Faktencheck zur "Wasserlüge" Können wir Leitungswasser bedenkenlos trinken?

Wasser ist für uns Menschen lebenswichtig: Zwei bis drei Liter sollen Erwachsene täglich trinken. Manche bevorzugen ihr Wasser aus der Flasche - mit oder ohne Sprudel, andere setzen einfach auf Leitungswasser. Doch in den sozialen Netzwerken tauchen in letzter Zeit vermehrt Videos auf, in denen behauptet wird, dass es noch nie so gefährlich gewesen sei wie heute, Wasser aus der Leitung zu trinken. Aber stimmt das? Die Behauptungen der "Wassertester" im Faktencheck:

von Kristin Kielon

Wasser fließt in ein Glas
Über Trinkwasser gibt es viele Mythen. Bildrechte: IMAGO

Das klingt alarmierend: "Achtung, Achtung" signalisieren die Emoticons in einem Facebook-Beitrag, daneben steht "Die Wasserlüge". In einem schwarz-weiß Video ist Christian Marre aus Stendal zu sehen. Er berichtet von Schadstoffen im Wasser, von Ungeziefer und unzureichender Kontrolle durch die Wasserversorger. Ein Blick ins Impressum seiner Facebook-Seite verrät: Der Mann in dem Video verkauft Wasserfilter für private Haushalte. Stimmt also überhaupt alles, was er in seinem Video behauptet? Da uns das unser "Wasserwerk und die Mineralwasserindustrie niemals verraten werden", wie er erklärt, haben wir für den Faktencheck unabhängige Wissenschaftler und Organisationen mit den Behauptungen konfrontiert.

Behauptung 1: Noch nie war Leitungswasser so gesundheitsschädlich wie heute.

In diesem Punkt sind sich alle Experten einig: Diese Behauptung ist schlicht falsch, die Fakten sprechen für das genaue Gegenteil. Dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge, muss hier "entschieden widersprochen werden". Den jüngsten UBA-Trinkwasserberichten zufolge hatte das Trinkwasser zuletzt eine gute bis sehr gute Qualität.

Die Qualitätskriterien für Trinkwasser und die dazugehörigen Grenzwerte wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder verschärft, erläutert Dr. Karsten Rinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Er leitet dort die Abteilung Wasserressourcen und Umwelt. "Somit sind die Anforderungen an die Wasserqualität unseres Trinkwassers stetig gestiegen", ergänzt Rinke. Neu auftauchende Problemstoffe würden in entsprechende Regelwerke aufgenommen. Hygienische Probleme beim Trinkwasser seien heute in der Regel durch engmaschiges Qualitätsmonitoring und moderne Aufbereitungstechnik quasi ausgeschlossen.

Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt weist darauf hin, dass die Trinkwasserverordnung die Verordnung mit den weltweit höchsten Anforderungen an die Trinkwasserqualität sei. Wenn Wasserversorger sich nicht an die Grenzwerte und Regelungen hielten, drohten ihnen strafrechtliche Konsequenzen.

Behauptung 2: Pro Tag konsumierst du circa 100 Kunststoffteilchen, vor allem druch Wasser.

Hier stellt sich zunächst die Frage, was eigentlich mit "Kunststoffteilchen" gemeint ist? Gehen wir davon aus, dass es sich um Mikroplastik handelt. Denn davon könnten wir tatsächlich etwa fünf Gramm pro Tag aufnehmen, sagt eine Studie der University of Newcastle in Australien. Das wäre in etwa so viel wie eine Kreditkarte wiegt, legt die Untersuchung nahe.

Mikroplastik-Partikel im Größenvergleich neben einer Ein-Cent-Münze
Trinken wir täglich fast fünf Gramm Mikroplastik? Bildrechte: imago images / Christian Ohde

UFZ-Forscher Rinke hat da seine Zweifel. "Die Konsumption von Plastikpartikeln durch Menschen ist bisher unzureichend quantifiziert worden", sagte er. Die Untersuchungen seines Instituts in Oberflächengewässern zeigten aber sehr geringe Mikroplastikkonzentrationen. Die Wasser-gebundene Aufnahme von Plastik sei daher verschwindend klein. Die Größenordnung von einer Kreditkarte Gewicht hält er für "deutlich zu hoch gegriffen".

