Pro und Kontra Corona-App Handy-App statt Ausgangsbeschränkung?

Die Ausgangsbeschränkungen können gelockert werden, wenn Corona-Infizierte und ihre Kontaktpersonen schnell gefunden und isoliert werden. Dabei könnte eine Handyapp helfen, mit der sogar Datenschützer einverstanden sind. Aber trotzdem gibt es noch offene Fragen. Was spricht dafür, was dagegen?

Bild eines durchgestrichenen Virus und Aufschrift Corona-App auf dem Display eines Smartphones
Mit Hilfe von Apps könnten Infizierte und ihre Kontaktpersonen schnell aufgespürt und isoliert werden, hoffen Forscher. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images / Jens Schicke

Wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2- stehen derzeit fast überall auf der Welt Fabriken still und das öffentliche Leben liegt brach. Die Ausgangsbeschränkungen stellen die Menschen vor große Herausforderungen. Forscher überlegen deshalb fieberhaft, ob sich die Lungenkrankheit Covid-19 nicht auch auf anderen Wegen effektiv eindämmen lässt, ohne die Welt vollständig anhalten zu müssen. Eine Lösung, die dabei immer wieder diskutiert wird, ist eine Handy-App zur schnellen Kontaktnachverfolgung von Infizierten. Mathematische Modelle legen nahe, dass das funktionieren könnte.

Universitäten Erfurt und Dresden beteiligen sich an der Entwicklung der App

Auch in Deutschland arbeiten Entwickler derzeit an einem solchen Programm für Smartphones. Unter der Leitung des Robert Koch-Instituts und des Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institus arbeiten Softwareingenieure an einer App, die mit Hilfe von Bluetooth den Abstand zur anderen Handys messen und speichern soll, ohne dabei gegen geltende Datenschutzregeln zu verstoßen. Das Prinzip dahinter heißt "Privacy Protecting Proximity Tracing" (PPPT), zu deutsch etwa Daten schützende Abstandsnachverfolgung. Aus Mitteldeutschland beteiligen sich Forscher der Universitäten Erfurt und Dresden an dem Verbundprojekt.

Experten wie der Technikjournalist Simon Hurtz oder Ulf Burmeyer, Vorsitzender der Gesellschaft für Freiheitsrechte, halten den Ansatz von PPPT für deutlich besser, als die Projekte, die derzeit in den USA oder China verfolgt werden. So sei eine Kontaktverfolgung und Eindämmung der Pandemie möglich, ohne zu stark in die Privatsphäre der Bevölkerung einzugreifen. Der Virologe Alexander Kekulé hatte sich im MDR-Podcast hingegen grundsätzlich kritisch über Apps zur Kontaktverfolgung geäußert. Sein Kollege Christian Drosten wiederum hält sie für sinnvoll.

Bluetooth kann Entfernungen präzise messen

Technisch sollen die Apps den Bluetoothstandard nutzen, der dafür immer eingeschaltet sein müsste. Bluetooth dient eigentlich für den Funk von Daten über kurze Distanzen, kann aber auch genutzt werden, um den Abstand zu anderen Geräten präzise zu messen. Der Vorteil: Die sogenannte Geolokalisierung entfällt. Über Bluetooth kann nicht festgestellt werden, wo auf der Welt sich ein Handy aufhält, nur, wie weit es von einem anderen Handy entfernt ist. Bewegungsprofile der Nutzer würden sich so nicht erstellen lassen.

Inspiration für die deutsche App ist das Programm, das in Singapur bereits eingesetzt wird. Es heißt "Trace together", übersetzt etwa "gemeinsam Aufspüren". Auch hier ist Bluetooth das zentrale technische Instrument. Die Regierung des asiatischen Stadtstaats will den Programmiercode hinter Trace Together veröffentlichen, die App damit zur Open Source machen. Andere Entwickler könnten dann rasch auf dieses vorhandenen App aufbauen. Bluetooth hat gegenüber der ebenfalls diskutierten Funkzellenabfrage den Vorteil, Abstände wesentlich genauer erfassen zu können.

TAN-System soll Corona-Trolle verhindern

In der Variante aus Singapur wird von jedem App-Nutzer die Handynummer gespeichert. Das soll in Deutschland nicht der Fall sein. Stattdessen soll jedes Einzelprogramm eine zufällige Identifikationsnummer (ID) generieren. Kommen sich zwei Handys zu nahe, wird also eine Ansteckung möglich, speichern die Apps jeweils gegenseitig ihre ID-Nummern lokal auf den jeweiligen Smartphones. Erst, wenn ein Nutzer positiv auf Sars-CoV-2 getestet wird, überträgt sein Handy die ID-Nummern der gespeicherten Nahkontakte an eine zentrale Datenbank, die beim RKI und beim HHI betrieben wird.

Von dort aus werden dann Pushbenachrichtigungen an die jeweiligen betroffenen Handybesitzer verschickt. Die Meldungen positiver Testergebnisse sollen mit TANs abgesichert werden, um mögliche Falschmeldungen von Trollen zu verhindern. Auf den zentralen Server sollen nur RKI und HHI zugreifen können. Ältere Daten, die keinen Wert für die Verfolgung der Ausbreitung des Virus mehr haben, sollen automatisch gelöscht werden.

Mindestens 70 Prozent der Bevölkerung müssen die App nutzen

Es gibt allerdings auch noch offene Fragen. So wäre beispielsweise eine permanent auf sichtbar gestellte Bluetooth Verbindung ein gefährliches Einfallstor für Hacker. Und: Gibt es unabhänige Kontrollen, ob der versprochene Datenschutz auch eingehalten wird?

Viel wichtiger ist noch: Damit die Schutzwirkung für die Gesellschaft voll entfaltet werden kann, müssten sich mindesten 60 bis 70 Prozent aller Menschen diese App installieren, schätzt der Dresdner Professor Gerhard Fettweis. Das Problem dabei liegt nicht nur in der Bereitschaft aller Nutzer. Es müssen auch die notwendigen Smartphones vorhanden sein.

Viele ältere Menschen nutzen keine Smartphones

Aber gerade da hakt es oft noch bei den Hochrisikogruppen der älteren Menschen. Viele der Senioren haben noch ältere, einfachere Handys. Zudem müssten auch die Corona-Testkapazitäten weiter gesteigert werden, damit dann wirklich alle möglichen Verdachtsfälle schnell und effizient getestet werden können. Ansonsten wären wieder langwierige Quarantäne-Maßnahmen nötig.