Covid-19 Warum sterben doppelt Geimpfte an der Deltavariante?

Laut englischen Statistiken sind etwas mehr vollständig Geimpfte durch eine Infektion mit der Deltavariante gestorben als Ungeimpfte. Diese Zahlen können leicht falsch verstanden werden, warnen Forscher.

Covid gestorbene England Rote Herzen Gedächtniswand
Die Londoner haben eine Wand zur Erinnerung an ihre weit über 150.000 an Covid-19 gestorbenen Landsleute eingerichtet. Das Archivbild zeigt Freiwillige, die Ende März ein Herz für jeden Gestorbenen auf die Wand malen, die sich in der Nähe von Westminster befindet. Bildrechte: imago images/VXPictures.com

Macht die Delta-Variante Impfungen mit den aktuell zur Verfügung stehenden Impfstoffen nutzlos? Diese Vermutung legen einige Impfskeptiker nahe und verweisen auf aktuelle Veröffentlichungen der britischen Gesundheitsbehörde "Public Health England" (PHE). Die nennt in ihren Reports zu den Coronavarianten auch Zahlen zu Menschen, die mit oder ohne Impfung an einer Infektion mit der Delta-Variante gestorben sind.

Falsche Interpretation der Daten

Der aktuelle Report (Nr. 18 vom 9. Juli 2021) führt auf Seite 17 auf, dass insgesamt 257 Patienten an einer Infektion mit Delta gestorben sind, innerhalb von 28 Tagen nach einem positiven Coronatest. Von den Verstorbenen waren 118 vor der Infektion vollständig geimpft worden, dagegen hatten 92 noch keine Impfung erhalten. Heißt das etwa, dass eine Impfung das Sterberisiko sogar erhöht, denn es sind ja mehr doppelt Geimpfte gestorben, als Ungeimpfte? Nein, das wäre eine falsche Interpretation dieser Daten, warnen unter anderem das Portal Spektrum.de und die BBC.

Zunächst: Schon die klinischen Tests haben gezeigt, dass keiner der Impfstoffe zu 100 Prozent vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 schützt. Zwar hieß es dann oft, dass eine Impfung zu 100 Prozent schwere Verläufe oder sogar Sterbefälle verhindern könne. Aber das gilt vor allem für normale, weitgehend gesunde Patienten.

Verstorbene Geimpfte gehörten meist zu den Hochrisikogruppen

Unter denjenigen, die ihre Impfung zuerst erhalten haben, waren aber viele Personen mit Risikofaktoren, wie Vorerkrankungen, ein hohes Alter oder sogenannte Immunsuprimierte. Das sind Menschen, die Medikamente zur Abschwächung ihres Immunsystems nehmen, weil sie zum Beispiel eine Organspende bekommen haben und die Medikamente verhindern, dass das Immunsystem das fremde Organ wieder abstößt. Für all diese Gruppen gilt: Das Immunsystem ist geschwächt und reagiert deshalb auch weniger stark auf den Impfstoff. Die Impfung wirkt nicht so gut bei diesen Gruppen und sie ist auch bereits ein paar Monate her.

Die aktuellen Daten zeigen: Unter den bislang 118 an Delta gestorbenen vollständig Geimpften waren 116 Personen, die bereits älter als 50 Jahre waren, ein Hinweis also, dass sie zu den Risikogruppen gehört haben.

Wenn die Mehrheit geimpft ist, sind auch die meisten Infizierten geimpft

Und dann ist wichtig, dass in England inzwischen eine Mehrheit mindestens einmal (67,7 Prozent) oder sogar doppelt (51,6 Prozent) geimpft ist. Ein Sprecher von PHE teilt auf Anfrage von MDR-WISSEN mit: "Wenn es mehr geimpfte Menschen gibt als ungeimpfte, dann ist es logisch, dass mehr Infektionen in der größeren Gruppe auftreten als in der kleineren."

Letztendlich sollten alle Daten berücksichtig werden. Und die zeigen: Von den bislang bestätigten 123.000 Infektionen mit der Deltavariante im Vereinigten Königreich sind nur etwa 10.800 bei vollständig Geimpften aufgetreten, das heißt: Mit 8,7 Prozent ist der Anteil der Infizierten mit Impfschutz deutlich kleiner als der Anteil Ungeimpfter, obwohl diese gesehen auf die Gesamtbevölkerung inzwischen eine Minderheit sind. Würden die Impfungen nicht schützen, wären die Zahlenverhältnisse umgekehrt.

Niedrige Impfquote macht Beibehaltung der Coronaregeln nötig

Nichtsdestotrotz zeigen die Zahlen auch: Der Schutz einer Impfung ist bei einer Infektion mit der Deltavariante geringer. Die Impfstoffhersteller arbeiten deshalb an einer Anpassung ihrer Impfstoffe. Und: Solange das Virus weiter zirkulieren kann, weil sich viele Menschen nicht impfen lassen wollen, solange werden Coronaregeln wie Maskenpflichten, Einschränkungen für Schulen und Sportvereine und andere Maßnahmen zur Eindämmung der Neuansteckungen notwendig bleiben. Wer ohne guten Grund eine Impfung ablehnt, verlängert damit die Corona-Einschränkungen für alle.

Quellen

94 Kommentare

Thivi vor 2 Wochen

An MRNA-Impfstoffen wird seit 1978 geforscht! Was jetzt passierte, ist eine Anpassung an das Virus. Klar, dass die Testphasen vielleicht zu kurz waren, aber das Virus ließ uns in Anbetracht der Toten keine Zeit! Zudem gibt es Parallelforschungen, die Rückschlüsse auf Wahrscheinlichkeiten beim neuen Impfstoff geben: Das ist der Vorteil von Wissenschaft!

Thivi vor 2 Wochen

Nach den Bildern von Bergamo dachte ich, wir benötigen einen Impfstoff! Jetzt haben wir viele und es wird nur geheult! Wie kann man denn bei einer Pandemie erwarten, dass jemand und Politiker wissen, was da auf uns zukommt? Politiker tragen zuweilen zumindest die Verantwortung für den Frieden in der Gesellschaft, da bedurfte es wohl auch der ein oder anderen Notlüge, wenn sie bewusst eine gewesen ist! Ich hätte der nicht bedurft, aber ich sehe ja, was die Kommentatoren hier verlangen!

Thivi vor 2 Wochen

Die Politik scheint hier das Prinzip Hoffnung zu favorisieren.
Klar, dass wir uns auch in der Familie angesteckt haben, aber das Virus wurde aus der Schule in unsere Familie gebracht! Vielen Dank, Herr Lortz, auch für die Lüftungsanlagen, nach denen wir uns sehnen! Aber die Stoffhandtücher auf den Toiletten, die meist um 10 Uhr bereits aufgebraucht sind, zeugen durchaus von einem Ansatz Ihrer Weitsicht! Wie wäre es mit einer zweiten Rolle und mit A und B mar-kiert: Ist Rolle A aufgebraucht, nutzt man Rolle B und die unterbesetzten Hausmeister können sich überlegen, ob sie Rolle A doch noch wechseln!