Biodiversität Weltweit nahezu ein Drittel aller Tiere und Pflanzen vom Aussterben bedroht

Eine neue Studie zu bedrohten Tier- und Pflanzenspezies bezieht erstmals systematisch die Daten von bislang oft kaum wahrgenommenen Studien aus dem globalen Süden ein. Dadurch verdreifacht sich die Zahl bedrohter Arten.

Baumfrosch, Rhacophorus pardalis Rhacophorus pardalis, ruht auf einem Blatt
Ein Baumfrosch (Rhacophorus pardalis) im Regenwald von Malaysia: Gerade in den Tropen sind zahlreiche Amphibien vom Aussterben bedroht. Bildrechte: imago images/blickwinkel

Weltweit sind in den vergangenen 500 Jahren wahrscheinlich zwischen 16 und 50 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten entweder ausgestorben oder akut vom Aussterben bedroht. Das ist ein deutlich höherer Anteil als bislang vermutet wurde. Die jetzt in der Fachzeitschrift "Frontiers in Ecology and the Environment" veröffentlichte neue Studie bezog die Daten oftmals übersehener Forscherinnen und Forscher aus dem globalen Süden ein. In die Studie gingen die Einschätzungen von 3.331 Expertinnen und Experten aus 187 Ländern ein.

Vor allem Süßwasserökosysteme wie tropische Flüsse und Moore bedroht

Geleitet wurde die Befragung von Professor Forest Isbell von der Universität Minnesota. Beteiligt waren zahlreiche weitere Institute weltweit, darunter auch das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. Vorangegangene Untersuchungen wie der Globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) im Jahr 2018 hatten den Anteil bedrohter Arten noch niedriger eingeschätzt. Damals kamen die Forschenden etwa zu dem Ergebnis, dass 10 Prozent aller Insektenarten weltweit bedroht sei. Diese Einschätzungen beruhten aber auf wenigen, gut dokumentierten Ökosystemen wie denjenigen Europas. Nun wurde der Blick deutlich erweitert.

Ein tropisches Insekt mit einer lila-grünen Hülle
Die wissenschaftliche Literatur erfasst nur einen kleinen Teil der Artenvielfalt. Insektenartenvor allem solche in den artenreichen tropischen Regionen, sind wenig erforscht und werden in Statusberichten zur Biodiversität kaum berücksichtigt. Bildrechte: Alexa Schmitz

"Dieser erhebliche Unterschied ergibt sich vor allem durch die Schätzungen für die am stärksten diversifizierten und am wenigsten untersuchten Arten", sagt Forest Isbell. Am höchsten schätzten die befragten Forscherinnen und Forscher die Verluste in Süßwasserökosystemen ein. Betroffen sind Amphibien, Säugetiere und Süßwasserpflanzen in tropischen und subtropischen Lebensräumen wie Flüssen, Feuchtgebieten und Wäldern.

Die Spannweite von 16 bis 50 Prozent haben die Studienautoren gemittelt auf 30 Prozent. "Auch wenn bei der begrenzten Informationslage noch nicht klar ist, welche Zahlen näher am wahren Wert liegen: Es wird deutlich, dass wir für ein vollständiges Bild der Lage die Meinung von Experten und Expertinnen für alle Artengruppe in jeder Region der Welt einholen müssen“, sagt Isbell.

Naturschutzgebiete reichen nicht: Neue Schutzkonzepte notwendig

Die Expertinnen und Experten sind optimistisch, dass mit mehr Investitionen und stärkeren Bemühung um Artenschutz bis 2100 immerhin eine von drei bedrohten Arten vor dem Aussterben gerettet werden kann. "Es müssen jedoch geeignete Schutzkonzepte entwickelt werden, die auf ein breiteres Spektrum von Organismen abzielen, um die Krise der biologischen Vielfalt zu bekämpfen“, sagt Mitautor Nico Eisenhauer, Professor beim iDiv und an der Universität Leipzig.

Eisenhauer warnt jedoch auch: "Jüngste Studien deuten darauf hin, dass mehrere aktuelle Naturschutzprogramme möglicherweise keine positiven Auswirkungen auf die biologische Vielfalt im Boden haben. Diese umfasst immerhin etwa ein Viertel aller Arten auf der Erde. Wir müssen dringend wissenschaftliche Fortschritte erzielen, um wirksamere Schutzmaßnahmen vorschlagen zu können."

(ens/idw)

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