Das Umweltbundesamt hingegen verweist unter anderem auf jüngste Ergebnisse des Verbund-Projekts MiWA (Mikroplastik im Wasserkreislauf) und stellt fest, "dass Mikroplastik im Trinkwasser nicht annähernd in besorgniserregenden Konzentrationen nachgewiesen wird", erklärte UBA-Expertin Dr. Tamara Grummt. Das sei auch nicht verwunderlich, da die Wasseraufbereitung zum überwiegenden Teil auf der Entfernung von Partikeln beruhe.

Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt verweist auf das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Deren Erkenntnisse sagten, dass Mikroplastik wahrscheinlich in Lebensmittel gelange, wobei unklar sei, wie viel Mikroplastik genau enthalten ist und wie die Zusammensetzung aussieht. Bisherige Untersuchungsergebnisse dazu hätten keine eindeutigen Rückschlüsse zugelassen, viele Fragen blieben offen. An zahlreichen Forschungseinrichtungen wird zu diesem Thema weiter geforscht - unter anderem auch am Umweltforschungszentrum.

Wasser sprudelt aus einem Wasserhahn in ein Glas 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Behauptung 3: An den meisten Orten in Deutschland gleicht das Trinkwasser einer flüssigen Apotheke.

Die "flüssige Apotheke" halten die unabhängigen Wasser-Forscher für "reine Panikmache". Die Aussage, dass es Medikamenten-Rückstände im Wasser gibt, ist allerdings richtig. Das ist eigentlich ganz logisch: Über unseren Urin gelangen Reste ja auf jeden Fall ins Abwasser. Aber die Problematik ist wie so oft ein bisschen komplexer:

Toxikologin Dr. Tamara Grummt vom Umweltbundesamt zufolge findet man die genannten Stoffe durchaus im Trinkwasser. Die Behauptung ist also nicht falsch, aber etwas verkürzt. Denn sie sind erstens sehr lokal begrenzt und zweitens in sehr niedrigen Konzentrationen, "weit unterhalb einer schädigenden Wirkung" zu finden, so Grummt.

Die hoch entwickelte chemische Analytik weist eine große Menge an Spurenstoffen im Nanogramm- und Pikogramm-Bereich nach.

Dr. Tamara Grummt, Umweltbundesamt
Medikamente
Medikamenten-Spuren sind im Wasser nachzuweisen. Aber macht nicht die Dosis das Gift? Bildrechte: colourbox

Der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt zufolge gibt es für Medikamente im Trinkwasser keine Grenzwerte, sondern den sogenannten gesundheitlichen Orientierungswert (GOW). Der werde niedrig angesetzt, um gesundheitliche Risiken auch im Falle einer lebenslangen Aufnahme möglichst auszuschließen bzw. zu minimieren. Für einige sehr häufig benutzte Medikamente gibt es Leitwerte. Prinzipiell geht es nicht unbedingt mit gesundheitlichen Risiken einher, dass ein Arzneimittel im Trinkwasser nachweisbar ist, erläutern die Verbraucherschützer. "Die Nachweishöhe ist meist weit entfernt von jeglicher therapeutischer Wirksamkeit."

Auch der UFZ-Wasserexperte Dr. Karsten Rinke weist auf die extrem guten analytischen Fähigkeiten in der Wasserchemie hin. Heutzutage sei es kein Problem mehr auch extrem geringe Mengen nachzuweisen.

Für einige Substanzen können Konzentrationen nachgewiesen werden, die zum Beispiel einem im Bodensee aufgelösten Zuckerwürfel entsprechen.

Dr. Karsten Rinke, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Es seien also in der Tat mit der entsprechenden Analytik einige Spurenstoffe nachweisbar. Hier müssten aber die Konzentrationen im Auge behalten werden, die im Trinkwasser äußerst gering seien, so Rinke weiter. "Der Vergleich mit einer 'flüssigen Apotheke' ist daher übertrieben und unsachlich."

