Corona-Pandemie Corona im Kopf: Hirnforscher rufen zu bundesweiten Gedächtnistests auf

Viele Corona-Erkrankte berichten von Gedächtnisproblemen. Psychische Belastungen beeinträchtigen die geistige Fitness zusätzlich. Greift Corona unser Nervensystem an? Das wollen Hirnforscher - auch aus Magdeburg und Dresden - jetzt herausfinden. Sie rufen zu einem bundesweiten Bürgerforschungsprojekt mit App und Smartphone auf.

Animation einer Corona Viruszelle
Die Oberflächenproteine (Spikes), die wie Saugnäpfe aussehen, ermöglichen dem Corona-Virus in die überlebenswichtige Wirtszelle einzudringen. Wie das Virus auf unsere Nerven wirkt, untersuchen jetzt Hirnforscher aus ganz Deutschland. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Corona hat Deutschland fest im Griff – auch nach fast einem Jahr seit Pandemie-Beginn. Wissenschaftler versuchen fieberhaft den Virus zu verstehen, noch immer gibt er große Rätsel auf, sowohl in seiner Funktionsweise, als auch seiner Wirkung auf Immunsystem und Organe. Viele Corona-Erkrankte berichten von Gedächtnisproblemen. Psychische Belastungen belasten die geistige Fitness zusätzlich. Wie sich Corona auf unseren Kopf auswirkt wollen jetzt Forschende des Magdeburger Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung (IKND) sowie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) herausfinden.

Greift das Corona-Virus das Nervensystem an?

"Im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung wird immer wieder von neurologischen Beschwerden berichtet, auch von Gedächtnisproblemen", erklärt Professor Emrah Düzel, Sprecher des DZNE-Standorts Magdeburg und Direktor des dortigen Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung (IKND). Ob das Coronavirus das Nervensystem direkt angreift oder solche Beschwerden eher Begleiterscheinungen der Immunantwort sind, ist nicht ganz klar. "Mit unserem Projekt wollen wir dazu beitragen, den Einfluss der Erkrankung auf das Gehirn besser zu verstehen."

Animation einer Corona Viruszelle
Wenn die kleinen roten Spikes (S-Oberflächenproteine) die Tür zur Nervenzelle öffnen: Wie Corona sich auf unser Nervensystem auswirkt, erforschen Wissenschaftler jetzt mit einer App. Bildrechte: imago images/StockTrek Images

Studie will Probanden mit und ohne Covid

Der Magdeburger Hirnforscher hat sich mit seinem Team aus ganz Deutschland – darunter auch Wissenschaftler aus Dresden –  einiges vorgenommen. Denn die Studie soll bundesweit möglichst viele Erwachsene einbeziehen, nicht nur jene, die akut an Corona erkrankt sind oder davon betroffen waren. "Die psychische Belastung durch die Pandemie, insbesondere die sozialen Beschränkungen, können der geistigen Fitness zusetzen", erläutert Düzel. "Wir möchten deshalb einen möglichst umfassenden Eindruck davon gewinnen, wie es um die Gedächtnisleistung und die psychosoziale Situation der Menschen hierzulande bestellt ist."  Das Corona-Gedächtnisprojekt ist auf einen Zeitraum von zwei Jahren angelegt. "Wir wollen das Auf und Ab der Krankheitswellen erfassen und auch wie die Impfkampagne das Geschehen beeinflusst."

Wie können sich Bürger beteiligen?

Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben für ihr groß angelegtes Projekt eine spezielle App mit Gedächtnistests entwickelt. Diese kann jeder, der mitmachen möchte, anonym auf sein Smartphone oder Tablet laden. Die App ruft zunächst wöchentlich, später seltener, zum Gedächtnistest auf. Bei den Tests mit Fotos und computergenerierten Szenerien müssen sich die Studienteilnehmenden beispielsweise die Lage von Objekten merken oder erkennen, ob es sich um Innen- oder Außenaufnahmen handelt.

Jeder Gedächtnistest dauert etwa eine viertel Stunde

Die Tests erfolgten den Forschern zufolge einfach und spielerisch, ohne großen Zeitaufwand. "Der Testablauf umfasst verschiedene, spielerische Aufgaben. Insgesamt braucht man dafür vielleicht eine Viertelstunde", erklärt Düzel. Die Gedächtnistests würden ergänzt durch Fragen nach Vorerkrankungen, zum aktuellen gesundheitlichen Befinden, sozialer Distanzierung und Stimmungslage.

Die unterschiedlichen Aufgaben beanspruchen gezielt bestimmte Hirnbereiche und kognitive Fähigkeiten. Sie mögen banal erscheinen, doch dahinter steckt wissenschaftliches Know-how. Die App wird daher auch in klinischen Studien über Demenz eingesetzt.

