Pathologie Coronavirus: Welche Schäden richtet es im Körper an?

Innerhalb kürzester Zeit müssen Mediziner das bis vor Kurzem noch unbekannte Coronavirus verstehen lernen. Jetzt sind sie wieder einen Schritt weiter. Zwei neue Studien aus Deutschland bieten einen genaueren Blick, wo und wie Sars-CoV-2 im Körper zuschlägt. Dabei hilft die Untersuchung verstorbener Menschen.

Illustration im Zeichenstil: Wissenschaftler oder Mediziner von hinten mit erhobenem Schwert vor roten, großen Corona-Viren, die wie rote Bälle mit Stachel-Noppen aussehen.
Mediziner können erst seit einem halben Jahr gegen das neuartige Coronavirus kämpfen. Obduktion helfen dabei, das Krankheitsbild besser zu verstehen. Bildrechte: imago images/Ikon Images

So vertraut, wie uns die Covid-19-Pandemie nun auch ist: Vor weniger als einem halben Jahr gab es die Worte Sars-CoV-2 und Covid-19 noch gar nicht und das Coronavirus war kaum mehr als ein medizinischer Begriff, nichts für Laien. Seitdem mussten sich nicht nur Privatmenschen mit der neuen Alltagsbedrohung arrangieren, sondern auch Mediziner die allgegenwärtigen Erwartungen an sie erfüllen. Und Fragen beantworten, die deutlich leichter gestellt als beantwortet sind: Was genau ist das Virus? Woher kommt es? Und vor allem: Was stellt es an?

Obduktion zeigt Schädigung der Lungenbläschen

Wissenschaftler auf der ganzen Welt arbeiten mit Hochdruck daran, das Virus besser zu verstehen, so wie z.B. an der Uni Augsburg. Pathologen haben dort untersucht, wie genau Sars-CoV-2 den Körper schädigt und schließlich zum Tod führt. Dazu haben sie zehn an der Krankheit Covid-19 verstorbene Personen obduziert, die alle zwischen 64 und 90 Jahren alt waren, sieben von ihnen männlich. Das Forschungsteam bestätigt einen so genannten diffusen Alveolarschaden als Hauptbefund bei allen Patienten.

Alveolen sind die kleinen Lungenbläschen, die für den Austausch zwischen Atemluft und Blut sorgen. Die Schädigung war allerdings in unterschiedlichen Stadien vorhanden und innerhalb der Lunge unterschiedlich ausgeprägt. Besonders betroffen waren das mittlere und untere Lungenfeld. Der Befund geht einher mit einer Veränderung des Bindegewebes, das damit an Elastizität verliert, die beim Atmen wichtig ist. Auch die Zellen der Lungenbläschen verändern sich – all das bis hin zu vollständigen Zerstörung des Lungengewebes. Auch wichtig zu wissen: Während der Obduktion war das Coronavirus nach wie vor in den Atemwegen der Patienten nachweisbar.

Gesundes Bindegewebe wichtig für Atmung

Ein internationales Forschungsteam hat sich indes damit auseinandergesetzt hat, welche genauen Unterschiede zu einer Grippe-Erkrankung erkennbar sind. Wir erinnern uns: Gerade zu Beginn der Pandemie waren Corona und Grippe oft ein Abwasch. Auch bei dieser Studie wurden verstorbene Patienten genauer untersucht. Neben dem bekannten Krankheitsbild haben die Pathologen "außerdem eine massive Anzahl von Blutgerinnseln in allen Abschnitten der Blutgefäße in der Lunge gefunden, vor allem aber in den feinsten Gefäßen, den Kapillaren", sagt Teamleiter Prof. Dr. Danny Jonigk von der Medizinischen Hochschule Hannover. "Diese Mikrothromben verstopfen die feinen Lungengefäße und vergrößern so zusätzlich die Atemnot des Patienten." Ein Phänomen, das auch bei schweren Grippe-Erkrankungen auftreten kann – allerdings nicht in dem Umfang.

Deutliche Unterschiede zu Grippeerkrankung

Covid-19 unterscheidet sich aber in einem Befund deutlich von der Grippe, der sonst eher mit Tumorerkrankungen, Autoimmunerkrankungen oder Vernarbungsprozessen in Verbindung gebracht wird. Das Virus löst in der Lunge eine besondere Form von Gefäßneubildung aus: "Diese sogenannte intussuszeptive Neoangiogenese ist bisher im Rahmen des diffusen Alveolarschadens noch nicht beschrieben worden und unterscheidet Covid-19 grundlegend von vergleichbar schweren Lungeninfektionen durch Influenzaviren", erklärt Danny Jonigk.

Klar ist: Trotz umfassender Untersuchungen sind das Ausmaß von Coronavirus und Covid-Krankheit auch nach einem guten halben Jahr nicht erfasst. Jede Obduktion ist aber ein Puzzelteil, die Krankheit besser verstehen zu können. Und in diesem Fall ist jedes Puzzelteil ein kleiner Meilenstein.

flo

Links zu den Studien

Die Studie Postmortem Examination of Patients With COVID-19 erschien am 21. Mai 2020 im Journal Jama. DOI: 10.1001/jama.2020.8907

Die Studie Pulmonary Vascular Endothelialitis, Thrombosis, and Angiogenesis in Covid-19 erschien am 21. Mai 2020 in The New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJMoa2015432

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