosten eines reibungslosen Impfgeschehens. Oh Tuer, Dein Name sei Wichtig.

AlexLeipzig vor 3 Wochen

"ganz klar. Für frühe Patienten ist es sicher ein Zusatzmedikament, was man einsetzen kann, aber sicher kein Gamechanger." Das ist aber schonmal was! Gerade jetzt, wo viele Jüngere und weniger die über 90jährigen dementen Diabetiker betroffen sind. Der angesprochene "Mundpilz" ist sicher im Vgl. zu Covid-19 eine harmlose und gut behandelbare Nebenwirkung. Und was die Studien angeht: wer heilt, hat Recht. Da es ein einfach anzuwendendes, relativ harmloses Mittel ist, zumal es ja auch vom Hausarzt oder Lungenarzt verordnet werden muß, sollte es doch als ein Baustein berücksichtigt werden.