Geschmackstest überzeugte Kunden Dresdner züchten aromatische Hochleistungs-Erdbeere

Erdbeeren: Manche sehen schön aus, schmecken aber nach nichts. Oder sie sind aromatisch, haben aber kaum Ertrag. Dresdner aber haben jetzt die aromatische Supererdbeere gezüchtet - und Kunden sind begeistert.

Kennen Sie Mietze Schindler? Mietze Schindler ist rot und rund und saftig mit süßlichem Waldbeerengeschmack. Sie ist auf dem Mist von Züchter Otto Schindler gewachsen, der diese Gartenerdbeere 1925 nach seiner Frau Mietze benannt hat.

Leider hat Mietze auch Nachteile. Sie bekommt leicht Druckstellen, ist anfällig für Krankheiten und nicht lange haltbar. Züchter Klaus Olbricht aus Dresden-Weixdorf hat nun eine Erdbeere auf dem Markt gebracht, die gesund und köstlich ist. Sie heißt Renaissance – auch weil die Erdbeere geschmacklich stark an Mietze Schindler erinnert:

Das Geheimnis für die Renaissance ist: Wir haben dort das Dreifache an Aromasummen, wie wir es sonst in unseren Sortimenten finden. Sie ist sehr wüchsig, sie ist auch robust, deshalb auch für den Hausgarten gut geeignet – und es gibt keinen Vergleich in den Sortimenten, auch nicht mit den alten Sorten.

Klaus Olbricht, Züchter

Die Renaissance-Erdbeere schmeckt intensiv nach Waldbeere

Renaissance schmeckt noch intensiver nach Waldbeere als "Mieze Schindler". Und das ist kein Zufall. Beide Erdbeersorten haben die gleichen wilden Großeltern. Für mehr Festigkeit und bessere Gesundheit wurde "Renaissance" jedoch mit einer norditalienischen Hochleistungssorte gekreuzt. Bis das Ergebnis dann vollmundig war, hat es gedauert.

"Natürlich ist die Züchtung auch viel Versuch und Irrtum. Es sind tausende Sämlinge und Klonen weggeschmissen worden und manches haben wir mit dem Chemiker dann auch analysiert. Und wenn man jetzt so eine Analyse macht, dann hat man vielleicht 100, 180 oder 200 Substanzen für so eine Kultursorte", sagt Olbricht.

Kunden testeten das Erdbeeraroma

Ein rundes Geschmackserlebnis herauszufiltern, war nicht nur eine Aufgabe für den Chemiker. Nach Kostproben sollten Mitarbeiter ihre Meinung sagen. Es gab auch spezielle Konsumententests mit Probanden in Dresden-Weixdorf.

Klaus Olbricht vor Erdbeerpflanzen
Züchter Klaus Olbricht. Bildrechte: MDR/Maren Beddies

Wir haben das hier einem Raum gemacht, weil man bestimmte Umgebungsbedingungen braucht. Die Früchte waren auch zerschnitten, so dass keine Beurteilung stattfand: ‚Oh, die sieht schön aus. Die Frucht, die muss gut schmecken!‘ Das sind ja so psychische Fallen in solchen Studien. Wir hatten Kinder mit acht Jahren bis zu über 80-Jährige, um das Spektrum auch abzudecken für so eine Studie.

Klaus Olbricht, Züchter

Erdbeeren haben viele Geschlechter

Das Ergebnis ist also nun eine Renaissance des Geschmacks plus bessere Qualität. Außerdem ist die Renaissance-Erdbeere sehr winterhart, bildet viele große Früchte. Und – das ist heutzutage ein wichtiges Anbaukriterium – die Renaissance braucht keine andere Erdbeersorte zum Bestäuben. Das ist nicht selbstverständlich bei Erdbeeren, erklärt Züchter Olbricht: „Es gibt interessante Geschlechtersysteme bei Erdbeeren. Wir haben dort eigentlich drei geschlechtliche Systeme: männlich, weiblich, zwittrig. Und wir haben auch halbfertile Zwitter und dort kann man also Natur gut begreifen. Mit divers hat man dann keine Probleme, wenn man Erdbeeren züchtet.“