André Lerch ist Professor für Verfahrenstechnik in Hydrosystemen an der Technischen Universität Dresden und beschäftigt sich demnach unter anderem damit, wie man diese Medikamentenreste wieder aus dem Wasser bekommt. Er beruhigt auf Nachfrage: Arzneimittel-Rückstände gebe es zwar, aber es sei noch machbar, die herauszufiltern.

Der Unterschied zwischen Grundwasser und Trinkwasser

Es ist stets zwischen Grundwasser und Trinkwasser zu unterscheiden! Trinkwasser unterliegt aufwendigen Aufreinigungsprozessen, bei denen gesundheitsschädliche Stoffe, die möglicherweise im Grundwasser vorkommen, entfernt werden. Problematiken bezüglich des Grundwassers können deshalb nicht ohne Weiteres auf Trinkwasser übertragen werden!

Quelle: Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt

Behauptung 4: Nitrat belastet zunehmend die Qualität des Grundwassers.

Diese Aussage ist erst einmal nicht ganz falsch. Nitrat belastet die Qualität des Grundwassers in einigen Regionen Deutschlands - ob das "zunehmend" der Fall ist, darf aber bezweifelt werden. Auf Druck der EU wegen zu hoher Nitratwerte musste die Politik da in der Vergangenheit ohnehin nachsteuern und im Zuge von Novellierungen der Düngemittelverordnung strengere Grenzen festlegen.

Wasserglas auf Wiese
Nitrat ist vor allem ein Problem im Grundwasser. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dennoch sind mehr als ein Viertel unserer Grundwasserkörper durch Nitrat übermäßig belastet, erläutert UFZ-Forscher Dr. Karsten Rinke. Sie stünden der Trinkwasserversorgung nicht mehr zur Verfügung. Eindeutig Schuld daran sei die Düngung der Landwirtschaft. Besonders belastet ist das Grundwasser dementsprechend auch in Gebieten mit intensiver Landwirtschaft. In der norddeutschen Tiefebene etwa - einem der ergiebigsten Grundwasserkörper - sei das Grundwasser so sehr mit Nitrat belastet, dass die Region mit Talsperrenwasser aus dem Harz versorgt werden muss, so Rinke.

Obwohl die Nitratbelastung ein schwerwiegendes Problem ist, ist es von der Wasserqualität des Trinkwassers insofern zu trennen, weil die betreffenden Wasserkörper von der Trinkwassernutzung ausgeschlossen werden.

Dr. Karsten Rinke, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Trotzdem bestehe hier Handlungsbedarf, damit die Qualität unserer Grundwasserkörper nachhaltig geschützt werden. Die müssen nämlich auch zukünftigen Generationen noch als Trinkwasserressource zur Verfügung stehen, erklärt Rinke. Einige Experten haben schon jetzt Befürchtungen, dass uns irgendwann ein Streit ums Wasser drohen könnte.

Für das Umweltbundesamt spielt Nitrat nach eigenen Aussagen hinsichtlich der Trinkwasser-Qualität schon seit Jahren keine Rolle mehr. Das zeigten auch die Trinkwasserberichte des UBA.

Der Unterschied zwischen Grundwasser und Trinkwasser

Es ist stets zwischen Grundwasser und Trinkwasser zu unterscheiden! Trinkwasser unterliegt aufwendigen Aufreinigungsprozessen, bei denen gesundheitsschädliche Stoffe, die möglicherweise im Grundwasser vorkommen, entfernt werden. Problematiken bezüglich des Grundwassers können deshalb nicht ohne Weiteres auf Trinkwasser übertragen werden!

Quelle: Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt

Behauptung 5: In den Haushalten werden die Grenzwerte für Schwermetalle überschritten.

Diese Behauptung bezeichnet das Umweltbundesamt schlicht als "falsch". Wasser-Forscher Rinke vom UFZ erläutert zusätzlich, dass die Trinkwasserverordnung für Nickel und andere Schwermetalle einen Grenzwert festlegt, der am Abgabepunkt des Trinkwassers eingehalten werden muss. Bei Wasserinstallationen nach dem anerkannten Stand der Technik sei das Risiko für die Freisetzung von Schwermetallen aus Leitungen und Armaturen äußerst begrenzt. Außerdem gebe es regelmäßige Kontrollen durch die Gesundheitsämter - nicht in den Haushalten, aber an den Wasserhähnen von öffentlichen Einrichtungen.

