Studie Sprachbildung: Corona verstärkt Nachteile schon in der Kita

Kitaschließungen, Quarantäne und Notbetreuung wirken sich schon auf die Kleinsten in Krippen und Kitas aus. Wie Forscherinnen und Forscher der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Göttingen (HAWK) herausfanden, wurde durch die Ausfallzeiten besonders die Sprachentwicklung von mehrsprachigen und benachteiligten Kindern beeinträchtigt.

Leere Garderobe in einer Kita
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Kita-Kinder erleiden durch die coronabedingte Schließung ihrer Betreuungseinrichtungen Rückschritte in ihrer Sprachentwicklung. Besonders betroffen sind mehrsprachige und benachteiligte Kinder. Das ist das Ergebnis einer Studie der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK) zur Sprachbildung in der Corona-Pandemie. Es werde viel über Nachteile für Schülerinnen und Schüler durch die aktuellen Schulschließungen gesprochen, erklärte die Autorin Karin Schäfer. "Doch auch bei den Kleinsten in den Krippen und Kindertagestätten ist der Einfluss von Kitaschließungen, Quarantäne und Notbetreuung teils dramatisch."

Nur noch Einwortsätze in Comicsprache

Schäfer zufolge wurde im Rahmen der Studie "besonders bei mehrsprachigen Kindern ein deutlicher Rückschritt in deutscher Sprache sowie bei Wortschatz, Grammatik und Sprachverständnis“ berichtet. "Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, konnten oft ihre Deutschkenntnisse kaum noch abrufen“, erklärte Schäfer. In einigen Einrichtungen hätten manche Kinder nach der Schließung keine ganzen Sätze mehr gebildet und sich nur noch in Einwortsätzen oder "Comic-Sprache" verständigt, "was auf erhöhten Fernsehkonsum in der Schließungszeit zurückgeführt wurde". Etwa ein Viertel der Kinder in niedersächsischen Kitas haben laut Statistischen Bundesamt einen Migrationshintergrund; die Mehrheit dieser Kinder spricht zu Hause eine andere Sprache als Deutsch.

Mehrere Hort-Kinder aus Dessau mit der Sprach- und Kulturmittlerin Simav Naser
Ein Viertel der Kita-Kinder in Niedersachsen haben einen Migratonshintergrund. Auch in Mitteldeutschland wachsen viele Kinder mehrsprachig auf - hier Aufnahmen aus einem Hort in Dessau. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Bislang keine Forschung über Krippen- und Kitakinder

Karin Schäfer ist Studierende der Kindheitspädagogik und hat die Studie im Rahmen einer Projektarbeit mit ihrem Studiengangsprofessor Tim Rohrmann und dem Dialogwerk Braunschweig erstellt. "Es wird immer wieder betont, wie wichtig Kitas für die Entwicklung von Kindern sind, insbesondere für die Sprachförderung", erklärte Erziehungswissenschaftler Rohrmann. "Aber darüber, wie sich die Schließungen auf die Sprachentwicklung auswirken, wissen wir bislang kaum etwas." Darum habe er sich entschlossen, Schäfers Projekt zu unterstützen und gemeinsam mit ihr die Befragung zu konzipieren und durchzuführen. "Für mich war das sehr spannend, weil die sprachliche Entwicklung in der Pandemie bisher in der Forschung noch nicht direkt in den Blick genommen wurde", erklärte Schäfer.

In einer verlassenen Kita liegt Spielzeug der Kinder auf einem Tisch
Für die Studie wurden pädagogische Fachkräfte aus 78 Kita-Einrichtungen befragt. Bildrechte: imago images / Fotostand

Knapp 18 Prozent sehen hauptsächlich negativen Einfluss

Für die Studie wurden im November und Dezember 2020 pädagogische Fachkräfte aus 78 Kindertageseinrichtungen in Niedersachsen per Online-Umfrage zu der Corona-Zeit befragt. Demnach nahmen mehr als die Hälfte der Befragten (55,1 Prozent) sowohl positive als auch negative Veränderungen wahr, "wobei in den offenen Textfeldern hauptsächlich negative Veränderungen beschrieben wurden". Insgesamt 17,9 Prozent der Befragten gaben an, nur negative Veränderungen beobachtet zu haben. Immerhin 8,9 der Befragten sahen nur positive Veränderungen. Etwa ein Fünftel der Befragten stellte der Studie zufolge keine auffälligen Veränderungen bei der Sprachentwicklung fest. "Aufgrund der Anlage der Studie ist diese Stichprobe nicht repräsentativ und kann nur erste Hinweise auf die Forschungsfragen geben", erklärte die Autorin.

Viele Fachkräfte sehen sich auf mehrsprachige Kinder nicht vorbereitet

"In den Ergebnissen wird deutlich, dass besonders mehrsprachige Kinder unter den Bedingungen der Corona-Pandemie leiden", erklärte Schäfer. Besonders auffällig sei in diesem Zusammenhang auch, dass viele Fachkräfte für die Förderung mehrsprachiger Kinder nicht ausreichend vorbereitet seien. Nur ein Drittel der Befragten fühlte sich für diese Herausforderungen angemessen qualifiziert. Das sei vor allem deshalb bemerkenswert, da sich besonders Betreuungseinrichtungen an der Befragung beteiligt hätten, die sich bei der Sprachförderung ohnehin schon sehr engagierten, erklärte Schäfer.