Für Züchtung waren viele Wilderdbeerarten notwendig

Erdbeerzüchter brauchen viel Geduld - bis eine Sorte gefunden ist, die Konsumenten schmeckt, Obstproduzenten zufriedenstellt und auch die Aromaindustrie begeistert. Dafür konnte Züchter Olbricht auf eine umfangreiche Erdbeer-Wildartensammlung zurückgreifen. "Die Sammlung hat den Umfang von ungefähr 700 Akzessionen – das sind geografische Herkünfte der weltweiten bekannten ungefähr 23 Wildarten, die vor allem in der Nordhemisphäre, aber auch in Südamerika vorkommen."

Unternehmen hansabred wurde neu aufgebaut

Firmengelände Hansabred
Die Firma Hansabred in Dresden-Weixdorf. Bildrechte: MDR/Maren Beddies

Diese europaweit größte Sammlung erbte Klaus Olbricht vom 2008 verstobenen Botaniker Günter Staudt, mit dem er zusammengearbeitet hatte. Seinen Kulturschatz brachte der Erdbeerzüchter mit in das Unternehmen Hansabred ein, für das Olbricht forscht und das in Dresden-Weixdorf seinen Sitz hat. "Ich habe das mit meiner Assistentin aufgebaut – erst zu zweit, dann sind ein paar Leute dazugekommen", erzählt Olbricht.

Die Gelder für die Züchtungsforschung stammen aus der Privatwirtschaft: Vermehrungsbetreibe aus Deutschland, England, Frankreich, Spanien und den Niederlanden haben Interesse an gut schmeckenden und wachsenden Früchten – außerdem die verarbeitende Industrie.

Neue Sorte heißt Rendezvous

Für die neu entwickelte Sorte „Renaissance“, die seit diesem Jahr auf dem Markt ist, wurde europäischer Sortenschutz beantragt. Jetzt fließen rund 2,5 Cent pro Pflanze an Hansabred und damit in die weitere Züchtungsforschung.

Die neue Sorte, für die wir die Taufe im Jahr 2021 im europäischen Maßstab machen wollen, die jetzt schon auf Testfeldern ist, die wird ‚Rendezvous‘ heißen. Das ist eine Sorte im Frühbereich - und von ihr erhoffen wir uns, dass sie in den TopTen mitspielt. Die Kriterien sind sehr hart. Frühzeitigkeit ist so ein wichtiges Kriterium, weil im frühen Bereich auch mehr Geld verdient wird mit Erdbeeren als im späteren Bereich.

Klaus Olbricht, Züchter

Längst vergessene Weinbergserdbeeren kommen zurück

Das könnte vor allem für Obstbaubetriebe interessant werden, auch, weil die Sorte „Rendezvous“ geschmacklich und qualitativ der „Renaissance“ ähnelt. Dresden-Weixodrf verfolgt auch ungewöhnliche Forschungsansätze. Züchter Olbricht schwärmt von einem Projekt mit der TU Dresden zu historischen Weinbergserdbeeren:

Weinbergserdbeeren, die in dem Radebeuler Gebiet eine Bedeutung hatten bis zum ersten Weltkrieg, die kennt heute kaum noch jemand. Es gibt orangefarbene, weißfrüchtige Typen, die man in den Weinbergen angebaut hat als Unterkultur und dann in den Märkten Berlin, Chemnitz, Dresden, Leipzig verkauft hat. Sie wurden in Rhabarberblätter gehüllt und in Weidenkörbe verpackt. Wir haben Weinbergserdbeeren 2.0 aufgesetzt, die sind hocharomatisch.

Die Züchter hoffen, dass sich auch für diese organgefarbenen und weißen Früchte Genießer finden. Die Erdbeerzüchtung geht weiter.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 29. September 2019 | 11:15 Uhr