Leitungswasser fließt aus einem Hahn ins Glas
Bei Angst vor Bleileitungen zuerst den Vermieter fragen. Bildrechte: IMAGO

Allerdings ist es der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt zufolge möglich, dass es bei sogenanntem Stagnationswasser - also wenn das Wasser länger als vier Stunden in der hausinternen Leitung gestanden hat - zu erhöhten Schwermetallwerten kommen kann. Grund dafür seien mögliche Metallübergänge aus den Rohrleitungen. Doch dafür gebe es eine einfache Lösung: Wenn man den Wasserhahn länger nicht benutzt hat, sollte man das Wasser zunächst so lange laufen lassen, bis es ganz kalt aus der Leitung kommt.

Im Fall von Blei können auch sehr alte Bleileitungen Schuld sein, dass das giftige Metall im Wasser landet. Die gibt es kaum noch, aber in sehr alten Gebäuden vor allem in Ost- und Norddeutschland können sie vereinzelt noch vorkommen. Ob das der Fall ist, muss gegebenenfalls der Vermieter beantworten können.

Behauptung 6: In den Leitungen gibt es Wasserasseln, deren Kot und Überreste im Trinkwasser landen.

Die Feststellung, dass es sogenannte Wasserasseln in Trinkwasser-Versorgungsleitungen gibt und deren Kot sich dort anreichert ist erst einmal richtig. Aber heißt das auch, dass das Wasser verunreinigt ist?

Ein Eiswürfel fällt in ein Glas mit Wasser.
Leitungswasser kann bedenkenlos getrunken werden, sagen die Experten. Bildrechte: PantherMedia / Markus Mainka

Im Video von "Marre Wasser" wird diesbezüglich auf eine Untersuchung der Technischen Universität Berlin verwiesen. Angefertigt hat die Studie, die offenbar gemeint ist, Dr. Günter Gunkel. Konfrontiert mit den Behauptungen im Wasserfilter-Video, antwortet er: "Allerdings sind viele der Aussagen von marre Wasser irreführend bzw. falsch und überschreiten eine normale Pointierung der Trinkwasserproblematik." Ein Indikator für Verunreinigung seien sie nicht.

Gunkel erläutert, dass es in allen Wasserleitungen Kleintiere wie Wasserasseln geben kann. Sie seien Bewohner der Sandfilter, die zur Reinigung des Rohwassers eingesetzt werden. Damit seien sie die biologische Stufe der Trinkwasseraufbereitung. Diese Kleintiere der Sandfilter können in geringer Anzahl ausgetragen werden und ins Leitungsnetz gelangen, so Gunkel weiter. "Von besonderem Interesse sind hierbei die Wasserasseln, da sie mit bloßem Auge erkennbar sind (ca. bis 15 mm lang), und mitunter auch in großer Anzahl vorkommen." Dass diese Tierchen es aber bis in die Haushalte schaffen, sei unrealistisch.

Mir ist aber bislang noch kein Fall bekannt geworden, dass Wasserasseln am Wasserhahn vorkommen. Das Milieu der dünnen Trinkwasserleitungen im Haus und die hohen Fließgeschwindigkeiten des Wassers in den Hausleitungen sind nicht verträglich für die Tiere.

Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Günter Gunkel, TU Berlin

Der Forscher stellte außerdem klar, dass sie in ihrer Untersuchung auch keinen Wasserasselkot am Wasserhahn gefunden hätten, das sei aber auch gar nicht Teil der Untersuchung gewesen. "Hier verbreitet marre Wasser Unsinn", sagte Gunkel und ergänzte, dass in den meisten Bundesländern ohnehin ein Hausfilter hinter der Wasseruhr vorgeschrieben sei, der auch Kleintiere und Wasserasselkot zurückhalte. Seine Untersuchungen hätten außerdem im Leitungsnetz der Wasserbetriebe stattgefunden, da das Ziel ja gewesen sei, geeignete Spülverfahren gegen Wasserasseln zu entwickeln. Denn es gebe akuten Handlungsbedarf, so Gunkel.

