Anthropologie Neandertaler – jetzt auch Schuld am Covid-19-Risiko?

Eine Vorabstudie aus Leipzig vermutet: Je mehr Neandertaler in uns steckt, desto höher das Risiko, schwer an Corona zu erkranken. Die Erkenntnisse werfen allerdings neue Fragen auf.

Das Modell eines Neandertalers aus dem Landesmuseum in Halle, das einen Mundschutz trägt: Urzeitlicher Mensch mit gedrungenem Körperbau und stärkerer Körperbehaarung, hockt mit Blick nach schräg oben, Kopf auf Faust gestützt. 4 min
Bildrechte: Landesmuseum für Vorgeschichte Halle

MDR AKTUELL Do 09.07.2020 15:05Uhr 03:40 min

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Dass die Neandertaler genetisch noch unter uns sind, wissen wir schon seit etwa einem halben Jahrzehnt: Ihre DNA sorgt für mehr Nachwuchs, beeinflusst unsere Haut- und Haarfarbe, Stimmung, Rauchverhalten, Nachtaktivität – von einem augestorbenen Zweig der Menschheitsgeschichte ist da keine Spur, und überhaupt: Etwa zwei Prozent unseres Erbguts stammt nach wie vor vom Neandertaler. Kein Wunder, dass jetzt der dicke Hammer kommt: Je mehr Neandertaler, desto höher das Corona-Risiko.

Das haben Forschende am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig herausgefunden – jene, denen wir bereits allerhand Erkenntnisse zu Menschenaffen und Neandertalern zu verdanken haben. Die stellen in einer Vorabveröffentlichung fest: Ein DNA-Abschnitt der urzeitlichen Zeitgenossen sorgt für ein erhöhtes Corona-Risiko. Menschen, die besonders viel Neandertaler-Erbgut in sich tragen, sind also unter Umständen besonders betroffen.

Mehr Fragen als Antworten

Das gilt für einen speziellen sogenannten Haplotyp – also eine Kombination der Zustandsformen mehrer Gene auf einem Chromosom. Der betroffene Haplotyp beschreibt einen Abschnitt auf Chromosom Nummer 3 innerhalb des menschlichen Genoms. Bereits Anfang Juni wurde festgestellt, dass zwei Chromosomen zu einem schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 führen könnten. Ein Abschnitt, der auf die Blutgruppe zurückzuführen ist (MDR WISSEN berichtete) und eben der Abschnitt auf Chromosom Nummer 3, der uns von den Neandertalern überlassen wurde. Besonders oft tragen Menschen in Südasien diesen Abschnitt in sich, in Europa sind es acht Prozent, in Afrika ist er gar nicht vertreten.

Illustrierte  Darstellung: Eine Neandertalerin und ein Homo sapiens berühren sich gegenseitig, als ob sie sich das erste Mal sähen.
So könnte es ausgesehen haben, als Neandertaler und moderner Mensch aufeinander getroffen sind – nur was haben uns die urzeitlichen Mitmenschen mitgegeben? Und warum? Bildrechte: imago/Leemage

Statt Antworten, die im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie hilfreich sein könnten, wirft diese Erkenntnis allerdings mehr Fragen auf. "Die Studie ist sicherlich interessant, hat aber keine direkten klinischen Auswirkungen. Die aus meiner Sicht interessante Frage, die aus dieser Studie hervorgeht, ist: Warum ist dieser Risikohaplotyp in unserer modernen Bevölkerung erhalten geblieben?", fragt sich Andre Franke, Direktor des Instituts für klinische Molekularbiologie an der Uni Kiel. "Wenn nun der Haupt-Risikohaplotyp für Covid-19 bleibt, muss er auch eine positive Rolle spielen."

Welchen Vorteil hat das Erbgut?

Oder anders gefragt: Wieso ist der größte Teil der Neandertaler-DNA verschwunden und ausgerechnet dieser Rest erhalten geblieben? Die evolutionswissenschaftliche Antwort wäre: Es muss einen vorteilhaften Grund geben. Möglicherweise, so Franke, ist die DNA für ein besonders aktives Immunsystem gut. "Wenn man keine anderen Risikofaktoren hat – wie zum Beispiel einen erhöhten BMI, Herzprobleme oder hohes Alter, denn Neandertaler starben jung. Aber im Fall eines schweren Covid-19-Verlaufs könnte dieses aktive Immunsystem Probleme verursachen, wenn zusätzlich noch andere Risikofaktoren hinzukommen."

Also gedanklich den Spieß umdrehen: Nicht fragen, was uns da die Neandertaler für genetische Altlasten dagelassen haben, sondern herausfinden, welchen Vorteil sie uns bringen. Auch, damit der Neandertaler nicht immer an allem Schuld ist.

flo

Hinweis: Die Studie (hier zum Nachlesen) liefert Voraberkenntnisse und wurde noch in keinem Fachjournal veröffentlicht. Sie befindet sich derzeit im öffentlichen wissenschaftlichen Diskurs.

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