Coronainfektion Covid-19 Wie gefährlich ist eine Epidemie wirklich?

11. März 2020, 13:17 Uhr

Im Zusammenhang mit Covid-19, der neuen Coronainfektion, ist das Wort Epidemie in aller Munde. "Wir stehen am Anfang einer Covid-19 Epidemie", sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Das klingt angsteinflößend, denn wir verbinden damit Erinnerungen an Seuchen wie Pest und Cholera. Doch was verbirgt sich eigentlich wirklich hinter diesem Begriff? Ab wann wird eine Krankheit zur Epidemie?

Zwei Menschen mit Mundschutz 3 min
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Während der Pest- und Choleraepidemien starben Millionen Menschen. Steht uns das nun auch bevor? Darüber sagt der Begriff Epidemie nur gar nichts aus, denn er definiert die Schwere und damit die Sterblichkeit einer Erkrankung nicht, sagt der Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Leipzig, Uwe Gerd Liebert:

Uwe Gerd Liebert
Uwe Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es geht nicht darum, dass viele Menschen binnen kurzer Zeit sterben. Es geht darum, dass viele Menschen in relativ kurzer Zeit infiziert werden.

Uwe Gerd Liebert, Institut für Virologie, Uniklinikum Leipzig

Damit stehen wir schon vor der nächsten Frage: Wie viel ist in diesem Zusammenhang "viel"? Wie viele Menschen sich in einem bestimmten Zeitraum infizieren müssen, damit man von einer Epidemie spricht, ist nicht festgelegt, sagt Matthias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum in Jena:

Der Begriff sagt eigentlich nur, dass sich ein Erreger sehr leicht ausbreitet.

Matthias Pletz, Institut für Infektionsmedizin, Uniklinikum Jena

Eine weitere Bedingung, um von einer Epidemie zu sprechen, ist, dass es derselbe Erreger ist, der sich in einem bestimmten Zeitraum in einer bestimmten Region vermehrt. Im Fachwörterbuch des Robert Koch-Instituts (RKI) heißt es dazu:

Im Vergleich zur Ausgangssituation treten bestimmte Erkrankungsfälle mit einheitlicher Ursache vermehrt auf, der Prozess ist zeitlich und räumlich begrenzt.

Fachwörterbuch des RKI

Epidemien erleben wir jedes Jahr

Wenn Experten von einer Epidemie sprechen, hat das also nichts damit zu tun, dass besonders viele Menschen besonders schwer an einer bestimmten Infektion erkranken. Dass wir als Laien damit eine hohe Sterblichkeit verbinden, weil wir an Pest, Cholera oder Spanische Grippe denken, ist nachvollziehbar, aber falsch. Und für Mediziner sind Epidemien auch nichts Besonderes. Wir erleben sie fast jedes Jahr, sagt Uwe Gerd Liebert von der Uni Leipzig.

Wir haben nahezu jedes Jahr eine Grippe-Epidemie - ein Ausbruch von Grippe-Infektionen. Der kann stärker oder schwächer sein. Wenn wir viel Glück haben, dann bleibt auch einmal eine solche Epidemie aus, aber in den letzten Jahren hatten wir immer Epidemien bei Grippe-Infektionen.

Uwe Gerd Liebert

Schwere Grippe-Epidemien haben allein in Deutschland schon über 20.000 Todesopfer gefordert. Der Begriff Pandemie (griech. "pan" für "alles" und "demos" für "das Volk") wurde sogar eigens für die Grippe erfunden. Er wird dann verwendet, wenn der Erreger sich weltweit ausbreitet. Obwohl das beim neuartigen Coronavirus schon der Fall ist, hat die WHO noch keine Pandemie ausgerufen. Matthias Pletz von der Uni Jena erklärt das so:

Pandemie-Weltkarte
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Pandemie ist weniger ein medizinischer, sondern eher ein politisch besetzter Begriff, der viele Maßnahmen nach sich zieht.

Matthias Pletz

Da müsse man sich genau überlegen, zu welchem Zeitpunkt man eine Erkrankungswelle zur Pandemie erklärt, so Pletz. Er geht davon aus, dass die WHO genau das in den nächsten Tagen tun wird. Sie definiert eine Pandemie als eine Situation, in der die ganze Weltbevölkerung einem Erreger potenziell ausgesetzt ist und teilweise daran erkrankt. Darüber, wie ansteckend oder tödlich die jeweilige Krankheit ist, sagt jedoch auch dieser Begriff nichts aus.

Was die Epidemie angeht, sind sich die Ärzte einig: Die haben wir. Wir befinden uns am Anfang. Das sagt nur nichts darüber aus, wie schwer sie verlaufen wird.

kd/krm

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 10. März 2020 | 06:50 Uhr

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