Wir haben in 80 Prozent der untersuchten Proben Wasserasseln gefunden, überwiegend in Regionen der norddeutschen Tiefebene und in Mitteldeutschland, allerdings traten in 25 Prozent der Proben deutlich zu viele Wasserasseln auf, in einigen Trinkwasser-Versorgungsleitungen kommt es sogar zur massenhaften Entwicklung von Wasserasseln.

Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Günter Gunkel, TU Berlin

Schuld an diesen Zahlen sei unter anderem der "Klimaeffekt". Die steigenden Temperaturen der vergangenen Jahre hätten demnach auch die Temperatur des Rohwassers erhöht, was wiederum zum schnelleren Wachstum der Wasserasseln führte, erläutert der Forscher. Eine Gesundheitsgefahr seien die Kleintiere allerdings nicht.

Doch diese Untersuchung ist schon ein paar Jahre älter und seitdem ist einiges passiert: Gunkel und sein Team haben weiter geforscht und Verfahren entwickelt, wie das Vorkommen der Kleintiere bekämpft werden kann. Mittlerweile habe man "eine hohe Kompetenz auf dem Gebiet" erreicht, die den Wasserversorgern zur Verfügung stehe. Außerdem sei 2018 eine Regelung erlassen worden, die diese Problematik reguliert und nach der auch regelmäßig auf Kleintiere beprobt werden müsse.

Die Diskussion um Wasserasseln ist für UFZ-Forscher Dr. Karsten Rinke eher "hysterisch". Seine Empfehlung: locker bleiben! Wir sollten es eher so sehen, dass unser Wasser ja nicht allzu sehr mit Schwermetallen und Insektiziden belastet sein kann, wenn die Wasserasseln dort überleben können.

Jeder würde es befürworten, aus einer Bergquelle mitten in unberührter Natur zu trinken, obwohl diese Lebensräume ebenfalls von Krebsen und anderen wirbellosen Tieren besiedelt sind. Bei der streng kontrollierten Wasserleitung ist aber jeder Organismus eine Bedrohung.

Dr. Karsten Rinke, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Behauptung 7: Wasser hat eine belastende anstatt eine entgiftende, entschlackende Wirkung.

Das ist eine haltlose, unbelegte Behauptung. Das sieht auch UFZ-Forscher Rinke so: "Wenn dem so wäre, würde die Lebenserwartung in Deutschland nicht kontinuierlich ansteigen". Die Trinkwasserverordnung reguliere die Grenzwerte für die relevanten Stoffgruppen und mikrobiologischen Parameter und die Gesundheitsämter kontrollierten die Einhaltung. "Dies entspricht dem gegenwärtigen Stand des Wissens", so Rinke. Der TU Berlin-Forscher Dr. Günter Gunkel bezeichnet diese Behauptung sogar als "Nonsens".

Der Dresdner Professor Lerch weist außerdem darauf hin, dass es auch nicht gut ist, "totes Wasser" zu trinken. Es sei nicht nur ganz natürlich, dass Trinkwasser Keime enthalte, sondern auch wichtig für unseren Organismus. Keimfrei heißt beim Wasser also nicht automatisch gut, so Verfahrenstechniker Lerch. Auch er selbst trinke immer Leitungswasser, denn das sei sehr gut kontrolliert.

Behauptung 8: Die Wasserwerke testen das Wasser nur im Wasserwerk.

Diese Aussage ist falsch. Die Wasserwerke müssen auch im Netz Untersuchungen durchführen. Ab dem Wechsel von der Versorgungsleitung in die Trinkwasserleitung des Hauses wechselt die Zuständigkeit: Für die Leitungen im Haus ist der Eigentümer zuständig. Das ist übrigens auch der Grund, warum nie jemand von den Wasserwerken das Wasser an Ihrem Wasserhahn testen wird: Diese Tests finden im Leitungsnetz der Straßen statt, erläuterte TU Berlin-Forscher Gunkel.

