Medienforschung Diversität in TV, Kino und Kinderprogramm – zu viele Männer

Wie zeigen Kino und Fernsehprogramm unsere Welt, wenn man sie allein auf Geschlechtergerechtigkeit in der simpelsten Variante, nach Männern und Frauen abklopft? Frauen sind selten und wenn, dann auf der Suche nach Liebe.

vier jungen Menschen schauen Fernesehen
Wie werden Männer und Frauen in Filmen gezeigt? Das hat die neue Studie für TV und Kino untersucht. Bildrechte: Colourbox.de

Wie steht es um die Geschlechterdarstellung in Kinofilmen, im Fernsehen – für Erwachsene und Kinder? Wen sehen wir im TV in Informationssendungen, Unterhaltungsshows, in Serien, in welchem Alter, in welchen Rollen, in welchen Erzählungen? Genau das hat sich die jüngste Rostocker Studie zu Geschlechter-Diversität in Kinofilmen und im Fernsehen angeschaut. Die Kernfragen der Studie: Wie präsent sind Frauen und Männer auf deutschen Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden? Wie alt sind Frauen und Männer im Fernsehen und im Kino? In welchen Funktionen sind Frauen und Männer sichtbar? Wie sieht es im Kinderfernsehen aus?

Ergebnis: Weibliche Protagonistinnen sind im Fernsehprogramm massiv unterrepräsentiert. Zählt man die Personen in den 2.945 analysierten Fernsehproduktionen, die für die Studie ausgewertet wurden, nach binärem Geschlecht, also schlicht Männlein, Weiblein, aus, kommt man auf ein Verhältnis von 33 zu 67 Prozent. Männer sind also doppelt so häufig zu sehen.

Wenn Frauen gezeigt werden, dann nur jung und schön

In Kinofilmen ist das Frauen-Männer-Verhältnis mit 42 zu 58 Prozent nicht ganz so weit auseinander. Der Teufel zeigt sich auch hier im Detail, nämlich, wenn man genauer hinschaut, in welchen Rollen, welchem Alter, welchen Positionen Frauen auftauchen.

"Wenn Frauen im Kino vorkommen, dann jung und schön", sagt Professorin Dr. Elisabeth Trommer im Gespräch mit MDR AKTUELL: "Die Sichtbarkeit von Frauen im Kino hört mit 35 Jahren auf, bei den Männern mit 50." Die vorhandenen Frauen werden dann jedoch in Stereotypen erzählt, zeigt die Wissenschaftlerin auf. Frauen werden häufig im Kontext von Beziehungen, Partnerschaft erzählt, es sind Geschichten von Frauen als Love-Interest oder auf der Suche nach der Liebe. Andere Geschichten kommen ihr zufolge selten vor. "Wenn aber Frauen Regie führen und das Drehbuch schreiben, sehen wir andere Frauenfiguren, ältere, und Figuren, die nicht so oft auf Partnerschaft und Liebe beschränkt sind."

Was auch damit zusammenhängen könnte, dass drei Viertel der Filme laut Prommer von Männern geschrieben und inszeniert werden. Daraus lässt sich der Forscherin zufolge interpretieren, dass wir in Kinofilmen vielfältigere Frauenfiguren sehen würden, wenn mehr Frauen Regie führen und Drehbücher schreiben würden. Genauso, wie wir jetzt schon Männer sehen, die keinem Schönheitsideal entsprechen, sondern als "Charakterköpfe" auf unseren Bildschirmen altern – mit Haaren oder ohne, mit krummen oder geraden Zähnen, mal mit mal ohne Bauch, faltig und runzlig.

