Covid-19 Verhindert der erste Corona-Impfstoff die Entwicklung besserer Impfstoffe?

Über hundert Kandidaten sind derzeit im Rennen für einen Impfstoff gegen Covid-19. Das ist auch gut so, denn der Erste wird nicht der Beste sein – und erst recht nicht für alle Menschen gleichermaßen. Allerdings könnte eine frühe Zulassung die Entwicklung weiterer Impfstoffe behindern.

Person mit Brille (Gesicht im seitlichen Anschnitt) und Mund-Nasen-Schutz begutachtet einen Impfstoff mit Aufschrift "Covid-19 Vaccine", den sie in Gummihandschuhen hochhält. Cinematische, etwas mystische Farben, Hintergrund unscharf.
Bildrechte: imago images/Panthermedia

Sie sitzen im Zug und haben großen Hunger – und noch größeren, als Sie ausgestiegen sind. Bis nach Hause ist es noch ein ganzes Stück, mindestens eine dreiviertel Stunde. Dort wartet auf Sie ein frisches, selbst gekochtes Essen – gesund ist es noch dazu. Am Bahnhof lockt aber eine McDonald's-Filiale damit, Ihr dringliches Essensgelüst zu stillen, jetzt und gleich, wenn auch nicht langanhaltend. Was tun Sie?

Ihr Verstand sagt: Auf Zuhause warten. Und ihr Appetit? Gut, die Frage können Sie wahrscheinlich nur im Moment selbst beantworten. Derzeit hat die gesamte Weltbevölkerung Appetit: Nach einem Covid-19-Impfstoff. Und so wie es aussieht, wird ihr Appetit schon bald gestillt (in Russland wurde er das bekanntermaßen bereits). Erste Erfolge auf der Impfstoffsuche sind wichtig, schon alleine als positives Signal in der Krise, auch wenn die Wirksamkeit möglicherweise nicht so hoch ist. Die Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten FDA gibt zum Beispiel vor, dass eine Impfung, die per Notzulassung auf den Markt kommen darf, nur eine fünfzigprozentige Wirksamkeit haben muss. Damit wäre ein Mittel schnell verfügbar.

Übersicht mit Text in Blasen über weit fortgeschrittene Corona-Impfstoffe mit einer Blase für "Phase III" und einer Blase für "Zulassung". Bei der Überschneidung zwei Impfstoffe, die zuglassen aber noch nicht abschließend getetestet sind.
Diese Impfstoffe führen das Rennen an. Obwohl bereits zwei Impfstoffe zugelassen sind, haben diese die Phase-III-Tests noch nicht abgeschlossen. Ihre Wirksamkeit ist unklar. Stand: 19.10.2020 Bildrechte: MDR WISSEN

Das Problem nur: Ein erster Impfstoff, der rasch zugelassen wird, kann die Arbeit an höherwertigen Impfstoffen behindern.

Probandinnen und Probanden: Nicht immer selbstlose Motivation

Das hängt mit der Motivation von Probandinnen und Probanden zusammen, warum sie überhaupt an einer klinischen Studie zur Erprobung eines neuen Impfstoffs teilnehmen. Der klare Vorteil, die Strapazen der Studie auf sich zu nehmen, besteht darin, zu den ersten zu gehören, die die Impfung erhalten. Klingt erstmal nach einem plausiblen Deal, hat aber mehrere Haken: Um die Wirksamkeit zu beweisen, erhält eine Gruppe nur ein Placebo. Also eine Schein-Impfung ohne Wirkstoff. Damit soll geprüft werden, ob positive Effekte wirklich auf den Wirkstoff zurückzuführen sind.

Warum braucht es eigentlich mehrere Impfstoffe?

Impfstoff ist nicht gleich Impfstoff. So ist der Krankheitsverlauf von Covid-19 bei Menschen schwerwiegender, die in klinischen Studien häufig seltener teilnehmen, z.B. bei älteren Menschen. Damit kann ein zunächst als wirksam und verträglich eingestufter Impfstoff für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe weniger geeigent sein als für eine andere.