Ein Fuchs nimmt ein Sonnenbad auf einer Wasserleitung in Berlin
Die Wasserwerke überwachen die Qualität des Wassers auch im Versorgungsnetz. Bildrechte: imago images / Lars Reimann

Dass sich der Zustand des Wassers während des Aufenthalts in der Rohrleitung verändert, stimmt allerdings, so UFZ-Experte Rinke. "Aus diesem Grunde wird das Wasser auch an mehreren Punkte im Verbundsystem (z.B. Hochbehälter, Übergabepunkte,…) regelmäßig und engmaschig kontrolliert." Die Trinkwasserverordnung lege eindeutig fest, dass die Grenzwerte am Wasserhahn des Verbrauchers - also dem Abgabepunkt - eingehalten werden müssen.

Aber wie kann das gewährleistet werden, wenn an meinem Privat-Wasserhahn gar niemand testet? Eigentlich ganz einfach, erläutert der Professor für Verfahrenstechnik in Hydrosystemen der TU Dresden, André Lerch: Das Gesundheitsamt misst direkt am Wasserhahn und zwar in Schulen, Kitas, Pflegeheimen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Stimmt die Qualität dort, dann auch in der Nachbarschaft. Falls nicht, ist daran die Haustechnik Schuld. Lerch empfiehlt bei Mietwohnungen, einfach mal beim Vermieter nachzufragen.

Wenn Verbraucher aufgrund von alten Rohren oder Ähnlichem Zweifel bezüglich der Trinkwassersqualität hegen, können sie sich jederzeit an die zuständigen Gesundheitsämter und Trinkwasseruntersuchungsstellen wenden, rät die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt.

Behauptung 9: Wasser soll das bestkontrollierte Lebensmittel in Deutschland sein: Was heißt das genau?

Was das genau heißt, regelt eine ganze Reihe von Gesetzen wie etwa die Trinkwasserverordnung und zusätzlichen Regulierungen, die unter anderem genau bestimmen, welche Kontrollen wann unter welchen Bedingungen stattzufinden haben. Dafür, dass das erfolgreich funktioniert, spricht, dass Probleme auch gefunden werden und entsprechende Warnungen an die Bevölkerung ausgesprochen werden bzw. Handlungsempfehlungen wie das Abkochen von Wasser.

Wasserfilter-Verkäufer Marre dienen auf Nachfrage zahllose Zeitungsartikel über derartige Porbleme als Belege für seine Behauptungen. Doch tatsächlich widerlegen sie diese und bestätigen genau das Gegenteil: Das Trinkwasser ist so gut kontrolliert, dass Verunreinigungen sehr schnell auffallen und gegengesteuert werden kann.

Und tatsächlich wird Trinkwasser im Vergleich zu anderen Lebensmitteln häufiger und strenger kontrolliert, erläutert UFZ-Forscher Rinke. Insofern sei die häufig gehörte Aussage "Trinkwasser ist das am besten kontrollierte Nahrungsmittel" wirklich zutreffend. Die Wasserversorger führten neben den in der Trinkwasserverordnung festgelegten Untersuchungen auch Screenings zu anderen Substanzklassen durch, sodass im Sinne des Vorsorgeprinzips auch weitere Risiken erfasst und geprüft würden. Doch Rinke räumt auch ein: "Trotzdem stimmt natürlich die Aussage, dass man nur finden kann, was man auch sucht. Eben deshalb sind die Screenings sinnvoll und wichtig."

Behauptung 10: Mineralwasser ist keine Alternative, sondern oft hochgradig belastet. Discounter-Wässer enthalten sogar Uran.

Diese Behauptung bezieht sich offenbar auf einen Test der Stiftung Warentest vom Juli 2019. Demnach sind bei einem Test tatsächlich in jedem zweiten Mineralwasser "nennenswerte Gehalte an Keimen, kritischen Stoffen oder Verunreinigungen" gefunden worden.

