Pankreas Forschung zeigt neue Therapiewege für Diabetes Typ 1

Forschende suchen seit Jahrzehnten nach einer Möglichkeit, Diabetes so zu behandeln, dass die Betroffenen wieder ohne Hilfsmittel leben können. Eine aktuelle Studie gibt nun Hinweise, wie ein möglicher Beta-Zellersatz im Körper von Typ 1-Diabetikern funktionieren könnte. Das wiederrum kann spannende Impulse für neue Forschungen liefern.

Insulin-Molekül
Das ist der begehrte Stoff: Stilisierte Nachbildung eines Moleküls des Hormons Insulin. Forschende haben Stammzellen aus der Bauchspeicheldrüse eines Typ 1-Diabetikers dazu gebracht, das lebenswichtige Hormon zu produzieren. Bildrechte: IMAGO / Science Photo Library

Laut der International Diabetes Foundation leben derzeit 537 Millionen Menschen weltweit mit Diabetes, Tendenz steigend. Für die Betroffenen ist das mit Einschränkungen verbunden, außerdem entstehen durch die Blutzuckerschwankungen Langzeitschädigungen des Herz-Kreislaufsystems oder der Nerven. Über eine mögliche "Heilung" der Krankheit wird seit Jahrzehnten gesprochen – und es gab tatsächlich beachtliche Fortschritte in den letzten Jahren. Bislang hat allerdings keiner dieser Fortschritte dazu geführt, dass Menschen mit Diabetes Typ 1 ohne Hilfsmittel leben können.

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Ein Kind hält eine Insulinpumpe in seinen Händen 23 min
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Bauchspeicheldrüsenstammzellen wurden "regeneriert"

Die Autoren einer aktuellen Studie der Monash University in Melbourne wollen nun einen neuen Weg gefunden haben, Bauspeicheldrüsenstammzellen zu regenerieren. Diese Zellen stellen bei Typ 1-Diabetikern kein Insulin mehr her, deshalb muss das Stoffwechselhormon von außen zugeführt – also "gespritzt" – werden. Das Problem: Diese Zufuhr von außen funktioniert nicht ganz so gut, wie eine gesunde Bauchspeicheldrüse und ist für die Betroffenen mit Aufwand verbunden, weil sie mehrmals täglich eine auf Blutzucker und Ernährung abgestimmte Dosis Insulin brauchen.

Insulin-Pumpe
Viele Typ 1-Diabetiker verwenden solche Insulinpumpen, um ihre Blutzuckerwerte konstant zu halten. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Die Diabetesexperten Sam El-Osta, Keith Al-Hasani und Ishant Khurana haben nun einen Weg vorgestellt, der es Menschen mit Diabetes ermöglichen würde, komplett ohne derartige Hilfsmittel zu leben. Sie konnten die Bauchspeicheldrüsen-Stammzellen eines Spenders mit Diabetes Typ 1 im Labor "reaktivieren": Die Zellen übernahmen die Funktionen von Beta-Zellen – also derjenigen Zellen, die innerhalb der Bauchspeicheldrüse das Insulin produzieren – und stellten selbst Insulin her.

Beta-Zellen erzeugen ist kompliziert

Dieser Ansatz steht natürlich noch weit am Anfang – und bis zu einer möglichen Umsetzung innerhalb des menschlichen Körpers kann es Jahre bis Jahrzehnte dauern. Aber er schafft vielleicht neue Impulse für die weitere Forschung, denn: Bislang hatte man es zwar schon geschafft, Beta-Zellen künstlich zu erzeugen, allerdings nicht aus Pankreasstammzellen.

Bislang war man nämlich davon ausgegangen, dass die Bauchspeicheldrüsenzellen eines Typ 1-Diabetikers unter keinen Umständen mehr Insulin produzieren könnten. Ansätze zur Stammzellentherapie hatten sich deshalb eher darauf konzentriert, die relevanten Beta-Zellen durch embryonale Stammzellen oder adulte Stammzellen zu ersetzen. Allerdings ist auch dieser Weg nicht unkompliziert, beispielsweise wenn es darum geht, effizient eine relevante Menge an Beta-Zellen zu erzeugen.

Ein neuer Impuls für weitere Forschung

Insgesamt ist solcher solcher Beta-Zellersatz mit Pankreasstammzellen trotz aller Komplikationen durchaus eine spannende (perspektivische) Therapieform für Diabetes Typ 1 und womöglich auch teilweise für Diabetes Typ 2. Falls dieser Zellersatz eines Tages in größerem Maßstab gelingt, wäre das ein Paradigmenwechsel für die Diabetestherapie. Prof. Sam El-Osta, Mitautor der aktuellen Studie, sagt dazu, er denke, dass seine Forschung ein wichtiger Schritt zur Entwicklung neuer Diabetes-Therapieformen sei. Bislang habe man stets angenommen, dass die Bauchspeicheldrüse eines Typ 1-Diabetikers zu stark zerstört sei, um jemals wieder zu heilen – also Insulin zu produzieren.

Bislang ist es eher eine theroretische Idee

Zusammenfassend gibt die aktuelle Studie also durchaus einen interessanten Impuls für die weitere Forschung. Sie liefert neue Ideen, die für die Insulinproduktion wichtigen Beta-Zellen zu erzeugen – bislang hatte man das zwar auch schon geschafft, es war aber umständlich. Bis die Erkenntnisse aber das Leben von Diabetikerinnen und Diabetikern weltweit verändern könnten, wird es vermutlich noch länger dauern. Die Hoffnung auf neue Therapieformen ist unter den Betroffenen groß – und echte Durchbrüche lassen bislang auf sich warten. Allerdings wird derzeit von vielen Forscherteams an diversen Stammzelltherapien für Diabetiker geforscht, die aktuelle Studie ist lediglich ein Teil davon.

Die Medizin arbeitet derzeit daran, wieder Beta-Zellen in den Bauchspeicheldrüsen von Typ 1-Diabetikern entstehen zu lassen – aber es gibt noch ein paar Probleme, beispielsweise das der Autoimmunität: Typ 1-Diabetes entsteht, weil das körpereigene Immunsystem der Betroffenen die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört. Weil diese falsche Immunantwort noch im Körper "gespeichert" ist, würde das Immunsystem womöglich auch neu zugeführte Beta-Zellen wieder zerstören. Es müssten also kontinuierlich Immunsuppresiva eingenommen werden – und das ist wiederrum auch mit Einschränkungen verbunden.

Links/Studien

Die aktuelle Studie "Potential target for Type 1 diabetes treatment" ist hier abrufbar.

iz

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