Mobilität Wasserstoff: Wie klimaneutral ist er an der Tankstelle?

Zwei von vier Wasserstoff-Verflüssigungsanlagen in ganz Europa stehen in Leuna. Bei der Wasserstoff-Herstellung entscheidet sich, ob der Wasserstoff als grün (CO2-neutral per Elektrolyse mit Ökostrom) oder grau (aus fossilen Brennstoffen) bezeichnet wird. Es gibt bereits Autos, die mit Wasserstoff fahren. Was tanken die denn, grünen oder grauen Wasserstoff?

Ein Auto tankt Wasserstoff
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Die Verkehrswende ist im vollem Gange. Auch Wagen mit einer Brennstoffzelle unter der Motorhaube spielen hier eine Rolle. Diese Autos tanken Wasserstoff. Der soll grün sein, heißt es, und man könnte meinen, es ist schon so weit. Doch wie sieht das tatsächlich aus? In Leuna wurde gerade eine neue Wasserstoffverflüssigungsanlage in Betrieb genommen.

Ein Mann mit Schutzhelm und gelber Jacke vor einer technischen Anlage in einer Halle
Jan Lämmerhirt Bildrechte: Jan Lämmerhirt

Seit einem Jahr ist Jan Lämmerhirt dort Betriebsleiter für die alte und die neue Wasserstoff-Verflüssigungsanlage. In ganz Europa gibt es nur vier, zwei davon stehen in Leuna. Hier wird jeden Tag so viel Wasserstoff verflüssigt, das man damit 2.000 Autos betanken könnte. Das flüssige Gas geht aber vor allem in andere Industriezweige wie die Chip-Produktion. Die neue Anlage sei nicht viel anders als die alte, erklärt Lämmerhirt während der Fahrt über das Industriegelände. Aber sie sei umweltfreundlicher und brauche zehn Prozent weniger Energie. Doch was das genau bedeutet, kann er nicht erklären, auch nicht, wie energieeffizient die Anlage arbeitet, das seien auch geschäftsinterne Zahlen.

Ein Auto tankt Wasserstoff 5 min
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Die Effizienz ist ein kritischer Punkt bei der Wasserstoff-Verflüssigung. Das Gas wird extrem runter gekühlt und muss dann auf dieser Temperatur gehalten werden, bei Normaldruck ist das bei minus 253 Grad Celsius, erläutert Lämmerhirt. Egal, wo der flüssige Wasserstoff hintransportiert wird, oder ob er noch in Leuna bleibt, es müssen minus 253 Grad sein. Möglich wird das im Vakuum. In den Leitungen, dem Container auf dem Lkw, der Wasserstoff wird überall im Vakuum gehalten. Verblüffend ist aber die Antwort auf die Frage, wie hoch der Anteil an grünem Wasserstoff ist, der aus Leuna kommt. Lämmerhirt weiß es nicht genau, aber er sei noch verschwindend gering. Weniger als ein Prozent, vermutet der Betriebsleiter.

Kaum klimaneutraler Wasserstoff an der Tankstelle?

Heißt das, auch an den Tankstellen gibt es nur einen klitzekleinen Anteil klimaneutralen Wasserstoff? Werner Diwald, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbandes widerspricht: "Grundsätzlich sind die Tankstellen nicht darauf angewiesen, nur flüssigen Wasserstoff anzubieten, sondern es gibt auch die Möglichkeit, den gasförmig anzuliefern." Und er sagt auch, es gäbe mittlerweile viele dezentrale Anlagen, die gasförmigen, grünen Wasserstoff herstellen. Er verweist auf einen speziellen Fall. Dort werde Wasserstoff wirklich vor Ort produziert mit Windenergie, in Gasform. Der wird dann auch gasförmig zu den einzelnen Tankstellen gefahren und dort vertankt. Gasförmiger Wasserstoff habe zwar mehr Volumen, aber das energieaufwendige Prozedere mit den minus 253 Grad entfällt.

Grüner oder grauer Wasserstoff: Was wird mehr getankt?

Wie viel grünen Wasserstoff die Kundschaft in Deutschland tankt, weiß Werner Diwald allerdings nicht. Ist vielleicht zu viel Bewegung in der jungen Branche? Auch ein Gespräch mit einem Mitarbeiter der Agentur für Erneuerbare Energie bringt keine Antwort. Dort zweifelt man sogar daran, ob Wasserstoff überhaupt eine Rolle beim Pkw spielen wird, auch wenn Autos schon mit Wasserstoff fahren. Werner Diwald sagt, knapp 1.000 Fahrzeuge seien schon so unterwegs. Seine Prognose: "Wir sehen den Beginn eines Markthochlaufes. Ab 2045 sollen alle Brennstoffzellenfahrzeuge ausschließlich grünen Wasserstoff tanken." Diwald denkt, das Ziel werde schon zehn Jahre eher erreicht, auch wenn gerade alles noch etwas diffus wirkt. Den klimaneutralen Sprit herzustellen, sei kein Problem. Die Firma Linde zum Beispiel würde, je nach Nachfrage, einfach mehr grünen Wasserstoff produzieren und dann verflüssigen. Allerdings kostet der momentan noch das Dreifache. Es sei deshalb nicht nur eine Frage der Nachfrage, sondern auch eine Frage der Politik, sagt wiederum Andreas Wolf, Großkundenbetreuer bei Linde: "Strom ist heute teurer als Erdgas, und Erdgas stellt heute den Rohstoff für Wasserstoff her. Entsprechend gibt es dort eine Diskrepanz."

Grün oder grau? Eine Frage des Entstehungsprozesses

In der Halle, in der in Leuna der Wasserstoff verflüssigt wird, ist es so laut, dass man kein Wort verstehen kann.

In einer sogenannten Cold-Box steckt die ganze neue Technik drin. Ob hier hier grüner oder grauer Wasserstoff verflüssigt wird, ist Lämmerhirt zufolge völlig egal. Physikalisch ist der Wasserstoff ein und dasselbe Produkt, das hängt ja nur mit dem CO2-Fußabdruck zusammen. Der Wasserstoff, den die Kundschaft tankt, ist immer derselbe. Grünen oder grauen gibt es streng genommen gar nicht. Entscheidend ist der Entstehungsprozess. Grauer Wasserstoff wird aus Erdgas gewonnen, grüner aus Wasser oder Biogas und erneuerbarem Strom. Damit gilt er als klimaneutral. Das Ergebnis aber ist dasselbe: Wasserstoff.

Hier, bei Linde macht der grüne weniger als ein Prozent aus. Ähnlich sieht es vermutlich auch an den Tankstellen aus. Aber das sind nur Vermutungen.

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