Allerdings empfiehlt die "Stiftung Warentest" in der Untersuchung - ein Vergleich von Leitungs- und Mineralwasser - zu normalem Leitungswasser zu greifen. "Unser Nass aus dem Hahn ist sicher", heißt es da. Die Tester haben nach eigenen Angaben in 20 Orten Wasser gezapft und dieses auf 126 Stoffe geprüft. Alle diese Proben hielten die Vorgaben der Trinkwasserverordnung ein, kein Wasser war gesundheitsschädlich. "In manchem fand sich sogar weniger an kritischen Stoffen, als zu erwarten wäre", schreiben die Tester.

Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt gibt jedoch zu bedenken, dass der Ausdruck "hochgradig belastet" eine "krasse Übertreibung und Fehldarstellung der Realität" ist.

Allerdings haben auch andere Vergleichstests gezeigt, dass mehrere Mineralwässer belastet sind, erklärt auch Wasser-Forscher Dr. Karsten Rinke vom UFZ. Hierbei seien aber vor allem hygienische Kenngrößen (z.B. Bakterienzahl) das Problem. Die relevante Verordnung zur Qualität von Mineralwässern sei im Vergleich zur Trinkwasser-Verordnung an einigen Punkten weniger restriktiv. "Aus meiner Sicht ist allerdings der Preis des Mineralwassers bzw. die vertreibende Handelskette hierbei kein verlässlicher Indikator für Probleme", ergänzt Rinke.

Für Uran gibt es Dr. Günter Gunkel von der TU Berlin zufolge einen gesundheitlichen Leitwert von zehn Mikrogramm Uran pro Liter, für Säuglinge von zwei Mikrogramm pro Liter. Für Mineralwasser gebe es aber tatsächlich keinen Grenzwert. "Hier muss der Verbraucher aktiv werden und Mineralwasser mit erhöhten Urangehalten nicht kaufen", so Gunkel. Uran kommt ganz natürlich in Gesteinen vor. Es ist also nicht wirklich verwunderlich, wenn es dann auch in Spuren im Wasser zu finden ist.

Behauptung 11: Guter Geschmack? Viele Inhaltsstoffe kann man weder schmecken, noch riechen und auch nicht sehen.

Diese Behauptung stimmt zu einem großen Teil. Es gibt durchaus Stoffe, die sensorisch nicht wahrnehmbar sind, wie die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt bestätigt. Das bedeute jedoch nicht, dass solche Stoffe auch im Trinkwasser vorhanden sind. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann die Wasserqualität von akkreditierten Laboren prüfen lassen, raten die Verbraucherschützer.

Behauptung 12: Trinkwasser-Grenzwerte dienen nicht der Gesundheit, sondern sind politische Kompromisse.

Die Grenzwerte sind in der Tat politisch festgeschriebene, rechtsverbindliche Werte. Aber die Politik hat sich diese Werte ja nicht willkürlich ausgedacht. Toxikologin Dr. Tamara Grummt vom Umweltbundesamt weist darauf hin, dass die Grenzwerte "toxikologisch abgeleitete und begründete Werte" seien, andere wiederum seien "technisch begründet".

Mineralwasser wird in ein Wasserglas gegossen.
Für gesetzlich festgelegte Grenzwerte gibt es Gründe. Bildrechte: dpa

TU Berlin-Forscher Gunkel erläutert außerdem, dass Grenzwerte und Leitwerte nicht in Stein gemeißelt sind, sondern "dynamische Parameter", die bei neuen Erkenntnissen zur Wirkung und Fortschritten der Vermeidung angepasst würden.

Für UFZ-Forscher Rinke ist diese Behauptung "eine unsachliche Äußerung und nicht zutreffend". Die Zielwerte der entsprechenden Verordnungen richteten sich nach medizinischen Standards und seien im internationalen Vergleich in Deutschland auf höchstem Niveau.

Behauptung 13: Wer ungefiltertes Wasser zu sich nimmt, setzt sich einem hohen Risiko aus.