Nachteile schwacher Kinder verstärken sich

Erziehungswissenschaftler Rohrmann sind in dem Ergebnis bisherige Kenntnisse bestätigt.

Das ist eine Beobachtung, die wir auch in anderen Bereichen machen. Ohnehin vorhandene Differenzen in der Entwicklung der Kinder werden in dieser schwierigen Situation verstärkt.

Professor Tim Rohrmann Erziehungswissenschaftler

Kurzum: Kinder mit engagierten Eltern profitieren von der zusätzlichen Zeit zu Hause. Dagegen haben Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen oder kaum gefördert werden, in der Pandemie das Nachsehen. Rohrmann forderte mehr Ressourcen und Qualität für die Kitas. "Wir brauchen unbedingt qualifiziertes Fachpersonal und gute Unterstützungsstrukturen für Weiterbildung und Coaching.“ Der Entwurf des neuen Kindertagesstättengesetzes (KitaG) biete in diesem Bereich wenig Grund zur Hoffnung. "Es muss viel mehr in Qualität investiert werden, nicht nur in Betreuungsstunden. Die jetzigen Maßnahmen reichen nicht aus und die Folgen werden wir langfristig zu spüren bekommen."

Schnuller von Kleinkindern hängen an einem Brett in einer Kindertagesstätte.
Nicht nur der Betreuungschlüssel auch die Qualität der Kita-Betreuung muss sich verbessern fordert Erziehungswissenschaftler Bildrechte: dpa

Positive Effekte in der Notbetreuung

Neben den negativen Auswirkungen zeigte die Studie auch vereinzelt positive Effekte. So berichteten die pädagogischen Fachkräfte in der Umfrage, dass sie in den Notbetreuungsgruppen besonders gute neue Sprachförderangebote konzipieren und umsetzen konnten. "In normalen Zeiten ist die Umsetzung guter Sprachförderung aufgrund der Gruppengröße oft schwierig. Während der Notbetreuung war der Fachkraft-Kind-Schlüssel dagegen besser“, erklärt Schäfer. Zudem habe es vereinzelt Berichte über positive Entwicklungen gegeben. So vermuteten einige Fachkräfte, dass sich die zusätzliche Zeit mit den Eltern und das vermehrte Erzählen und Lesen gut auf die Sprachentwicklung einiger Kinder ausgewirkt haben.

Quelle: MDR/kt

8 Kommentare

Kritische vor 34 Wochen

Die Schere wird bei den Kindern durch die Schließungen noch viel weiter auseinandergehen als jetzt schon. Unabhängig von der Herkunft der Kinder, viel mehr hat es mit der Bildung und den Möglichkeiten der Eltern zu tun. Zwei der Erstklässler im familiären Umfeld haben jetzt schon den Stoff der 1. Klasse komplett durch und langweilen sich. Die Eltern sind im Homeoffice und die Kinder können im eigenen Tempo arbeiten und müssen nicht auf andere warten. Der eine hat jetzt von der Mathelehrerin das Lehrbuch der 2. Klasse erhalten. Aber das soziale Miteinander fehlt auch diesen Kindern und sie würden lieber wieder zur Schule gehen. Kinder ohne Förderung werden hingegen Mühe haben, den Schulstoff halbwegs zu bearbeiten, weil die Eltern nicht helfen können oder schlicht weil sie den ganzen Tag im Pflegeheim etc. arbeiten müssen. Auch Freizeitgestaltung fördert die Kinder: Wandern, Tiere beobachten, Sport, kochen/ backen, Experimente. Auch dafür braucht man Zeit und Interesse.

MDR-Team vor 34 Wochen

Hallo Ik2001,
die Autoren der Studie sprechen von "coronabedingten Schließungen von Betreuungseinrichtungen". Wir sprechen also von politischen Entscheidungen aufgrund des Infektionsschutzes vor SARS-CoV-2 und den damit einhergehenden negativen Auswirkungen auf die Sprachbildung der Kinder.

lk2001 vor 34 Wochen

Leider war es nicht Corona die für die Bildungsmisere sorgt. Es war die Politik mit ihrem Totalversagen. Man sollte schon auf den richtigen Zeigen. Der Virus macht das nicht.

Kind am Laptop 3 min
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In Isreal lernen die Kinder schon ab Klassen 1 mit digitalen Lehrangeboten. Doch auch hier herrscht Chaos.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.02.2021 11:55Uhr 03:02 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/audio-1659718.html

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Lehrer unterrichtet per Videoanruf an Schüler während Quarantäne. 4 min
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Auch in Polen herrscht Homeschooling-Chaos. Eltern und Schüler sind gefrustet.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.02.2021 11:55Uhr 03:47 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/audio-1659716.html

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Mädchen beim Homeschooling 3 min
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Schweden setzt auf eine Mischung aus Fern- und Präsenzunterricht. Optimal findet das niemand.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.02.2021 11:55Uhr 02:42 min

https://www.mdr.de/wissen/audio-1659712.html

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Logo MDR 14 min
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Mi 30.09.2020 12:00Uhr 13:30 min

https://www.mdr.de/medien360g/digitale-bildung-schule-corona-102.html

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