Professor Emrah Düzel Sprecher des DZNE-Standorts Magdeburg und Direktor des dortigen Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung (IKND)

Forschende rufen zur Teilnahme auf

Die Forschenden des bundesweit agierenden DZNE hoffen, dass viele Bürgerinnen und Bürger mitmachen. Somit sei es möglich, zuverlässigere Ergebnisse auf einer breiten Datenbasis zu erlangen. Erste Erfahrungen mit dieser "Bürgerforschung" sammelten Düzel mit seinem Team in einem Pilotprojekt mit rund 2.500 Teilnehmenden. "Es hat gezeigt, dass die Kombination von App und Öffentlichkeit wissenschaftlich fundierte Ergebnisse liefern kann“, erklärte der Magdeburger Hirnforscher.

Wissenschaftler garantieren anonyme Daten

Sämtliche Angaben und Testergebnisse werden den Forschern zufolge anonym erfasst und anonym ausgewertet. "Die Studie wurde innerhalb des klinischen Netzwerkes des DZNE entwickelt. Die Erfassung und Auswertung der Daten unterliegt höchsten Datenschutzstandards", versicherte Düzel.  Die von der App ermittelten Informationen, ermöglichten keinerlei Rückschlüsse auf die persönliche Identität der Studienteilnehmer. An der Datenanalyse beteiligen sich den Angaben zufolge unter Federführung des IKND in Magdeburg auch Experten aus Dresden, Berlin, Rostock Bonn und Köln. Entwickelt wurde die Forschungs-App vom Magdeburger Start-up "Neotiv", mit dem das DZNE seit zwei Jahren kooperiert. Es begleitet die Forschenden in der Studie als technischer Partner.

Die App als Messgerät ohne Feedback

Düzel macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: "Die App ist als Forschungsinstrument gewissermaßen ein Messgerät. Sie gibt den Nutzenden kein Feedback darüber, ob sie beim Gedächtnistest gut oder schlecht abschneiden." Es gebe keine persönliche Auswertung, es handle sich lediglich um ein Erfassen der geistigen Leistung. "Selbst eine vermeintlich unverbindliche Rückmeldung könne Sorgen über die eigene Gesundheit hervorrufen. Das wäre ethisch nicht vertretbar", erklärt Düzel.

Wer sich an unserer Studie beteiligt, stellt sich ganz in den Dienst der Wissenschaft. Die Teilnehmenden können mit ihrem Engagement helfen, dass wir die Folgen von COVID-19 besser verstehen und lernen, besser damit umzugehen.

Professor Emrah Düzel Sprecher des DZNE-Standorts Magdeburg und Direktor des dortigen Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung (IKND)

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DNZE) Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DNZE) erforscht sämtliche Aspekte neurodegenerativer Erkrankungen (wie beispielsweise Alzheimer, Parkinson und ALS), um neue Ansätze der Prävention, Therapie und Patientenversorgung zu entwickeln. Das DNZE hat bundesweit zehn Standorte und kooperiert mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene. Das Forschungszentrum ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft. Web: www.dzne.de

Quelle: MDR/DZNE/kt

6 Kommentare

MDR-Team vor 11 Wochen

Hallo @Dermbacherin, schlagen Sie also vor, dass wir die Menschen über 75 Jahre einfach bei der Impfung auslassen und ihnen nicht einmal die Chance geben sich zu schützen? LG, das MDR-Wissen Team

Micky Maus vor 11 Wochen

"Die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffes ist in der Altersgruppe über 75 Jahre „nicht mehr statistisch signifikant“ schätzbar. Aussagen über die Wirksamkeit seien daher „mit hoher Unsicherheit behaftet“, die Evidenzqualität für eine Wirksamkeit bei alten Menschen „gering“."


Und Spahn lässt die ü80 Generation impfen


;-) LOL

DermbacherIn vor 11 Wochen

Das RKI räumt eine: geringe Evidenz für eine Wirksamkeit der Impfung bei alten Menschen ein.
Es steht im Kleingedruckten einer 74-seitigen Fachpublikation, die vom Robert Koch-Institut (RKI) am 8. Januar veröffentlicht wurde: Die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffes ist in der Altersgruppe über 75 Jahre „nicht mehr statistisch signifikant“ schätzbar. Aussagen über die Wirksamkeit seien daher „mit hoher Unsicherheit behaftet“, die Evidenzqualität für eine Wirksamkeit bei alten Menschen „gering“. Man darf fragen: Warum empfiehlt das RKI dann die Impfung?
Ich bin gespannt, wie sich das so entwickelt.