Eine Frau auf einer Bühne
Prod. Dr. Elisabeth Prommer, Medienforscherin Bildrechte: dpa

Weitere Ergebnisse: Über alle Fernsehprogramme hinweg kommen auf eine Frau zwei Männer. Ausnahme: In Telenovelas und Daily Soaps repräsentiert die Geschlechterverteilung die tatsächliche Verteilung in Deutschland. Bei den Fernsehvollprogrammen (senden rund um die Uhr) kommt ein Drittel der analysierten 17 Programme ganz ohne weibliche Protagonistinnen aus. Zum Vergleich: Nur 15 Prozent sind komplett ohne männliche Protagonisten. Menschen mit Spezial-Expertise sind überwiegend männlich, zu 79 Prozent in der TV-Information und zu 69 Prozent in den nonfiktionalen Unterhaltungsprogrammen. (Nonfiktional heißt: Die erzählte Geschichte hat sich tatsächlich zugetragen und die Protagonisten gibt oder gab es wirklich.) Auch das Kinderfernsehen ist von einer fairen Verteilung der Geschlechter noch weit entfernt: Nur eine von vier Figuren ist weiblich, und eines von zehn Tieren.

Testen Sie mal selbst! Mit Bechdel- oder Furtwängler-Test

Eine Frau sitzt alleine in einem Kinosaal, schaut einen Film und gruselt sich
Der Bechdel-Test könnte manchen erschrecken, egal ob im Kino oder beim Fernsehgucken Bildrechte: imago/Panthermedia

Wer selbst einmal den Test machen will, dem seien Bechdel- und Furtwängler-Test empfohlen. Zum Beispiel schaue man sich eine Film- oder Fernsehproduktion nach den Bechdel-Fragen an, es sind vier: Gibt es zwei Frauen? Haben diese erkennbare Namen? Sprechen diese miteinander? Sprechen sie über etwas Anderes als Männer/Beziehung? In der Studie zeigte sich bei den Analysen: in 57 Prozent der Filme wurden alle vier Fragen mit Ja beantwortet. Oder man mache den Furtwängler-Test mit diesen vier Fragen: Gibt es zwei Männer? Haben diese erkennbare Namen? Sprechen diese miteinander? Über etwas Anderes als Frauen/Beziehung? In 87 Prozent der für die Studie analysierten Kino- und Fernseh-Filme war das der Fall.

Was wurde analysiert?

Für die Studie wurden zum einen alle deutschen Kinofilme analysiert, die zwischen 2017 und 2020 in Deutschland erschienen und mit Geld aus Deutschland finanziert wurden. Außerdem wurden zwei künstliche Fernsehwochen im Vollprogramm, also von Mitternacht bis Mitternacht untersucht, von allen öffentlich-rechtlichen ebenso wie privaten Sendern. Künstliche Fernsehwochen bedeutet, man nimmt zwei zufällig ausgewählte Montage, Dienstage etc. aus dem Jahr und setzt daraus zwei Wochen zusammen.

Den Link zum Studienbericht finden Sie auf dieser Seite.

(lfw)

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5 Kommentare

sh. vor 20 Wochen

Warum körperlich hart arbeiten und womöglich noch Werte schaffen, wenn man mit derartigen Studien auch Geld verdienen kann. Dieser Eindruck wird in diesem Land immer stärker, nicht nur bei diesem Beispiel.

Wachtmeister Dimpfelmoser vor 20 Wochen

Ich frage mich, wer denn allen Ernstes und wirklich und wahrhaftig ins Kino geht und hinterher enttäuscht wieder rauskommt, weil der Bechdel- oder Furtwängler-Test negativ ausgefallen sind? Was für kommerzielle Rohrkrepierer herauskommen können, wenn man auf Krampf ein Jahrzehnte altes Erfolgsmodell ins Feministische umswitchen will, der schaue auf das "Ghostbusters"-Remake von 2016, das Regisseur Paul Feig zufolge einen Verlust von 70 Millionen US-Dollar einspielte. Gute Filme mit quasi einer einzigen starken Hauptdarstellerin - ich denke hier beispielsweise an Frances McDormand in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" -
brauchen solche lächerlich-abstrusen Indices ohnehin nicht. Und: Dieser Film lebt von seiner Solo-Protagonistin. Hätte man nur um des lieben Friedens willen weitere Quotenfrauen eingestreut, wäre das mit ziemlicher Sicherheit schiefgelaufen.

dimehl vor 20 Wochen

In diesem Zusammenhang ist mir folgendes aufgefallen:
Wenn man das Programm, aber auch die Werbespots in letzter Zeit so betrachtet:
Erst gab es das Schwarz-Weiß-Fernsehen, dann kam das Farbfernsehen und heute haben wir Buntfernsehen...

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