Diese Vergleichsgruppe hat den Impfstoff nie erhalten, denkt es aber. Die Motivation, nach der Zulassung weiterhin zur Verfügung zu stehen, ist also gering, wenn es keine echte Gegenleistung gibt (nämlich den Impfstoff). Wissenschaftlich ist es aber so: Nur über einen langen Beobachtungszeitraum kann garantiert werden, dass die Impfung die versprochene Wirkung behält und keine Nebenwirkungen auftreten. Diese nötige Beobachtungszeit könnte ein erster Impfstoff aber einschänken, wenn auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer anderer Impfstoffkandidaten demotivert würden, weiterhin am Ball zu bleiben. Schließlich gibt's ja schon ein Produkt, das zumindest teilweise funktioniert. Damit stellt sich auch die Frage, inwieweit Probandinnen und Probanden nach Abschluss einer Studie verraten werden sollte, ob sie ein Placebo erhalten haben.

Gesellschaft vs. Individuum

Die Bioethikerin Christine Grady spricht sich im Fachmagazin Science klar dafür aus: "Es ist ein Vorteil, zu dem die Personen in der Studie Zugang haben sollten." Der Philosoph Joseph Millum kontert im gleichen Blatt, das Risiko für den Einzelnen müssen gegenüber dem Nutzen für die Gesellschaft abgewogen werden. "Die Teilnehmer mit Placebo sind nur in dem Sinne einem Risiko ausgesetzt, dass die Forscher nichts bieten, was sie schützen könnte" – das Risiko sei also überschaubar. Denn vor Covid-19 könne sich jeder durch die bekannten Maßnahmen bis zu einem gewissen Grad selbst schützen.

Kann ein Impfstoff vorzeitig zugelassen werden?

Wie auch bei Medikamentenzulassungen geht bei Impfstoffen sehr viel Verantwortung einher. Gleich zweimal: Gegenüber der Weltbevölkerung, ein schnelles Immunmittel zu finden. Und gegenüber den Indivduen, eine sichere Impfung anzubieten. Bei guten Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit können aber – denn im Falle von Covid-19 eilt es wirklich sehr – vorläufige Genehmigungen erteilt werden, in Europa wie in den USA. In den USA etwa genügt es in dem Fall, wenn die Impfung bei der Hälfte der Probandinnen und Probanden Wirkung zeigt. Doch damit endet die Entwicklung nicht. Zudem weißt die Europäische Arzneimittelbehörde EMA darauf hin, dass die beschleunigte Zulassung immer nur für ein Jahr gültig ist.

Der Epidemologe Steven Goodman von der Stanford-Universität macht es gegenüber Science noch präziser. Er sagt: Nicht eine individuelle Person benötige den Impfstoff, sondern die Gesellschaft. Das unterscheide solche Impfstoffstudien von klinischen Tests neuer Behandlungsformen von Krankheiten, bei der Patientinnen und Patienten unmittelbar etwas von dem neuen Therapieansatz hätten. Dass das Individum aber kein solches Problem hätte, würde sich zeigen, wenn alle um eine Person herum geimpft seien. Dann bräuchte dieser Mensch keine Impfung, um gesund zu bleiben.

Geeigneter ethischer Umgang gefragt

Die Enwicklung verschiedener Impfstoffe ist wichtig, selbst dann, wenn mehrere funktionieren. Für bestimmte Bevölkerungsgruppen könnten bestimmte Impfstoffe besser sein als für andere. Umso wichtiger scheint es, Probandinnen und Probanden zu motiveren, weiterhin zur Verfügung zu stehen. Bioethikerin Gary sagt, das könne zum Beispiel dadurch geschehen, dass den Personen versprochen wird, am Ende den besten Impfstoff zu erhalten. Außerdem würden viele Teilnehmende gar nicht aus Eigennutz, sondern selbstlos handeln.

Die Suche nach dem Corona-Impfstoff ist also auch die Suche nach einem geeigneten ethischen Umgang in der Pandemie. Und die Hoffnung, dass möglichst viele auf das selbst gekochte Essen daheim warten.

flo

1 Kommentar

kleinerfrontkaempfer vor 5 Wochen

Es geht ums Geschäft. Der Erste macht das Rennen und den Profit.
Fakt ist auch, zuerst werden wichtige Institutionen einer Gesellschaft versorgt. Kann man in China sehen oder dem Bemühen des US-Verteidigungsministeriums um eine große Charge von Impfstoff. Rußland hat wohl schon Millionen Einheiten an Indien verkauft, was man dort sicher wohlwollend aufgenommen hat.