Artenvielfalt Tschüss, Biodiversität: Generalisten verdrängen Spezialisten

Einerseits gelten weltweit zwei von fünf Pflanzenarten als vom Aussterben bedroht. Andererseits spiegeln das die Arten-Zahlen nicht wieder. Aber was ist nun richtig? Wie diese scheinbar widersprüchlichen Aussagen miteinander zusammenhängen, zeigt eine Studie aus Sachsen-Anhalt.

Blühende Bergwiese
In den Gipfelzonen der Alpen wächst die Zahl der Pflanzenarten derzeit durch einwandernde Arten. Langfristig werden es dort aber aber weniger Arten, sagt die Forschung. Bildrechte: Harald Pauli/ÖAW

Arten, die keine besonderen Ansprüche an ihre Umwelt stellen und egal unter welchen Bedingungen gedeihen, verbreiten sich und besiedeln Lebensräume, die bislang eher von Spezialisten besiedelt sind. Das hat eine Forschungsgruppe des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung iDiv in Halle und der Universität Halle/Wittenberg herausgefunden. Aber was bedeutet eigentlich diese Lebensraum-Verschiebung für die Natur? Sie führt zu einem Biodiversitäts-Paradoxon. Da, wo anspruchslose Pflanzen neue Lebensräume erobern, steigt zunächst die Artenvielfalt. Das klingt erst mal gut. Wenn aber "Allerweltspflanzen" dann den Lebensraum von "Spezialisten" komplett übernehmen und die Spezialisten nicht mehr gedeihen, sinkt die Artenvielfalt, ohne dass sie in Zahlen als Minus auftaucht. "McDonaldisierung" nennt das die Wissenschaft, wenn sich Ökosysteme weltweit immer ähnlicher werden - und das hat weitreichende Folgen. Denn jede spezialisierte Pflanze ist wiederum ein wichtiger Baustein im Ökosystem. Oder wie Studien-Mitautor Dr. Harald Pauli sagt: "Jede Art, die verloren geht, ist ein unwiederbringlicher Verlust und hat Auswirkungen auf das Ökosystem." Denn jede Pflanzenart ist gleichzeitig auch verwoben mit der Welt der Insekten oder beispielsweise mit Bodenorganismen."

Wie belegt man den Schwund der Pflanzenvielfalt?

Aber wie stellt man so etwas fest? Das Forschungsteam hat Aufzeichnungen von Vegetations-Beobachtungen an 141 Standorten mit insgesamt 5.221 neu erfassten Flächen auf Gipfeln, in Wäldern und Wiesen in Europa ausgewertet. So konnten die Forschenden Zuwachs und Verlust von 1827 Pflanzenarten errechnen und prüfen, ob die Größe des Verbreitungsgebiets Artenzuwachs oder -abnahme erklären. Benutzt wurden dafür Datenbanken, die zum Teil aus den 1940er-Jahren stammen. Die Analysen zeigten, wie sich Verluste und Zunahmen geographisch verteilen: Die höchsten Verluste, 126 Arten, traten allein in ungarischen Waldsteppenlandschaften auf, die größten Gewinne, 102 Arten, in Eichenwäldern mit saurem Boden in der Tschechischen Republik.

Wo sich Wiese, Hochgebirge und Krautschicht ähneln

Die Forscher fanden in komplett verschiedenen Lebensräumen verblüffende Ähnlichkeiten: Ob alpine Gipfelzone, Krautschicht in Wäldern und artenreiche Wiese und Weide im Tiefland, überall nehmen weitverbreitete Pflanzenarten in den vergangenen Jahrzehnten zu. Arten, die in kleinen Lebensräumen auf nährstoffärmeren Böden gedeihen, werden weniger. Wobei in den alpinen Gipfelzonen die Zahl der Arten derzeit steigt, weil die anspruchslosen Arten sich erst in höhere Lagen vorarbeiten. Studien-Erstautor und Biologe Dr. Ingmar Staude sagt, langfristig sei jedoch auch hier eine Verdrängung zu erwarten.

Warum gehen Pflanzen auf Eroberungsreise?

Aber warum ist das eigentlich so, warum gehen Pflanzen auf "Wanderschaft"? Dafür gibt es den Biologen zufolge verschiedene Treiber. Zum einen die veränderte Landnutzung, wenn komplexe, natürliche Ökosysteme in Ackerland und intensiv genutztes Grünland verwandelt wird. Das ändert die Bodenqualität, wenn Nährstoffe wie Stickstoff aus der Landwirtschaft in den Boden gelangen. Aber auch Verbrennungsprozesse aus dem Verkehr und der Industrie sowie die Erwärmung der Böden durch den Klimawandel, speziell im Hochgebirge, spielen eine Rolle, erklärt Mitautor Dr. Harald Pauli.  

Schutzgebiete: Reichen sie aus?

Die Studie belegt nun allerdings, das Allerweltspflanzen nicht nur auf von Menschen bewirtschaftetes Land ziehen. Sie ziehen auch dahin um, wo der Mensch bewusst nicht eingreift, in geschützte Gebiete. Für die Forscher ein wichtiger Fakt: Sie fragen sich in ihrer Studie, ob der Schutz von Lebensräumen für den Artenschutz ausreicht. Sie sagen sogar: Möglicherweise brauchen wir in bereits geschützten Gebieten aktive Schutzmaßnahmen, um diese Refugien für Spezialisten zu erhalten und um zu verhindern, dass die biologische Vielfalt auch dort schrumpft.

Die komplette Studie lesen Sie hier im Original.

(lfw)

3 Kommentare

Dorfmensch vor 40 Wochen

Aber was ist mit den Städten und urbanen Räumen? Hier fehlt noch mehr Biodiversität als in den ländlichen Räumen. Aber der Wohlstands- und Wohlfühlgesellschaft kann man keine Einschränkungen zumuten.

Anni22 vor 40 Wochen

@ part Vielleicht würden auch ein paar Herden wildlebende weidender Tiere gehen. Aber wir Menschen lassen einfach keinen Raum mehr dafür. Ein Ökösystem funktioniert nun mal nur als Ganzes, es reicht nicht ein paar Samen auzuwerfen.

part vor 40 Wochen

So sieht es eben auf den meisten Stilllegungsflächen aus, für die jedes Jahr Subventionen an die Agrargenossenschaften fließen. In ersten und zweiten Jahr war noch die ursprüngliche eingesäte Pflanzenvielfalt vorhanden, ab dem dritten Jahr tummelt sich dort nur noch Ackerunkraut, dessen Samen die Gegend weiträumig kontaminiert. Die Landwirtschaftsämter zahlen fleißig weiter Subventionen ohne Kontrolle der Flächen, möchte man meinen? Von der Artenvielfalt in der Fauna ist dann nicht mehr viel vorhanden, wenn die Fläche nicht abgebrannt oder jedes Jahr neu ökologisch bewirtschaftet wird. Die größte Artenvielfalt bietet immer noch die Weidewirtschaft durch Schafe, doch diese gerät immer mehr ins Hintertreffen.