Diese Aussage kann faktisch nicht belegt werden, zumal unklar bleibt, was genau mit "hohem Risiko" gemeint ist. Verkäufer von Wasserfiltern für Privathaushalte verweisen diesbezüglich oft auf das Umweltbundesamt, das die Schadstoffe im Wasser ja auch belege. Die Experten beim Umweltbundesamt halten Wasserfilter ganz generell für einen sinnvollen Teil der Aufbereitung - allerdings in den Wasserwerken. "Das Trinkwasser vom Wasserversorger, welches zum Verbraucher gelangt, gibt jedoch keinerlei Anlass für eine Besorgnis bzw. Einsatz von Osmosefiltern", erklärte Dr. Tamara Grummt vom Fachgebiet Toxikologie des Trink- und Badebeckenwassers am Umweltbundesamt. Die Trinkwasserqualität werde dadurch nicht oder nur unbedeutend besser. Dem gegenüber stünden größere Risiken.

Die Anwendung einer Umkehrosmose gehört in professionelle Hände, um Fehlbedienungen auszuschließen und eine fachgerechte Wartung zu gewährleisten, da ansonsten Gesundheitsgefahren z.B. durch das "Verkeimen" von Trinkwasser bestehen können.

Dr. Tamara Grummt, Umweltbundesamt

Das sieht auch die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt so: "Wasserfilter bieten keine gesundheitlichen Vorteile", heißt es da. Auch die Verbraucherschützer weisen auf ein Gesundheitsrisiko für Verbraucher hin, da diese oft nicht wüssten, dass die Filter verkeimen, durchbrechen oder sogar schädliche Materialien ins Wasser abgeben könnten. Wenn ein Filter genutzt wird, sollte dieses Wasser grundsätzlich im Kühlschrank aufbewahrt und für Kleinkinder und Immungeschwächte abgekocht werden, raten die Verbraucherschützer.

Schwarzweißaufnahme eines vollen Wasserglases neben einer ebenfalls mit Wasser gefüllten Glaskaraffe
Wasserfilter sind eher was für's Wasserwerk. Bildrechte: imago/JOKER

Diese Probleme leugnet nicht einmal Wasserfilter-Verkäufer Marre selbst. Er teilte auf Nachfrage mit: "Jede Anlage, gleich welcher Bauart (sei es nun ein einfacher Kannenfilter, ein Aktivkohlefilter, ein Wasserspender oder natürlich auch eine Osmoseanlage), kann verkeimen!" Deshalb sei es "dringend erforderlich" regelmäßig die Filter zu wechseln und die Anlage zu desinfizieren. Eine kostspielige Angelegenheit bei Preisen im dreistelligen Bereich für die Osmosefilter.

TU Berlin-Forscher Dr. Günter Gunkel hat zu diesem Punkt angemerkt, dass viele dieser Haushalts-Filter mit Nanosilber beschichtet seien - ebenfalls ein giftiges Schwermetall, das ins Wasser gelangen kann.

Und auch der Dresdner Professor für Verfahrenstechnik in Hydrosystemen, André Lerch, hat da noch einen interessanten Gedanken: Filtert man alle Stoffe aus dem Wasser, erhält man am Ende im Prinzip destilliertes Wasser. Davon zu trinken ist eigentlich überhaupt nicht gut, denn es ist extrem salzarm.

Auf Nachfrage erklärte Wasserfilter-Verkäufer Christian Marre, er sei aufgrund der Vielzahl von Medienberichten selbst verunsichert. Er gehe davon aus, dass die der Wahrheit entsprechen, schreibt er. In den verlinkten Berichten geht es um Wasserasseln, Medikamenten-Reste oder die Nitrat-Belastung des Grundwassers. Das sind sicher alles relevante Problematiken, aber eben auch sehr komplexe Themen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Wie Marre zu den Schlussfolgerungen in seinem Video kommt, bleibt ebenfalls offen. Nach Auffassung von MDR Wissen können die Medienberichte diese in ihrer überspitzten Form nicht belegen. Marre erklärt sich in seiner Begründung dazu so: "Auf Grund der Unmengen an Informationen war mir nicht bewusst, dass es sich bei meiner Zusammenfassung um unbelegte Behauptungen handeln hätte können".

Quellen Prof. Dr.-Ing. André Lerch, TU Dresden
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Günter Gunkel, TU Berlin
Dr. Karsten Rinke, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
Dr. Tamara Grummt, Umweltbundesamt
Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt
Stiftung Warentest

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. Oktober 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 16:50 Uhr

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